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Hurrikan: "Wilma" wird zum Super-Hurrikan

Nach "Katrina" und "Rita" droht nun der zwölfte Hurrikan in dieser Saison: "Wilma" nimmt Kurs auf Mittelamerika und ist mittlerweile zum stärksten jemals aufgezeichneten Hurrikan angewachsen.

Sechs Wochen vor dem Ende der Hurrikan-Saison in der Karibik ist "Wilma" der 21. Sturm und zwölfte Hurrikan des Jahres. Damit stellte er die jeweiligen Rekorde von 1933 und 1969 ein. Ein Flugzeug der US-Luftwaffe maß am Mittwoch einen Druck von 882 Millibar, der damit tiefer lag als bei Hurrikan "Gilbert" mit 888 Millibar im Jahr 1988. Experten zufolge hat im Atlantik eine Phase von starken Stürmen begonnen, die 20 Jahre dauern könnte. Klimaforscher befürchten, dass diese Stürme wegen der globalen Erwärmung an Stärke zunehmen.

Evakuierungen in Kuba

Im Osten Kubas wurden 5000 Menschen nach Erdrutschen aus der Gefahrenzone gebracht. Am Dienstag hatte "Wilma" heftige Regenfälle an der Karibikküste von Honduras ausgelöst. Dort bereiteten sich die Rettungskräfte darauf vor, 10.000 Menschen in Sicherheit zu bringen.

Auch die Bewohner der US-Inselgruppe Florida Keys bereiteten sich auf Evakuierungen vor. Touristen wurden angewiesen, bis Donnerstag abzureisen. Am Freitag sollten 80.000 Bewohner in Sicherheit gebracht werden. "Das ist unser vierter Sturm, und er ist richtig aggressiv", sagte die örtliche Katastrophenschutz- Direktorin Irene Toner. "Es wird massive Schäden geben." Florida wurde im vergangenen Jahr von vier Hurrikans heimgesucht und in diesem Jahr von "Dennis", "Katrina" und "Rita". Die Zitrusbauern des Bundesstaates - ein Wirtschaftszweig mit einem Wert von 9,1 Milliarden Dollar - sind dabei, sich von diesen Stürmen zu erholen, die 40 Prozent ihrer Ernte vernichtet haben.

Kühne Visionen: Hurrikans sollen künftig kein Schicksal bleiben

Während "Wilma" über den Atlantik fegt, blicken die Küstenbewohner der Region sorgenvoll auf den 21. Tropensturm der Saison. So viele tropische Wirbelstürme wurden über dem Atlantik zuletzt vor über 70 Jahren gezählt - im Jahr 1933. Der Mensch steht diesen Naturgewalten weiterhin machtlos gegenüber. Je besser Meteorologen allerdings das Wetter verstehen, umso mehr steigt die Hoffnung, sogar Hurrikans wie "Katrina" oder "Stan" einmal beeinflussen zu können. "Wir sind noch nicht so weit, aber ich bin ziemlich sicher, dass das kommen wird", sagt Prof. Hartmut Graßl, ehemaliger Chef-Klimatologe der Vereinten Nationen und emeritierter Direktor am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie.

Möglich erscheinen solche kühnen Visionen, weil das Wetter ein chaotisches System ist: Schon eine vergleichsweise kleine Änderung am richtigen Punkt kann drastische Folgen haben. Der Trick ist, die entscheidende Stelle zu finden. Der US-Wetterforscher Ross Hoffman hat das bereits durchgerechnet. In einer Computersimulation ist es ihm gelungen, etwa den Taifun «Iniki», der 1992 über das Hawaii-Archipel hinwegfegte, rund hundert Kilometer nach Westen abzulenken. Anders als in der Realität verschonte "Iniki" so in der Simulation die Insel Kauai weitgehend.

Wie Wirbelstürme entstehen

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Derartige Eingriffe in einen Wirbelsturm sind noch Zukunftsmusik

Mit Kollegen seiner Firma Atmospheric and Environmental Research in Lexington (US-Staat Massachusetts) modellierte Hoffman den realen Wirbelsturm im Computer und bestimmte dann ein neues Zielgebiet. Anschließend ließen die Wissenschaftler den Rechner nach jenem Punkt suchen, der die geringsten Eingriffe in die Schlüsselvariablen erfordert, um das gewünschte Ziel zu erreichen. Die größte Veränderung war demnach westlich des Sturmzentrums nötig, wo die Temperatur um immerhin zwei Grad Celsius erhöht werden musste, wie Hoffman in der Zeitschrift "Spektrum der Wissenschaft" berichtet. Hurrikan "Andrew", ebenfalls 1992, schwächten die Forscher in der Simulation von Kategorie 3 auf Kategorie 1 ab.

Derartige Eingriffe in einen Wirbelsturm sind in der Realität noch Zukunftsmusik. "Wir sind weit davon entfernt, solche Phänomene zu beeinflussen", betont der Präsident des Deutschen Wetterdienstes, Udo Gärtner. Hoffman meint, ohnehin geplante Solarkraftwerke im Weltall könnten möglicherweise eines Tages die nötige Energie liefern. Die Solarsatelliten könnten mit Hilfe von Mikrowellenstrahlung der richtigen Frequenz die feuchte Luft erwärmen. Allerdings dringt solche Strahlung aus dem Orbit nicht weit von oben in einen Hurrikan ein.

JahrTropische StürmeHurrikaneGesamtzahl tropischer Zyklone
200591221
1933111021
199581119
188781119
196961218
19369716
20039716
20046915
20016915
20007815
Statistics from 1851 — present. Source Source: National Hurricane Center

Mit Substanzen gegen Hurrikans ankämpfen

Eventuell ließen sich auch die Sturmwolken mit Kondensationskeimen impfen und so gezielt zum Abregnen bringen. Eine weitere Methode wäre, das Meer in der Zugbahn des Wirbelsturms mit einem - biologisch abbaubaren - Öl zu überziehen. Dieser Ölfilm verringert die Verdunstung und nimmt dem Sturm damit seine Kraftquelle.

"Wahrscheinlich können Hurrikans verhindert oder zumindest gebremst werden, wenn Flugzeuge schnell zersetzbare und unschädliche Substanzen gezielt auf das Meer sprühen", stellt ein US-Forscherteam in den "Proceedings" der US-Akademie der Wissenschaften fest. Außer der verringerten Verdunstung beobachtete die Gruppe um Grigory Isaakovich Barenblatt von der Universität von Kalifornien in Berkeley in ihren Modellrechnungen einen weiteren Effekt: Der Ölfilm verringert die normalerweise dichte Gischt, die den turbulenten Luftwiderstand senkt, und bremst so die Windgeschwindigkeiten.

Wettermanipulationen bergen politischen Sprengstoff

Der Atmosphärenforscher Moshe Alamaro vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) schlägt vor, eine Art Gegensturm zu erzeugen. Dazu will er Schiffe mit zehn bis 20 Flugzeugtriebwerken bestücken und in den Weg des Wirbelsturms manövrieren. Die von ihnen ausgelösten Mini-Stürme sollen die Temperatur der Meeresoberfläche etwas senken und dem nahenden Hurrikan so Energie rauben. Experten wie der führende US-Hurrikanforscher Kerry Emanuel sehen die Erfolgsaussichten solcher Pläne allerdings skeptisch.

Abgesehen von den technischen Schwierigkeiten warnt Emanuel in der "Washington Post" auch vor dem politischen Sprengstoff, die Eingriffe in das Wetter bergen: Was passiert, wenn ein Land zwar sein Staatsgebiet erfolgreich vor einem Hurrikan schützt, der dann aber - ob gewollt oder ungewollt - ein anderes Land heimsucht? Graßl erwartet eine breite öffentliche Debatte über die verschiedenen Formen der Wettermanipulation in etwa zehn Jahren. "Dann wird sich entscheiden, ob man es bei besseren Vorhersagen belässt oder den großen Schritt macht, auch in das Wetter einzugreifen."

AP/DPA / AP / DPA