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Ausrottung: Die letzten Menschenaffen

Seit Jahrzehnten vernichten wir ihre Wälder. Wir töten und wir essen sie. Jetzt schlagen Wissenschaftler Alarm: Unsere nächsten Verwandten stehen vor dem Aussterben

Noch vor rund zehn Jahren waren Teile des Kongo ein wahres Affenparadies. Forscher der französischen Universität Rennes, die eine sumpfige Lichtung im Norden des Odzala-Nationalparks beobachteten, zählten 442 Gorillas - 37 Familien und 21 Einzelgänger - , die sich immer wieder dort einstellten, weil auf dem Gelände besonders leckeres und mineralstoffreiches Grünzeug wuchs. Innerhalb von zehn Monaten verzeichneten die Wissenschaftler 2637 Besuche der zottigen Kostgänger auf der rund drei Hektar großen Waldschneise. Die spanischen Primatologen Magdalena Bermejo und Germain Ilera dokumentierten etwa zur gleichen Zeit im OdzalaNationalpark eine ähnlich spektakuläre Dichte: neun bis zehn Gorillas pro Quadratkilometer. Im nahe gelegenen Lossi-Reservat fanden sie immerhin neun Familien mit zusammen 145 Tieren.

Dieses Paradies der Affen gibt es nicht mehr. Als die Spanier kürzlich erneut in der Lossi-Region nach ihren Forschungsobjekten Ausschau hielten, fanden sie noch sechs Gorillas. Und auch andernorts im Kongo sowie im benachbarten Gabun sind die Affenbestände dramatisch zurückgegangen. Eine Studie, die jetzt im renommierten britischen Wissenschaftsmagazin "Nature" veröffentlicht wurde, zeigt das ganze Ausmaß des Primatensterbens. Ein Forscherteam um Peter Walsh vom Institut für Ökologie und Evolutionsbiologie der amerikanischen Princeton-Universität hatte zwischen 1998 und 2002 in der Demokratischen Republik Kongo und in Gabun Gorillas und Schimpansen gezählt und die Daten mit der letzten Bestandsaufnahme aus den Jahren 1981 bis 1983 verglichen. Die beiden Länder wurden ausgewählt, weil sie noch über 60 bis 80 Prozent ihrer ursprünglichen Regenwald-Decke verfügen und als Hochburgen beider Affenarten gelten. Sie sollen rund 80 Prozent aller Schimpansen und Flachlandgorillas der Welt beherbergen.

Das niederschmetternde Ergebnis des Walsh-Reports: Von 1983 bis 2000 sank die Dichte der Schimpansen und Gorillas im Kongo und in Gabun um durchschnittlich 56 Prozent. In einigen Gebieten verschwanden sogar 99 Prozent der Primaten. Walsh weist darauf hin, dass seine zurückhaltend interpretierten Daten möglicherweise "das wahre Ausmaß des Niedergangs wesentlich zu niedrig einschätzen" - und dass die Lage in Ländern wie Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea sogar noch schlimmer sein könnte.

Die Menschenaffen sind vom Aussterben bedroht. Wie groß die Restbestände heute noch sind, ist strittig. Die Angaben einzelner Forschergruppen gehen oft deutlich auseinander. Versucht man, einen vernünftigen Mittelwert aus den Angaben der Experten und den glaubwürdigsten Daten großer Verbände zu destillieren, ist das Resultat folgendes: Auf dem ganzen Planeten gibt es nicht einmal mehr 350.000 Gorillas, Schimpansen, Bonobos und Orang-Utans.

Nach Schätzungen der "Bushmeat Crisis Task Force" (BCTF), einer 1999 gegründeten Schutzorganisation mit Sitz in Washington, sind von den rund fünf Millionen Schimpansen, die vor 50 Jahren in 25 west- und zentralafrikanischen Ländern durchs Geäst sausten, weniger als 150.000 übrig geblieben. In fünf ihrer ursprünglichen Heimatländer seien sie ausgestorben, und bis zum Ende des Jahrzehnts sollen weitere fünf Staaten schimpansenfrei sein - darunter auch die Demokratische Republik Kongo. Andere Quellen beziffern die Überbleibsel der einst großen Affenpopulation auf etwa 200.000. Das ist die Zahl der Fußballfans, die sich beim Abschiedsspiel von Pelé im Maranana-Stadion in Rio drängten.

Nur noch etwa 110.000 Gorillas leben auf der Welt - höchstens, denn die Ergebnisse der Walsh-Studie sind in dieser Zahl noch nicht berücksichtigt. Weit abgeschlagen auf Platz drei und vier rangieren die beiden anderen Primaten: Nach einer Rechnung des niederländischen Affenschützers Willie Smits haben etwa 12.000 Orang-Utans überlebt. "Anfang des Jahres wurde ihre Zahl noch auf 14.000 geschätzt", sagt er. Kaum weniger miserabel geht es den Bonobos, einer Zwergschimpansenart, die nur im Kongo vorkommt. Die Zahl der sexhungrigen Affen, die erst in den 30er Jahren entdeckt wurden, soll zwischen 1980 und 1990 von 100.000 auf 10.000 gesunken sein. Heute gelten 3.000 als der kümmerliche Rest.

Verantwortlich für das große Sterben seiner engsten Verwandten ist vor allem der Mensch. In Afrika und Asien werden den Affen die Bäume unter den Beinen weggesägt, damit das Tropenholz exportiert oder große Plantagen, meist für Ölpalmen, angelegt werden können. Von den menschlichen Vettern als Delikatesse geschätzt, werden die Tiere gnadenlos gejagt und abgeschlachtet. In Afrika macht ihnen zudem das Ebola-Virus zu schaffen.

Der Erreger des hämorrhagischen Fiebers sucht die Populationen in Gabun und im Kongo immer wieder heim und löscht ganze Primatenclans aus. Durch verseuchtes Affenfleisch überträgt sich das Virus auf die Menschen: 1994 bis 1996 grassierte es in mehreren Dörfern am Minkebe-Nationalpark. Zwischen November 2001 und Juni 2002 starben im Grenzgebiet 80 Menschen an der Seuche, und die gegenwärtige Ebola-Epidemie im Kongo hat bereits weit über 100 dahingerafft. Obwohl erkrankte Tiere hochinfektiös sind und niemand einem Affenbraten ansehen kann, ob er mit Viren durchseucht ist oder nicht, lassen die Menschen vom Genuss des Fleisches nicht ab. "Bushmeat" ist nach wie vor begehrt.

Vor allem in Afrika boomt der Handel mit Gorilla-Steaks, Schimpansen-Schnitzeln und geräucherten Bonobo-Rippchen wie nie zuvor. Laut BCTF wechselt in West- und Zentralafrika jährlich Affenfleisch im Wert von etwa einer Milliarde Dollar den Besitzer. Den Angaben der Organisation zufolge stehen die rund 2.000 auf Affen spezialisierten Wilderer oft im Sold der Konzerne, die den Regenwald niedermachen und ihre Holzfällertrupps mit Fleisch versorgen lassen wollen. Auf den neuen Straßen, die zum Abtransport der gefällten Urwaldriesen in den Regenwald gewalzt werden, stoßen die Jäger in bis dato unberührte Waldgebiete vor, und sie schaffen ihre Beute oft auf den Holz-Lastern in die Stadt. Ein guter Affenkiller verdient im Kongo zwischen 300 und 1.000 Dollar im Jahr - ein lukratives Einkommen in einem Land, in dem der Durchschnittsverdienst bei 100 Dollar liegt.

"Im Busch kostet Affenfleisch so viel wie Schwein oder Huhn", sagt der schweizerische Tier-Fotograf und Affenkenner Karl Ammann, der seit einem Vierteljahrhundert in Afrika lebt. "In den Großstädten ist es wegen der starken Nachfrage begüterter Kreise jedoch weitaus teurer. Ein halber geräucherter Bonobo kostet im Busch zwei Dollar. In der Provinzstadt muss man vier bis fünf Dollar zahlen, in der Hauptstadt Kinshasa 15 bis 20." Gorillapranken und Bonoboschenkel sind sogar ein Exportschlager. "Ich glaube nicht, dass es auf der Welt eine Stadt mit westafrikanischen Einwanderern gibt, in die kein Affenfleisch ausgeführt wird", sagte Richard Ruggiero vom US Fish und Wildlife Service der Zeitschrift "Nature". Viele Asiaten lecken sich ebenfalls die Lippen nach Menschenaffenfleisch: Orang-Utans werden genauso abgeschlachtet, verzehrt und exportiert wie ihre afrikanischen Verwandten. "Das Fleisch kostet auf dem Markt in Borneo rund 5.000 Rupiah pro Kilo, umgerechnet 50 Cent", sagt der Tropenwaldökologe und Tierschützer Smits. "Getrocknet wird es unter anderem nach China exportiert, wo es als Aphrodisiakum gilt." Auch Naturschützer und Wissenschaftler wie die Orang-Utan-Expertin Biruté Galdikas stehen unter Beschuss. Kritiker werfen ihnen vor, sich nicht genügend bei Behörden für die Tiere einzusetzen. So ist nach Recherchen der Londoner "Environmental Investigation Agency" (EIA) Galdikas' Nationalpark in Kalimantan seit Jahren Tummelplatz von Tausenden illegaler Holzfäller und Goldwäscher. Selbst in unmittelbarer Nähe der Forschungsstation Camp Leakey, dem Allerheiligsten der Gelehrten, kreischen die Kettensägen. Die Zahl der Orang-Utans sei seit 1994 von etwa 2.000 auf 500 gefallen. Gehe die Entwicklung weiter, so die EIA, werde der Park im Jahre 2005 zerstört sein.

Der indonesische Journalist Abi Kusno Nachran wirft den Tierschützern vor, zu oft vor korrupten Behörden zu kuschen. "Die Umweltschützer haben viel zu viel Angst, und deshalb kommen sie auf keinen grünen Zweig", sagte Abi.

Dass energischer Einsatz

für die Natur aber tatsächlich gefährlich werden kann, hat der 62-jährige Reporter am eigenen Leib erfahren. Am 28. November 2001 wurde er von Schergen des Holzbarons Rasyid mit Macheten niedergemetzelt. Er erlitt Dutzende schwerer Verletzungen, darunter drei potenziell tödliche am Kopf, der Wirbelsäule und an dem in mehrere Teile zerhackten rechten Arm. Abi, der bei dem Attentat auch vier Finger der linken Hand einbüßte, hatte sich den Zorn Rasyids zugezogen, weil er drei mit illegal geschlagenem Edelholz aus dem Nationalpark Tanjung Puting beladene Schiffe des Holzbarons an die Kette legen ließ.

Wie die letzten Affen gerettet werden können? Für Abi Kusno Nachran gibt es keinen Zweifel: "Der Westen muss aufhören, Tropenholz und Palmöl aus Indonesien zu kaufen", sagt er. "Wenn die Welt das Holz und Öl nicht mehr will, wird kein einziger Baum mehr gefällt."

Gerd Schuster / print