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Der Tod von Knut Die besten Bären sterben jung


Mit Knut starb der Sehnsuchtsbär der Deutschen. Als Bärenbaby verzückte er die Nation, nun trauern seine Fans wie um einen alten Freund. Eine Hirnerkrankung soll seinen frühen Tod verursacht haben.
Von Gernot Kramper und Lea Wolz

Knut war immer mehr als nur ein Tier, er war der Sehnsuchtsbär der Deutschen. Als er starb, waren die Besucher im Zoo geschockt und brachen in Tränen aus. Blumen und Karten wurden niedergelegt, ein Kondolenzbuch angelegt. Ist das zuviel Anteilnahme für ein Tier?

Vielen hat der kleine Eisbär viel gegeben. Natürlich sind dabei die Sehnsüchte der Menschen in das Tier Knut projiziert worden. Wie so häufig im Verhältnis von Mensch und Natur. Per se sind Berge nicht erhaben und der Sonnenuntergang vielleicht rot, aber nicht romantisch. Und ein Bär ist eigentlich ein Tier, doch Knut eignete sich als Projektionsfläche besonders gut. In dem kleinen, tapsigen Bärenkind konnte wohl nur ein Biologe die kindliche Ausprägung des größten Landraubtiers des Planeten erkennen. Für alle anderen sah Knut wie ein frecher Junge im Pelzkostüm aus. Knut entsprach dem Kindchenschema und war obendrein von seiner Mutter verstoßen worden. Das musste Schutzinstinkte beim Betrachter wecken.

Gestorben wie ein Star

Eine weitere Fügung war Thomas Dörflein, der Pfleger des Bären. Eine Gesellschaft, der die Väter abhanden kommen, konnte sich am Bild dieses vorbildlich sorgenden und kümmernden Mannes nicht sattsehen. Verantwortlich, überlegt und voller Gefühl – welche alleinerziehende Mutter hätte sich nicht so einen Mann für ihre Kinder gewünscht. Wenn Dörflein mit dem kleinen Bären spielte, schien es, als wäre das Bibelwort wahr geworden, in dem es heißt: "Die Wölfe werden bei den Lämmern wohnen. … Man wird niemand Schaden tun noch verderben auf meinem ganzen heiligen Berge." Zudem war Bär Knut als Naturkind vollkommen unschuldig an dem medialen Rummel um ihn herum. Darin unterschied er sich wohltuend von anderen Selbstdarstellern unser Zeit.

Der Bärenkurator der Zoos, Heiner Klos, musste nun dem Gerücht entgegentreten, Knut werde bei seinem Ziehvater Thomas Dörflein beerdigt. "Im Tode vereint" – ein gemeinsames Grab wäre dabei der passende Endpunkt dieses Bärenlebens. Knut, der Bär, ist abgetreten wie ein großer Star. Mysteriös, plötzlich und jung.

Debatte um artgerechte Haltung

Eine alte Debatte hat der Tod von Knut neu befeuert: Dürfen wilde Tiere wie Eisbären in Zoos gehalten werden? Und ist das artgerecht überhaupt möglich?

Nein, sagen Tierschützer. Die Tierschutzorganisation Peta und der Deutsche Tierschutzbund forderten daher nach dem Tod von Knut einen sofortigen Stopp der Eisbärenhaltung in Deutschen Zoos. Auch der Tierschutzbeauftragte des Landes Berlin, Klaus Lüdcke, kritisierte, dass die Haltung nicht artgerecht sei. Eisbären seien "reine Einzelgänger". Nur in der Paarungszeit vertrügen sie die Nähe von Artgenossen. "Nur dann können sie sich riechen, nur dann stimmt die Chemie", so Lüdcke. Wildtiere derart im Zoo zu halten, löse bei diesen zwangsläufig Stress aus, der die Tiere belaste.

Zuvor waren Spekulationen ins Kraut geschossen. Sorgten die Mitbewohnerinnen im Gehege für Stress bei Knut? Besuchern zufolge hatten die drei Eisbärinnen Tosca, Nancy und Katjuscha, mit denen Knut seit September 2010 zusammenlebte, ihren männlichen Artgenossen gemobbt und systematisch isoliert. Für Knut, so legen die Schilderungen nahe, war das Leben im Berliner Zoo alles andere als ein Eisbärenidyll.

Ging Knut also an Stress zugrunde? Wohl kaum, meint Michael Böer, Professor für Tiergartenbiologie und Zoo- und Wildtiermedizin an der Tierärztlichen Hochschule für Hannover. "Ein Kampf um Hierarchien ist innerhalb einer Tiergruppe nichts Außergewöhnliches", sagt er. "Das ist ein normaler sozialer Druck, der auch bei Knut nicht sein Anpassungsvermögen überfordert haben dürfte." Zudem habe der Eisbär bereits seit einiger Zeit mit seinen Gehegegenossinnen zusammengelebt. "Die Situation war in mancher Hinsicht vielleicht nicht optimal, aber keine Tierquälerei", so Böer.

Knut litt an einer Hirnerkrankung

Mittlerweile hat die Obduktion von Knuts Kadaver erste Hinweise auf die Todesursache geliefert. Demnach litt der Eisbär wohl an einer Hirnerkrankung, wie der Zoo Berlin mitteilte. Bei der Sektion seien "deutliche Veränderungen des Gehirns" festgestellt worden. "Dass sich Knut vor seinem Tod mehrmals im Kreis dreht, könnte ein Hinweis auf Krampfanfälle sein", vermutet Tiermediziner Böer. Zur Todesursache laufen im Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin allerdings noch weitere Untersuchungen - unter anderem zu möglichen bakteriellen Infektionen. Die Analysen können noch mehrere Tage dauern. Es sei daher "noch viel zu früh", um von den ersten Befunden auf eine bestimmte Erkrankung zu schließen, sagte eine Zoo-Sprecherin.

Doch die Ergebnisse werfen bereits neue Fragen auf: Könnten solche neurologischen Veränderungen auch im Zuge von Inzest auftreten? Damit stünde mit dem Tod von Knut nicht nur die Haltung, sondern auch die Zucht von Eisbären wieder in der Kritik. So sieht der Nürtinger Tierrechtler Frank Albrecht einen Zusammenhang "zwischen Inzest, Erbkrankheit und Stress". Knuts Vater Lars sei im Inzest gezeugt worden. Bedenklich sei, dass mehrere Nachkommen von ihm nicht lange überlebt hätten.

Bekannt ist, dass es bei Nachkommen zu Defekten kommen kann, wenn sich genetisch verwandte Tiere paaren. Bei einer kleinen Eisbärenpopulation, wie sie in Zoos in Gefangenschaft vorhanden ist, besteht daher schnell die Gefahr, dass die genetische Vielfalt verloren geht. Organerkrankungen oder Verhaltensauffälligkeiten beim Nachwuchs drohen.

Auch Tiermediziner Böer will nicht ausschließen, dass Veränderungen im Gehirn, wie sie Pathologen nun bei Knut festgestellt haben, im Zusammenhang mit Inzest auftreten. "Bei Knut halte ich das allerdings für nicht sehr wahrscheinlich, da seine Eltern aus genetisch völlig unterschiedlichen Linien stammen", sagt er. Die Trauer um Knut kann Böer nachvollziehen. "Die Menschen hatten den kleinen Eisbären ins Herz geschlossen, daher ist es verständlich, dass sich nun auch viele Gedanken machen, was man hätte anders machen können."

Und so hat Knuts Tod offenbar auch etwas Gutes: Die Öffentlichkeit wurde für Themen wie anregende Gehege, tiergerechte Haltung und Zucht sensibilisiert. Das Problembewusstsein ist gewachsen, es wird an Verbesserungen gearbeitet. Ein Verdienst des kleinen Bären und seiner großen Fangemeinde.

mit Agenturen

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