Möwen Der Tisch ist abgeräumt


Im Ruhrgebiet gehörten sie schon zum Stadtbild, doch nun verlassen die die Großmöwen nach und nach das Binnenland. Der Grund: Nach dem Ende der Mülldeponien finden sie nichts mehr zu fressen.

Die Großmöwen verlassen das Binnenland. Fernab der Küsten zählen Ornithologen immer weniger dieser eindrucksvollen Seevögel. Der Grund: In Deutschland sind die Hausmüll-Deponien geschlossen worden. Früher fanden Silber-, Herings- oder Mantelmöwen auf einer der zahlreichen Müllkippen im Land das ganze Jahr über stets einen reich gedeckten Tisch. Ansammlungen von tausenden Großmöwen waren nördlich der Mittelgebirge auch tief im Binnenland keine Seltenheit, sagt Ornithologe Bernd Hälterlein vom Nationalparkamt in Tönning in Schleswig-Holstein.

Doch seit dem 1. Juni 2005 ist die Ablagerung von unbehandeltem Hausmüll verboten. Das Aus für rund 200 Mülldeponien in Deutschland bedeutete für die zum Teil knapp adlergroßen Vögel den Verlust ihrer wichtigsten Nahrungsquelle, denn in der Asche aus Müllverbrennungsanlagen und in verrottetem Biomüll finden die so genannten Deponie-Möwen keine Nahrung mehr.

"Deponie-Knick" bei den Silbermöwen

Bei so genannten Schlafplatzzählungen in den vergangenen drei Wintern fanden die Biologen bei den kleinen Lach- und Sturmmöwen bislang keine deutlichen Veränderungen. So war auch im Winterhalbjahr 2005/06 die Lachmöwe mit rund 150.000 Tieren die häufigste Möwenart, gefolgt von der Sturmmöwe mit knapp 70.000 Tieren.

Bei den großen Silbermöwen mit ihrer imposanten Flügelspannweite von knapp eineinhalb Metern verzeichneten sie jedoch einen "eindrucksvollen Deponie-Knick". Mit 30.000 Tieren lag ihre Zahl deutlich unter der Zahl der Vorjahre, wie Hälterlein berichtet. Bei bundesweiter Betrachtung sei der Silbermöwen-Bestand zum Teil um mehr als 60 Prozent zurückgegangen. "Selbst in der ehemaligen "Großmöwen-Hochburg" Ruhrgebiet dominieren mittlerweile eindeutig die Kleinmöwen", sagt der Ornithologe.

Härtere Winter für hungrige Möwen

Nur in ganz wenigen Gebieten abseits der Küsten fanden die Großmöwen bis heute noch ausreichend Nahrung, um in großen Beständen auszuharren - unter anderem an der Weser zwischen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, im Emsland und im Leipziger Raum, wo die Deponie "Cröbern" Großmöwen magisch anzog. Solche Konzentrationen seien durch einzelne Ausnahmegenehmigungen und Zwischenlagerungen auch von unbehandelten Abfällen auf Grund von Entsorgungsengpässen bedingt, vermutet Hälterlein. "Insofern werden zumindest mittelfristig auch weiterhin Großmöwen-Ansammlungen im Binnenland auftreten, aller Voraussicht nach jedoch nur sehr regional begrenzt."

Mit weiteren Untersuchungen wollen die Biologen jetzt die langfristigen Auswirkungen der Deponie-Schließungen auf die Möwenbestände erforschen. Dabei geht es unter anderem um die Frage, ob sich die Großmöwen bald gänzlich aus dem Binnenland zurückziehen und größere Ansammlungen wie früher hauptsächlich auf die Küste und das offene Meer beschränkt sein werden, oder ob es ihnen gelingt, sich angesichts der "Müll-Knappheit" umzustellen und neue Nahrungsquellen zu erschließen. "In jedem Fall wird es für die Möwen künftig bedeutend härter werden, den Winter erfolgreich zu überstehen als bislang", sagt Hälterlein.

Wolfgang Runge/DPA DPA

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