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Genforschung: Thomas Tuschl - auf dem Weg zum Nobelpreis

"Wunderkind" und "Shooting Star" schreibt die Presse. Klingt nach einem Musiker, gemeint ist Genforscher Dr. Thomas Tuschl. Seine Methode, bestimmte Humangene auszuschalten, könnte Krebs besiegen helfen.

Dr. Thomas Tuschl hat sein Labor im zehnten Stock der Rockefeller University in New York. Für den Biochemiker, Molekularbiologen und Genforscher ist Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Er hat exzellente Mitarbeiter, und die Ausstattung seines Labors lässt nichts zu wünschen übrig. Tuschl gilt als das Wunderkind der Biochemie - seine Erkenntnisse haben weltweit den Laboralltag verändert.

Eine neue Technik: die RNA-Interferenz

Für Aufsehen sorgte Tuschl bereits, als er noch in Deutschland wirkte. Als Leiter der Arbeitsgruppe "kombinatorische Biochemie" des Max-Planck-Instituts (MPI) in Göttingen entwickelte er zusammen mit seinem Team eine Methode, die Funktion einzelner Gene zu identifizieren. Es entstand eine Technik namens RNA-Interferenz (RNAi).

Das Prinzip der RNA-Interferenz beruht auf der gezielten Zerstörung von Boten-RNA. Diese ist eine Kopie eines DNA-Gens und dient als Vorlage für die Produktion von Proteinen (siehe Wörterbuch). Durch die gezielte Zerstörung dieser Boten-RNA können somit bestimmte Gene einfach ausgeschaltet werden.

Die Zerstörung läuft folgendermaßen: Synthetisch hergestellte kurze Moleküle – so genannte "small interfering RNAs" (siRNAs) werden in die Zelle eingeschleust. Sie sind in ihrer Sequenz ein Spiegelbild der Ziel-Gene, die abgeschaltet werden sollen. Sie klammern sich an deren Abbild in der Boten-RNA (mRNA). Dieser Komplex aus siRNA und mRNA wird abgebaut, das Gen wird nicht in Proteine umgesetzt, es wird abgeschaltet. Der Zelle fehlt nunmehr nur die Information dieses einzigen Gens, ansonsten ist sie unbeschädigt. Geht in so einem Versuch die ganze Zelle zugrunde, "dann wissen wir, dass es sich um ein essenzielles Gen handelt", so Tuschl.

RNA baut sich schnell ab

Ein Problem bleibt: Die synthetisch hergestellten RNA-Stränge bauen sich im Körper schnell ab und lassen sich nur schwer auf ein Zielgewebe ausrichten. Die RNA-Stränge gehen nicht von alleine in die Zellen hinein, sondern müssen mit anderen Molekülkomplexen verbunden werden, die ein Eindringen in die Zelle ermöglichen.

Hoffnung im Kampf gegen Krebs

Bislang war zur Blockierung eines einzelnen Gens oft jahrelange Arbeit notwendig. Mit der neuen Methode scheint dieser Vorgang nun in wesentlich kürzerer Zeit und bei beliebigen Genen möglich zu sein. Vielleicht können mit der RNAi eines Tages Erbkrankheiten behandelt oder sogar gentherapeutisch geheilt werden, indem das verantwortliche Gen schlicht ausgeschaltet wird. Auch wird die RNAi als ein vielversprechender Ansatz auf der Jagd nach einem Heilmittel für Krebs gesehen, in der Zukunft könnten möglicherweise Tumorgene ausgeschaltet werden.

Thomas Tuschl wurde am 1. Juni 1966 in Altdorf bei Nürnberg geboren. Nach dem Chemie-Studium in Regensburg und Abstechern nach Grenoble und Boulder/Colorado promovierte er 1995 am Max-Planck-Institut (MPI) in Göttingen. Es folgten vier Jahre am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, bevor es Tuschl 1999 wieder an das Göttinger MPI verschlug.

Der Ruf nach New York

In Göttingen wurde Tuschl mit der Entwicklung der RNA-Interferenz über die Grenzen des Landes hinweg bekannt. Doch das Institut konnte ihn nicht halten, zu verlockend waren die Rufe aus dem Ausland. Niemand hatte dem damals 36-Jährigen in Deutschland eine feste Stelle angeboten. Positionen mit hohem Verwaltungsaufwand und viel Unterricht hätten seine Forschung extrem eingeschränkt.

Da kam das Angebot aus New York gerade recht: "Ich bekomme hier die besten Mitarbeiter und habe viel mehr Selbstständigkeit", sagte er Anfang 2003 der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Die Rockefeller Universität bot ihm neben dem Professorengehalt eine großzügiges "Start-up-Grant", mit dem er drei Jahre lang unbeschwert forschen konnte. Dazu ein voll bezahltes Team von neun hochqualifizierten Mitarbeitern. Logische Folge: 2003 zog Tuschl mit seiner Frau Liane nach New York. Er schließt aber nicht aus, irgendwann wieder nach Deutschland zurückzukehren, denn – so äußerte er sich im Stern 18/04 - "die deutsche Forschung ist besser als ihr Ruf".

Alke-Marit Paulsen