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Grüne Gentechnik: Gefühlte oder tatsächliche Gefahr?

Der Anbau von Genmais wird in Deutschland verboten. Das hat Agrarministerin Ilse Aigner verkündet. Gibt es genveränderte Lebensmittel schon in deutschen Läden? Ist grüne Gentechnik eine gefühlte oder tatsächliche Gefahr? stern.de beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema.

Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) hat den Anbau der umstrittenen Genmais-Sorte MON 810 in Deutschland verboten. Dabei handelt es sich um ein Produkt des Konzerns Monsanto. Der kommerzielle Anbau ist seit 1998 in der Europäischen Union zugelassen. In Frankreich und Griechenland ist der Anbau aber auf Grundlage einer Klausel dennoch verboten, in Österreich und Ungarn ebenfalls. In Deutschland wurde gentechnisch veränderter Mais, sogenannter Bt-Mais, bis jetzt vor allem im Osten angebaut. Doch was ist überhaupt Bt-Mais? Warum ist der Anbau umstritten? Und spielt Gentechnik in Deutschland in Lebensmitteln überhaupt schon eine Rolle? stern.de beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema.

Was wird in Deutschland angebaut?

Der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen nimmt weltweit weiterhin zu. 2008 stiegen die Flächen um 9,4 Prozent auf nunmehr 125 Millionen Hektar, wie die Agrobiotechnologie-Agentur ISAAA (International Service for the Acquisition of Agri-Biotech Applications) in ihrem jährlich herausgegebenen Report zum globalen Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen mitteilte. In Europa darf allerdings weiterhin nur eine gentechnisch veränderte Pflanze angebaut werden, der sogenannte Bt-Mais, der seit 1998 in der EU zugelassen ist. Diese gentechnisch veränderte Maislinie wurde von dem US-amerikanischen Konzern Monsanto entwickelt. 2007 war die Aussaat von MON 810 in Deutschland schon einmal gestoppt worden. Im Dezember desselben Jahres legte das Unternehmen einen Plan zur allgemeinen Überwachung des Anbaus vor, woraufhin der Anbau wieder zugelassen wurde.

Was ist Bt-Mais?

Das Kürzel "Bt" steht für "Bacillus thuringiensis", ein Bodenbakterium, aus dem das Gen stammt. Durch das eingeführte Gen bildet Bt-Mais ein bestimmtes Protein, das gegen die Larven des Maiszünslers wirkt. Die Schmetterlingslarven dringen im Frühsommer in die Maispflanze ein und fressen sich durch die Stängel. Gegen den Larvenbefall werden Bt-Präparate auch als biologische Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Das Pflanzenschutzpräparat und das in dem genverändertem Bt-Mais gebildete Protein sind in ihrer Wirkung gleich. Beide werden im Darm des Schädlings in eine giftige Variante umgewandelt, die die Darmwand zerstört und damit zum Tod führt. Bt-Mais ist daher gegen die Larven des Maiszünslers resistent. Bt-Mais wird vor allem im Osten Deutschlands angebaut, wo der Maiszünsler tatsächlich als Schädling ein Problem darstellt.

Warum ist der Anbau umstritten?

Ist Bt-Mais auch für andere Tiere oder gar den Menschen schädlich? Hat er Auswirkungen auf andere Organismen, die sich im Boden befinden, zum Beispiel Regenwürmer? Reichert sich das Bt-Protein im Boden an? Sind die Aussaaten gentechnisch veränderter Pflanzen wieder einzudämmen, falls wissenschaftlich doch Gefahren nachgewiesen werden? Fragen wie diese werden kontrovers diskutiert.

Die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit Efsa erklärte genveränderte Produkte bisher stets für gesundheitlich unbedenklich. 2007 haben US-amerikanische Ökologen wissenschaftliche Studien zu Wirkung von Bt-Pflanzen auf andere Tiere als die Larven des Maiszünslers ausgewertet. Ihr Ergebnis: Bt-Pflanzen sind besser als der Einsatz von üblichen Insektiziden, auf den Bt-Feldern ist die Artenvielfalt angeblich sogar größer. Auch im Boden werde das Bt-Protein zügig abgebaut. Auf Feldern, auf denen drei Jahre hintereinander Bt-Mais angebaut wurde, konnte Wissenschaftlern zufolge ein halbes Jahr nach der Ernte keine nennenswerte Anreicherung von Bt-Protein im Boden nachgewiesen werden. Dagegen kamen schwedische Forscher zu dem Ergebnis, dass sich genetisch veränderte Pflanzen hartnäckig in der Umwelt halten. Mehr als zehn Jahre nach dem Anbau von verändertem Raps fanden sie auf dem Feld noch Pflanzen, die über das eingeschleuste Gen verfügten.

Gentechnik-Gegner sehen auch in dem Anbau von Genmais und konventionellem Mais in unmittelbarer Nähe zueinander eine Gefahr. Auch das Auskreuzen der veränderten Gene mit wild wachsenden Pflanzen wird kontrovers diskutiert. Um unkontrollierte Vermischung oder Ausbreitung von Bt-Mais zu verhindern, sind daher unter anderem beim Ausbau Vorschriften einzuhalten.

Welche Vorschriften gelten für den Anbau?

Für den Anbau von Gentechnik-Mais galten bis jetzt Vorschriften: Zwischen einem Feld mit Bt-Mais und einem konventionellen Feld ist ein Mindestabstand von 150 Metern einzuhalten, zu ökologisch angebauten Mais sogar 300 Meter. Die Anbauflächen für Bt-Mais müssen zudem spätestens drei Monate vor der Aussaat in ein Standortregister beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL)eingetragen werden.

Laut EU-Vorschriften ist eine landwirtschaftliche Nutzung von Bt-Mais nur erlaubt, wenn dadurch die gentechnikfreie Landwirtschaft nicht beeinträchtigt wird. Tatsächlich ist es jedoch schwer, eine Garantie dafür zu geben, dass Produkte hundertprozentig gentechnikfrei sind. Geringfügige Spuren von gentechnisch veränderten Pflanzen sind daher erlaubt, allerdings müssen diese unterhalb des Schwellenwertes von 0,9 Prozent liegen. Zudem muss es sich um zufällige, technisch unvermeidbare Beimischungen handeln. Dabei sind nur Spuren solcher gentechnisch veränderter Pflanzen erlaubt, die in der EU zugelassen sind. Ist eines dieser Kriterien nicht erfüllt, ist der Stempel "gentechnik-frei" weg.

Ein Landwirt, der Bt-Mais anbaut, haftet auch für alle die Schäden, die benachbarten Betrieben dadurch entstehen. Zulassungen für den Anbau von Bt-Mais sind in der EU zudem auf zehn Jahre begrenzt, danach muss ein neuer Antrag gestellt werden.

Spielen gentechnisch veränderte Lebensmittel in Deutschland schon ein Rolle?

Essen wir bereits Gen-Food ohne es zu merken? Welche Rolle spielt die Gentechnik schon bei Lebensmitteln? Auch wenn viele meinen, die immerroten Tomaten aus dem Supermarkt seien schon genetisch verändert - im Obst- oder Gemüseregal in Deutschland sind noch keine gentechnisch veränderten Lebensmittel zu finden. In den USA ist das anders, dort sind gentechnisch-veränderte Papayas, Melonen oder kleine gelbe Zucchini, sogenannte Squash, zugelassen. Zukunftsmusik sind gentechnisch veränderte Nutztiere in der Landwirtschaft. Ausnahme Fische: In den USA warten gentechnisch veränderte Lachse seit Jahren auf ihre Zulassung.

Was muss gekennzeichnet werden?

1997 trat die EU-Verordnung über neuartige Lebensmittel und Lebensmittelzutaten, die Novel Food-Verordnung, in Kraft. Mitte 2003 beschlossen EU-Parlament, EU-Kommission und die Regierungen der Mitgliedstaaten eine neue Verordnung über gentechnisch veränderte Futter- und Lebensmittel. Dabei wurden die Kennzeichnungsvorschriften noch einmal erweitert.

Ein Produkt muss demnach gekennzeichnet sein, wenn es ein gentechnisch veränderter Organismus ist. Sollte die Anti-Matsch-Tomate also in Zukunft im Supermarkt zu finden sein, müsste sie klar als genverändert gekennzeichnet werden. Auch verarbeitete Lebensmittel und Zutaten, die aus gentechnisch veränderten Pflanzen oder Mikroorganismen (GVO) hergestellt sind, sind zu kennzeichnen. Seit April 2004 gilt das in jedem Fall, unabhängig davon, ob der verwendete GVO im fertigen Lebensmittel nachweisbar ist oder nicht. Zusatzstoffe und Aromen unterliegen den gleichen Vorschriften wie Lebensmittel und -zutaten: Wenn sie unmittelbar aus einem GVO hergestellt worden sind, muss ein Gentechnik-Hinweis auf das Etikett.

Auch Futtermittel, die Bestandteile aus gentechnisch-veränderten Pflanzen oder Mikroorganismen enthalten, müssen gekennzeichnet werden, das aber nur auf der Verpackung oder am Transportbehälter des Futtermittels. Lebensmittel aus den damit gefütterten Tieren wie Fleisch, Wurst, Milch, Eier fallen nicht unter die Kennzeichnungspflicht.

Zufällige, technisch unvermeidbare GVO-Beimischungen müssen nur dann kenntlich gemacht werden, wenn ihr Anteil mehr als 0,9 Prozent beträgt. Ob gentechnisch veränderte Lebensmittel korrekt gekennzeichnet sind, kontrolliert die Lebensmittelüberwachung der Bundesländer.

lea mit DPA/Reuters / Reuters