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Klimastudie: Ostsee wird sich stark verändern

Um bis zu sechs Grad könnte sich die Temperatur im Ostseeraum bis zum Jahr 2100 erhöhen. Was für Urlauber zunächst positiv klingen mag, hat für den Lebensraum Ostsee dramatische Folgen. Und Baden könnte möglicherweise zu einer ekligen Angelegenheit werden.

Von Nina Bublitz

Die Temperatur im Ostseeraum stieg im vergangenen Jahrhundert um circa 0,85 Grad Celsius. Damit lag die Erwärmung in dieser Region 0,1 Grad über der mittleren globalen Temperaturerhöhung. Dies geht aus dem BACC-Bericht ("Assessment of Climate Change for the Baltic Sea Basin") hervor, der jetzt veröffentlicht wurde. Eine Erklärung dafür: Generell erwärmt sich die Nordhalbkugel der Erde schneller als die Südhalbkugel, denn die großen Meeresflächen der Südhalbkugel und das Eis der Antarktis reflektieren das Sonnenlicht stärker als die Landmassen auf der Nordhalbkugel.

Trockener Sommer, nasser Winter

Die Lufttemperatur im Ostseeraum wird weiter steigen - davon gehen Wissenschaftler in Modellrechnungen aus. Wenn Klimaschutzmaßnahmen nicht greifen, könnte sich die Temperatur um vier bis sechs Grad im nördlichen, sowie um drei bis fünf Grad im südlichen Ostseeraum erhöhen.

Das hätte weitreichende Folgen: Die Oberflächentemperatur des Wassers würde gleichzeitig um zwei bis vier Grad steigen. Die dichte Eisdecke, die sich im Winter in den nördlichen Regionen bildet, würde später im Jahr entstehen und früher schmelzen. Und während die Sommer trockener würden, fiele im Winter voraussichtlich mehr Niederschlag - über das Jahr ist insgesamt mit mehr Regen zu rechnen. Dadurch wiederum würde der Salzgehalt des Ostseewassers sinken.

Vom Plankton bis zur Robbe - bei einer deutlichen Erwärmung wird wahrscheinlich das gesamte Ökosystem beeinflusst. Biologen rechnen unter anderem damit, dass Algenblüten ein größeres Problem werden. Falls die Eisdecken im nördlichen Ostseeraum schwinden, verliert die Ostsee-Ringelrobbe - eine schon jetzt gefährdete Art - ihren Lebensraum. "Die Ringelrobbe wird im Ostseeraum wahrscheinlich aussterben, weil sie ans Leben auf dem Eis angepasst ist", sagt Joachim Dippner vom Institut für Ostseeforschung Warnemünde. Die Robben ziehen ihre Jungen auf dem Eis groß.

Zudem werden wahrscheinlich Tierarten in der Ostsee heimisch werden, die an wärmere Temperaturen angepasst sind. Dippner: "Welche Arten einwandern, lässt sich nicht vorhersagen. Dabei spielt ja nicht nur das Klima eine Rolle. Beispielsweise gelangte die Wollhandkrabbe durch die Schifffahrt in die Nordsee." Kleinstlebewesen könnten auch von Zugvögeln transportiert werden. Im vergangenen Jahr berichtete Claudia Wiedner vom Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei über tropische Blaualgenarten, welche die Wissenschaftler in norddeutschen Seen nachgewiesen hatten.

Ein Stressfaktor unter vielen

Der Klimawandel ist allerdings nicht das einzige Problem der Ostsee. "Sie leidet unter einer Reihe von Stressfaktoren wie Überfischung, Überdüngung und eingeleitete Schadstoffe", sagt Hans von Storch. Er leitet das Institut für Küstenforschung am GKSS-Forschungszentrum Geesthacht, das die Erstellung des BACC-Berichts koordinierte.

Während allerdings in Sachen Klimaschutz noch kaum konkrete Maßnahmen greifen, wird die Schadstoffbelastung der Ostsee seit Jahren gezielt reduziert. Die Helsinki-Kommission, an der alle Ostsee-Anrainer beteiligt sind, erstellte bereits vor 15 Jahren eine Liste der Bereiche, von denen aus das Binnenmeer besonders stark verschmutzt wird. Dabei handelt es sich zum Beispiel um Industrieanlagen und Klärwerke. 162 dieser "Hot Spots" wurden seit 1992 in die Liste aufgenommen - und rund die Hälfte wurde seitdem entschärft. "Was die Schadstoffbelastung angeht, geht es der Ostsee heute besser als vor 20 Jahren", sagt Joachim Dippner.

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