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Jubiläum im Berliner Zoo: Ein Jahr "Knut-Show"

Heute vor einem Jahr hatte Eisbärenbaby Knut seinen ersten öffentlichen Auftritt im Berliner Zoo - und löste eine bundesweite Welle der Begeisterung aus. Wie der kleine Eisbär an den Schuhen unseres Umweltministers nuckelte, und was seither passierte.

Der tierische Angriff auf Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) am 23. März vor einem Jahr kam unerwartet und blitzschnell. Doch die Sicherheitsleute warfen sich nicht dazwischen, griffen auch nicht zur Waffe, sondern lachten herzlich. Eisbärbaby Knut hatte sich in seinem Gehege im Zoologischen Garten Berlin ins Hosenbein des Politikers gekrallt und nuckelte an seinen Schuhspitzen. Knut durfte das, Gabriel spielte als Pate gern mit.

Gut 500 Journalisten schickten die Bilder von den vergnügten Tollereien des damals noch schneeweißen Fellbündels um den Erdball. Die Weltpremiere Knuts löste eine bis dahin beispiellose Sympathie-Welle für ein einzelnes Tier aus. Knut wurde in der globalen Klima-Debatte zum Symboltier und Maskottchen der im Mai dieses Jahres bevorstehenden Internationalen Artenschutzkonferenz in Bonn.

Knut wurde Kult und ist als Original bis heute die Nummer 1, auch wenn in Nürnberg mit Flocke, in Stuttgart mit Wilbär und in Wien mit putzigen Eisbär-Zwillingen inzwischen starke Konkurrenz um die Gunst der Bären-Fans und der Medien buhlt. Die "Nachkommen" profitieren im Sog von Knut ihrerseits von der freundlichen Bären-Stimmung im Lande.

Vor der Todesspritze bewahrt

Es ist viel passiert. Dieses Motto einer deutschen Dauer-Seifenoper im Fernsehen passt auch zur Zoo-Soap um Publikumsliebling Knut, der von seiner Mutter verstoßen worden war. Zunächst rettete Tierpfleger Thomas Dörflein mit seiner Flaschenaufzucht den Winzling, der anfangs nur 810 Gramm wog. Knut überstand auch mehrere lebensbedrohliche Fieberschübe. Dann bewahrte eine wütende Reaktion der Öffentlichkeit das beliebte Knuddeltier vor der Todesspritze selbst ernannter Tierschützer, die die artgerechte Aufzucht in Gefahr sahen.

Mit seinen drolligen Auftritten in der "Knut-Show", die 108 Tage lang die Massen vor dem Gehege erfreute, machte das Bärchen eine Marketing-Welle möglich, die so zuvor noch kein Zoo in Deutschland erlebte. Bis heute haben gut drei Millionen Menschen für einen Knut-Besuch Eintritt gezahlt. Zusammen mit den Ticket-Einnahmen spülten die Erlöse aus Souvenirs nach Zoo-Angaben 2007 rund fünf Millionen Euro zusätzlich in die Kassen. Als Kino-Star ("Knut und seine Freunde") hat der mittlerweile 150 Kilo schwere und vom Wälzen im Rindenmulch verdreckte "Braunbär" seit dem 6. März auch die Leinwand erobert.

Zoff um Knut

Knut beeinflusste auch indirekt die Personalpolitik im ältesten Zoo Deutschlands (164 Jahre). Der kaufmännische Zoo-Chef Gerald R. Uhlich gab sein Amt auf. Seine wirtschaftlichen Ziele waren nicht mehr in Einklang zu bringen mit der Philosophie von Zoo-Direktor Bernhard Blaszkiewitz, dem der ganze Rummel um Knut nie behagte. Auch außerhalb gab es Zoff um Knut. Der Zoo Neumünster fordert einen Anteil an den bärigen Gewinnen, weil er Eisbär Lars nach Berlin ausgeliehen hatte. Lars ist der Vater von Knut - und so leitet Neumünster in einer Vereinbarung Besitzrechte an dem Jungtier ab. Einigungsversuche scheiterten, Knut könnte noch ein Fall fürs Gericht werden.

Reporter mit feuchten Augen

Ein Fall fürs Gemüt war Knut von Anfang an. "Knut steht gegen das Böse in den Nachrichten", sagte einmal der "Bären-Chef" des Berliner Zoos, Heiner Klös. Unvergesslich auch, wie ein CBS-Reporter mit feuchten Augen beim Knut-Dreh von seinem Glück erzählte, hier in Berlin beruflich dabei sein zu dürfen - einen Tag, nachdem er als Kameramann noch im Irak-Krieg sein Leben riskieren musste.

In einem dpa-Interview sagte Knut-Ziehvater Dörflein, ihn habe am meisten beeindruckt, "wie glücklich und oft völlig entrückt die Menschen auf Knut geblickt haben". Auch er selbst sei hin und weg gewesen, als der Mini-Bär zum ersten Mal die Augen öffnete und ihn ansah. Für den Bio-Psychologen Peter Walschburger von der Freien Universität waren diese "Knopfaugen" und das Kindchen-Schema das Geheimnis, mit dem Knut die Schutzgefühle der Menschen weckte. Und die Emotionen sind noch nicht verbraucht. Spätestens, wenn Knut den Berliner Zoo verlassen muss, dürften die Gefühle der Tierfreunde wieder überschwappen.

Hans-Rüdiger Bein/DPA / DPA