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Klimagipfel in Kopenhagen: "Kein Experiment mit der Erde"

Die Klimkonferenz in Kopenhagen gerät ins Stocken: Vor allem die Entwicklungs- und Schwellenländer blockieren die Verhandlungen. "Wir müssen diese Länder in ihrer nachhaltigen Entwicklung unterstützen", fordert Klimaforscher Mojib Latif im stern.de-Interview.

Herr Latif, seit einigen Jahren steigt die durchschnittliche Lufttemperatur nicht weiter an. Das scheint unter Wissenschaftlern für Erregung zu sorgen, einige bestreiten es gar. Bringt diese Beobachtung denn die Theorie der menschgemachten Erderwärmung ins Wanken?
Nein. Ich habe zunächst gar nicht begriffen, wieso die Stagnation so viel Aufsehen erzeugen kann. Es ist die normalste Sache der Welt, dass die Temperatur nicht immer steil nach oben geht, sondern dass es mal schneller, mal weniger schnell geht oder sich vielleicht auch kurzfristig abkühlt. Das ist ja das Wesen eines sich stark ändernden Systems, wie es das Klima ist. Also muss man immer lange Zeiträume betrachten, um etwa den menschlichen Einfluss auf das Klima zu beurteilen. Es reicht nicht, dafür nur ein Jahr oder ein Jahrzehnt zu nehmen.

Die Aufregung hat dennoch weite Kreise gezogen, und es wurden allerhand Kniffe bemüht, um einen weiteren kurzfristigen Anstieg zu konstruieren.
Wir Forscher hätten mehr betonen müssen, dass es solche natürlichen Schwankungen gibt. Es würde mich nicht wundern, wenn zum Beispiel die extrem schnelle Erwärmung der letzten Jahrzehnte einen gewissen Teil dieser internen, naturgegebenen Schwankungen enthält.

Und der langfristige Warmtrend spricht eindeutig für den Einfluss des Menschen?
Ja. Wenn wir uns die Entwicklung des Klimas im 20. Jahrhundert ansehen, kenne ich keine wissenschaftliche Studie, die diese ohne die Treibhausgase erklären könnte. Der Kandidat der Skeptiker für die Erwärmung ist im Allgemeinen die Sonne. Wenn wir die Entwicklung der Sonnenstrahlung, die auf die Erde fällt, während der letzten hundert Jahre betrachten, können wir in der Tat erkennen, dass die Sonnenstrahlung etwa bis 1940 angestiegen ist. Danach nicht mehr. Deswegen können wir einen gewissen Anstieg der Temperatur durch die Sonne erklären, aber nicht allein durch sie. Der größere Teil der Erwärmung ist Jahrzehnte später passiert.

Im letzten Jahrzehnt gab es eine Inflation von Naturereignissen, die eine katastrophale Erwärmung anschaulich machen sollten – und womöglich wurde da zu aggressiv kommuniziert, was viele Menschen dazu brachte, dem Thema den Rücken zu kehren. An welchen Naturereignissen können wir denn mit nüchternem Blick klare Signale der Erwärmung erkennen?
Ich habe am Film von Al Gore kritisiert, dass er so stark auf die Hurrikane setzte. „Katrina“ wurde als klarster Beleg für die Erderwärmung hergenommen. Das fand ich nicht klug, denn Hurrikane sind ein sehr komplexes Geschehen, das im hohen Maße vom El Niño-Zyklus abhängt. So hatten wir dieses Jahr wegen des im Moment stattfindenden El Niño Ereignisses kaum tropische Wirbelstürme. Wir müssen die Erwärmung mithilfe langfristiger Parameter überprüfen. Der beste, den es gibt, ist das Eis der Erde. Wenn es wärmer wird, muss Eis schmelzen. Wir sehen, dass sich die Gebirgsgletscher und das arktische Meereis in fast allen Gebieten extrem zurückziehen. Dazu kommt: Das Meer nimmt einen Teil der überschüssigen Wärme auf. Das erklärt die Verzögerung, mit der wir die Erwärmung messen. Klar ist auch, dass infolge der Erwärmung der Meere der Meeresspiegel steigt.

Einfach durch Ausdehnung des Wasservolumens?
Richtig. Wir sehen in den letzten hundert Jahren einen globalen Meeresspiegelanstieg von knapp 20 Zentimetern.

Und die Stagnation der Lufttemperatur hängt mit dem Meer zusammen?
Meiner Meinung nach ja, durch die Kompensation im Bereich des äquatorialen Ostpazifiks und im Bereich des südlichen Ozeans. Dies sind Gebiete, die herausfallen gegenüber dem langfristigen Trend, weil sie eine relative Abkühlung zeigen. Da gerade der äquatoriale Pazifik eine große Region ist, schlägt das automatisch auf die globale Temperatur durch.

Nun sagen die Skeptiker: Ihr Klimaforscher seid so stolz auf Eure Modelle, doch angesichts dieser Stagnation haben sie versagt. Niemand hat sie vorausgesagt.
Die Modelle simulieren solche Schwankungen, wie wir sie jetzt sehen. Um sie vorherzusagen, müssen wir sie erweitern. Ihnen zum Beispiel mitteilen, wie etwa der Zustand der Meeresströmung weltweit ist, nicht nur an der Oberfläche, sondern auch in der Tiefe. Das hat bisher Probleme bereitet, weil wir nur sehr, sehr wenige Messungen aus dem Meer haben. Diese Situation ändert sich jetzt. Beim nächsten IPCC-Bericht 2013/14 wird das Standard sein, aber zuerst mussten wir Methoden finden, um indirekt die Meeresströmung zu rekonstruieren. Der langfristige Erwärmungstrend ist davon jedoch nicht betroffen.

Meer, Wolken, kurzfristige und natürliche Schwankungen – da gibt es offensichtlich noch viel zu erforschen?
Ich persönlich finde, diese offenen Fragen sind wissenschaftlich viel interessanter als ein endloser Streit um die globale Erwärmung. Die ist beinahe trivial. Meine Kollegen vor über hundert Jahren haben den langfristigen Trend schon gut beschrieben, zumindest im Prinzip. Ich finde daher die internen Schwankungen des Klimasystems viel spannender. Die jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können sich da noch Sporen verdienen. Auch, was die Kurzfristklimavorhersage angeht, die noch viel besser werden muss. Denn sie ist gesellschaftlich extrem relevant. In der Sahel-Zone zeigen sich genau diese Schwankungen: Jahrzehntelange Dürre, dann normalisiert sich das Klima wieder für ein Jahrzehnt oder zwei. Wenn man diese Dinge vorhersagen könnte, das wäre ein Durchbruch.

Was ist klimapolitisch entscheidend?
Wir Industrieländer sollten uns verpflichten, Treibhausgase zu reduzieren. Außerdem sollten wir uns dazu bekennen, die Entwicklungs- und Schwellenländer, vor allen Dingen aber die Entwicklungsländer, in ihrer nachhaltigen Entwicklung zu unterstützen. Denn wir können kein Interesse daran haben, dass diese Länder die Fehler wiederholen, die wir in den letzten hundert Jahren gemacht haben.

Dennoch müssen wir auch Anpassungsmaßnahmen treffen. Das erscheint manchen Klimaschützern kontraproduktiv, weil sie sich allein auf CO2-Reduktion konzentrieren. Was sagen Sie denen?
Anpassung ist notwendig. Wir werden alleine wegen der Trägheit des Klimas eine weitere Erwärmung nicht verhindern können. Wir in den Industrienationen könnten uns selbst auf einen Meeresspiegelanstieg von etwa einem Meter bis zum Ende des Jahrhunderts einstellen, weil wir das Geld und das technologische Know-how haben. Bangladesh hat das nicht. Klimaschutz und Anpassung müssen Hand in Hand gehen.

Was entgegnen Sie Leuten, welche die unzuverlässigen Vorhersagen der Klimaforschung kritisieren?
Ich erkläre wieder und wieder, dass es um Wahrscheinlichkeiten geht. Stellen Sie sich vor, ein Flugzeug würde mit einer Wahrscheinlichkeit von nur 10 Prozent abstürzen. Niemand würde in dieses Flugzeug steigen. Beim Klima verlangen jedoch manche Menschen hundertprozentige Vorhersagbarkeit, damit sie bereit sind zu handeln. Ich finde, selbst wenn es nur eine 50-prozentige Sicherheit gäbe, dass die Berechnungen halbwegs in Ordnung sind, sollten wir alles dafür tun, dieses Experiment mit der Erde nicht durchzuführen.

Christoph Koch