Zum Tode Thomas Dörfleins Held aus Versehen


Thomas Dörflein war keiner, der nach öffentlichem Ansehen rang oder gute Taten vollbrachte, weil sie Prestige einbringen. "Ich tue doch nur meine Arbeit", pflegte der wortkarge Mann zu sagen, wenn ihm der Trubel zu groß wurde. Für die Öffentlichkeit aber war der Ziehvater von Eisbär Knut ein Held.
Von Eva Wolfangel

Wie ein stolzer Vater rief Thomas Dörflein im Frühjahr 2007 jeden Morgen seinen Vorgesetzten Raimund Opitz an und berichtete von den jüngsten Erfolgen seines Zöglings: Wieder ein Kilo mehr Gewicht auf der Waage! Er hat sein erstes Croissant gefressen! Die täglichen Telefonate waren die Vorbereitung auf die gemeinsamen Auftritte, die Dörflein und Cheftierpfleger Opitz ab März vergangenen Jahres regelmäßig gemeinsam mit Eisbär Knut hatten. "Thomas war sehr medienscheu, deshalb habe ich immer moderieren müssen", erinnert sich Opitz an diese Momente. Dörflein hat sich nie in der Öffentlichkeit gesonnt. Im Gegenteil, der Rummel war ihm unheimlich: "Das befremdet mich sehr", gab er einmal neugierigen Journalisten zu Protokoll.

Aber er konnte nicht anders. Als Thomas Dörflein am 5. Dezember 2006 eingriff, als er sah, wie die Eisbärenmutter Tosca ihre beiden Neugeborenen verstieß, dachte er nicht daran, dass er damit weltberühmt werden könnte. Die Hilflosigkeit der beiden kleinen Bärenbabys, die damals noch in eine Hand passten, berührte ihn. "Das ist doch ganz klar, dass man da unbedingt helfen muss", sagte er später in einem Interview. Eines der Tiere starb am nächsten Tag, Knut überlebte - dank Dörfleins Einsatz.

"Ich mache doch nur meine Arbeit"

Dass der Pfleger daraufhin Tag und Nacht mit dem kleinen Eisbären verbrachte, ihm die Flasche gab, Lieder vorsang und sogar Weihnachten bei ihm blieb, sorgte in der Öffentlichkeit für Bewunderung - und für Kopfschütteln. Ein Mann Mitte 40 mit zwei erwachsenen Kindern und einer Partnerin sollte Weihnachten mit der Familie verbringen, fanden viele. Andere warfen ihm vor, er verwöhne den Eisbären und verwehre ihm eine Zukunft als normales Raubtier. Eine Mischung aus Bewunderung und schrägen Blicken begegnete dem Tierpfleger in diesen Tagen.

"Naja ich möchte nicht wissen, wie viele Weihnachtsmänner Knut damals verspeist hat", sagt Opitz lachend. Er kennt solche Situationen aus eigener Erfahrung, er hat zahlreiche Menschenaffen groß gezogen. "Man liebt diese Tiere wie ein eigenes Kind, man muss aufpassen, dass man die Grenzen wahrt und sie nicht zu sehr verwöhnt." Doch Dörflein hat sich sehr bewusst mit seiner Rolle auseinandergesetzt. "Ich mache doch nur meine Arbeit" bedeutete für ihn auch, den kleinen Eisbären nicht als abhängiges Kuscheltier zu missbrauchen, um sein eigenes Ego zu stärken. Wenn Knut über die Stränge schlug, strafte ihn Dörflein ebenso, wie es eine strenge Eisbärenmutter tun würde.

Im März 2007 nahm der Berliner Zoo Auftritte des Pflegers mit dem putzigen Eisbärenbaby Knut fest in sein Programm auf - und Thomas Dörflein wurde von einem Tag auf den anderen berühmt. "Das war verrückt", erinnert sich Opitz an den internationalen Medienauflauf: "Schlimmer als wenn die Bundeskanzlerin kommt!" Dabei wirkten Dörfleins Auftritte überhaupt nicht wie Auftritte. Die Zuschauer wurden Zeugen einer sehr persönlichen Begegnung. Einer Begegnung, bei der die Nähe zwischen dem Tier und seinem menschlichen Pfleger auf märchenhafte Weise fühlbar wurde. Eine Nähe, die Zuschauer beinahe zu Voyeuren werden ließ, gerade so, als blicke man bei anderen Menschen heimlich ins Wohnzimmer. Vielleicht war es gerade das, was die Menschen so sehr faszinierte, dass Dörflein wäschekörbeweise Fanpost, Liebesbriefe und zahllose Heiratsanträge bekam. Er beantwortete keinen einzigen.

"Ein eigenwilliger Typ"

"Ich mache doch hier nichts als meine Arbeit." So reagierte der Tierpfleger auch, als er vor einem Jahr das Bundesverdienstkreuz verliehen bekam. Eine solche Auszeichnung sei nun wirklich nicht nötig. Viele Zeitgenossen sagen solche Sätze, weil die Menschen das hören wollen. Weil Bescheidenheit "gut kommt", wenn man ein Star werden möchte. Thomas Dörflein war einer der wenigen, der diesen Satz ernst meinte. Und er wollte kein Star werden.

Bei seinen Kollegen galt der 45-Jährige als still und unnahbar, "ein eigenwilliger Typ", wie sie sagen. Obwohl er seit 26 Jahren im Berliner Zoo arbeitete, kannte ihn keiner näher, über sein Privatleben sprach er nicht. Das änderte sich mit Knut, erinnern sich die Kollegen: "Er wurde lockerer und kam richtig aus sich raus", sagt Opitz, "er war für ein Pläuschchen offen, man konnte auch mal über andere Dinge als Bären reden."

Sie haben über vieles gesprochen während ihrer intensiven Zusammenarbeit im Frühjahr und Sommer vergangenen Jahres. Dass Zoodirektor Bernhard Blaszkiewitz im Juni die öffentliche Knut-Show vom Programm nahm und Dörflein den engen Kontakt zu dem inzwischen großen Eisbären aus Sicherheitsgründen verbot, machte dem Tierpfleger schwer zu schaffen. Heimlich ging er dennoch hin und wieder in seinen Käfig, um mit dem Schützling zu kuscheln. "Knut ist doch noch ein Kind, er braucht mich", sagte er damals. Beschäftigt hat den Pfleger auch der drohende Abschied von Knut, wenn dieser in einen anderen Zoo verlegt werden würde. "Wenn Knut geht, das wird bestimmt weh tun." Er fragte seinen Chef Opitz um Rat: "Wie war das bei dir?" Dörflein war sich seiner Rolle und seiner Verantwortung wider aller Vorwürfe von außen bewusst. "Du wirst heulen und sauer sein", hat Opitz ihm geantwortet, "aber du wirst es eines Tages verstehen."

"Wir haben so viel über die Zukunft geredet "

Aber soweit kam es nicht. Als sich Dörflein nach seinem Sommerurlaub krank meldete, war Opitz klar, dass etwas schlimmes sein muss. "Er hat in all den Jahren nie gefehlt", sagt er. Aber Dörflein kam nach einigen Wochen zurück und wirkte fit wie eh und je. Er habe den Blasenkrebs besiegt, erzählte er seinem Chef. "Danach war alles wie vorher", sagt Opitz. Deshalb vermutet er eher einen Herzinfarkt hinter dem plötzlichen Tod Dörfleins an dessen gestrigen freien Tag. "Wir haben so viel über die Zukunft geredet", sagt er.

Ob Knut seinen Ziehvater nun vermisst, ist schwer zu sagen. "Er lässt sich nichts anmerken", so Opitz. Doch das ist keine Undankbarkeit. Raubtiere lösen sich nach einiger Zeit von der Mutter und leben als Einzelgänger. Früher oder später hätte sich Dörflein von seinem Zögling trennen müssen und akzeptieren, dass er ein Raubtier und kein Kuscheltier ist. Er hätte auch diesen schmerzhaften Abschiedsprozess wahrscheinlich mit sich selbst ausgemacht und sich allenfalls mit engen Kollegen wie Opitz besprochen. Zur öffentlichen Seelenschau taugte er auch an diesem Punkt nicht, so neugierig das Publikum darauf gewesen wäre.

Eisbär Knut wird seinen Pfleger wahrscheinlich vergessen. Die Mitarbeiter des Berliner Zoos hingegen werden immer an Thomas Dörflein denken, da ist sich Opitz sicher: "Der prächtige Eisbär, der Knut dank Thomas geworden ist, wird uns immer an ihn erinnern." Der "Held aus Versehen" hat sich ein Denkmal geschaffen.


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