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Kriegsbeute Saturn: Kinder dürfen ihn auch schon mal piesacken

Saturn ist 69 Jahre alt und meistens friedlich - selbst wenn ihn die Kinder ärgern. Saturn, der Alligator aus Berlin, lebt als Kriegsbeute seit 60 Jahren im Moskauer Zoo.

Von Andreas Albes

Saturn ist der letzte Deutsche in russischer Kriegsgefangenschaft: ein Alligator, 3,50 Meter lang, mit grünen Schuppen, einem breiten Maul und funkelnden gelben Augen. Im Juli 1946 brachten ihn Soldaten der Roten Armee aus Berlin in den Zoo nach Moskau. Nächstes Jahr wird er 70 - ein ziemlich hohes Alter für einen Alligator. Er teilt sich sein etwa fünf mal fünf Meter großes Aquarium mit einem 30 Jahre jüngeren Weibchen. Am liebsten schläft er. Zweimal die Woche gibt es zu Fressen: Fisch, Kaninchen, Ratte.

An der dicken Glasscheibe, durch die ihn die Besucher bestaunen können, weist nichts auf Saturns besondere Geschichte hat. "Wenn die Leute wüssten, was für eine Sensation er ist, gäbe es wahrscheinlich eine Schlange wie im Lenin-Mausoleum", sagt Wladimir Kudriawzew, Leiter der Reptilienabteilung. "Bei uns ist es sowieso viel zu eng für die vielen Leute." Nur wenn Schulklassen kommen, verraten die Wärter schon mal Saturns Geheimnis. Es kommt sogar vor, dass sie seine Behausung einen Spalt öffnen und die Kinder Saturn mit einem Besenstil piesacken dürfen. Er schnauft dann gefährlich. "Aber eigentlich ist er ein ganz friedlicher Charakter", sagt Kudriawzew. "Nur 1970, da hätte er einem jungen Wärter fast den Arm abgebissen. Der war zu unerfahren und hat versucht, ihn aus der Hand zu füttern."

Sicher ist, dass Saturn aus dem Mississippi-Gebiet stammt

Die Details, wie Saturn nach Russland kam, sind unbekannt. Alle Unterlagen darüber wurden vernichtet, als die Moskauer Zooverwaltung in den 50er Jahren ausbrannte. Schriftlich festgehalten ist nur, dass Saturn 1936 wild in Amerika im Mississippi-Gebiet geboren wurde. Und es existiert ein schwarz-weiß-Foto, das ihn transportfertig zeigt; mit dicken Seilen verschnürt und einem Holzbalken zwischen den mächtigen Kiefern. Im Berliner Zoo haben den Krieg nur 96 von 16.000 Tieren überlebt. Das Aquarium wurde in der verheerenden Bombennacht vom 23. November 1943, als 9000 Berliner starben, völlig zerstört. Offiziell hieß es, alle 20 bis 30 Krokodile und Alligatoren seien dabei getötet worden. Viele lagen mit aufgeplatzten Körpern in den Straßen. Es gab jedoch auch Presseberichte, nach denen einige der gefährlichen Reptilen überlebt haben sollen und auf der Suche nach Fressbarem durch die Stadt irrten.

Der inzwischen pensionierte langjährige Archivar des Berliner Zoos, Dietmar Jarofke, hält es für möglich, dass Saturn aus Privatbesitz stammt. "In Berlin gab es damals genug Verrückte, die sich zu Hause solche Tiere hielten. War ja nicht verboten. Und ein Mississippi-Alligator ist mit sieben Jahren noch nicht viel länger als ein Meter zwanzig. Kann aber auch sein, dass Saturn doch dem Berliner Zoo gehörte, die Bombennacht überlebt hat und wie die meisten anderen Tiere nach Leipzig gebracht wurde. Von da haben ihn dann die Russen mitgenommen."

Für Moskau war Saturn 1946 eine echte Attraktion. Denn es gab nur zwei Krokodile. Und er hat einiges durchgemacht in seiner neuen Heimat. Das Gelände des über 150 Jahre alten Zoos ist klein, liegt mitten im Zentrum, wird von einer vierspurigen Straße geteilt. So manches Gebäude ist baufällig, im alten Aquarium wäre er fast von einer Betonplatte erschlagen worden, die sich aus der Decke gelöst hatte. "Saturn muss die Gefahr geahnt haben", erzählt Reptilien-Chef Kudriawzew, "denn wenige Minuten vorher ist er in eine schützende Nische gekrochen." Vor 15 Jahren wurde dann ein neues Aquarium gebaut, doch der Umzug bekam ihm nicht. Vier Monate weigerte er sich zu fressen. Er war nur noch Haut und Knochen und wäre fast gestorben.

"So wird er bestimmt über hundert Jahre alt"

"Aber heute ist er kerngesund", sagt einer der Wärter. "Er ist ein zäher Bursche. Typisch deutsch eben. Macht alles sehr langsam. So wird er bestimmt über hundert. Das wäre dann Weltrekord." Bis ans Ende seiner Tage soll es Saturn an nichts mehr fehlen - dafür garantiert das Unternehmen, das vor zwei Jahren die Patenschaft übernommen hat: der französische Modehersteller Lacoste, der mit dem Krokodil-Logo.

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