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Klimawandel: Ostdeutschland mediterran

Meteorologen des Hamburger Max-Planck-Institutes haben das deutsche Wetter der nächsten 100 Jahre simuliert. Das Ergebnis: mediterrane Sommer in Ostdeutschland und mehr Sonne im trüben Hamburg.

Sowohl der Winzer aus dem Rheingau als auch der Skipistenbetreiber im Bayerischen Wald kann künftig besser abschätzen, ob es sich für die Nachfolgegeneration lohnen wird, in seine Fußstapfen zu treten - denn die Klimaentwicklung einzelner Regionen lässt sich neuerdings bis ins Jahr 2100 vorhersagen.

Die Gewinner: die Tourismusbranche, Winzer, Agrarwirtschaft und Binnenschifffahrt

Ein neues Hamburger Klimarechenmodell ermöglicht diesen weiten Blick in die Zukunft. Detailliert wie nie zuvor kann es das Klima in Deutschland für das gesamte kommende Jahrhundert prognostizieren. "Profitieren werden davon in erster Linie die Tourismusbranche, Winzer, die gesamte Agrarwirtschaft und die Binnenschifffahrt", kündigt Klimaforscherin Daniela Jacob vom Max-Planck-Institut für Meteorologie (MPI-M) in Hamburg an. Das Umweltbundesamt in Dessau, das die aufwändige Studie in Auftrag gegeben hat, will Jacobs "Regionalmodell" (REMO) an diesem Dienstag vorstellen.

Dem Osten Deutschlands könnten den Berechnungen zufolge mediterrane Sommer bevorstehen, wie der "Spiegel" vorab berichtet. Die Elbe könnte allerdings wegen Wassermangels häufig unbeschiffbar sein. Größter Verlierer dürfte demnach die Wintersportindustrie werden: In den Alpen sollen die Temperaturen überdurchschnittlich klettern, zum Teil um mehr als fünf Grad Celsius bis 2100. Profitieren könnten dagegen die deutschen Küstenländer. Hamburger, Holsteiner und Mecklenburger dürften sich auf deutlich mehr Schönwetterlagen freuen, an der Ostsee soll es drei Grad wärmer werden, schreibt der "Spiegel".

Detailliertes Rechenmodell

Zusammen mit rund einem Dutzend Mitarbeitern hat Jacob in einem Zeitraum von zehn Jahren ein Modell entwickelt, das mit bislang nicht erreichter Genauigkeit die Auswirkungen des Klimawandels auf Deutschland berechnet. Dafür wurde Deutschland in zehn Mal zehn Kilometer kleine Kästchen eingeteilt und für jedes dieser Quadrate individuell das Klima berechnet. Global wird meist mit Gittern von rund 300 Kilometern Kantenlänge gearbeitet. An den Gitterkreuzungen löst der Computer beständig 70 Gleichungen und bildet so die Vorgänge des Klimas nach.

Im Hamburger Großrechner ist das Netz über Deutschland viel feiner gewoben als anderswo. "Ich bin selber vollkommen erschlagen von dem Detailreichtum des Rechenmodells", sagt Jacob.

Anstieg von bis zu vier Grad Celsius bis zum Jahr 2100

Dabei dürfe aber auf keinen Fall die Berechnung des Klimas mit der klassischen Wettervorhersage verwechselt werden. "Mit Hilfe des Modells kann keine Vorhersage über das Wetter an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Uhrzeit gemacht werden, wir berechnen lediglich das Klima", betont die Expertin. "Das Klima ist die Statistik des Wetters." Die Summe der verschiedenen Witterungsverhältnisse ergeben dabei das Bild des Klimas.

Dabei werde auch der Umgang der Menschen mit ihrer Umwelt berücksichtigt, erläutert Jacob. "Der globale Klimawandel, in dem wir uns befinden, hat definitiv Auswirkungen auf Deutschland." Daher wird in dem Modell zwischen drei unterschiedlichen Bemessungsgrundlagen differenziert. "Je nach schwachem, mittlerem und starkem Treibhausgasanstieg." Nach Angaben des Umweltbundesamtes zeigen neueste Klimaprojektionen, dass es bis Ende des 21. Jahrhunderts um bis zu vier Grad Celsius wärmer werden könnte, wenn die Emissionen von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen unvermindert ansteigen.

Hochwasser und Unwetter werden zunehmen

In Deuschland seien insgesamt gravierende Veränderungen des Klimas zu befürchten, betont Jacob. "Wir können jetzt sogar einzelne Regionen identifizieren, in denen sich das Klima bis 2100 verändern wird." So stellt die Wissenschaftlerin anhand ihres Modells die Prognose auf, dass der Niederschlag in Freiburg beispielsweise abnehmen und östlich des Schwarzwaldes zunehmen werde. Sicher ist sich die Klimaforscherin auch, dass die Hochwassergefahr ebenso wie die Zahl der Unwetter in Deutschland steigen werde. "Aber die Analyse der Extremwerte kommt jetzt erst noch."

Nicola Korte/DPA / DPA