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Nordmanntanne: Ein Stück Kaukasus für alle

Die Nordmanntanne ist des Deutschen liebster Weihnachtsbaum. Konsumenten schätzen an dem Nadelgehölz das Äußere, Züchter die unkomplizierte Art. Allein der Nordmann-Nachschub bereitet den Baumschülern Sorgen.

Sie hat eine gute Figur, sie ist pflegeleicht und nicht zu stachelig, ihr Austriebsverhalten ist geradezu ideal. Bei der Nordmanntanne geraten nicht nur Baumzüchter ins Schwärmen. Nicht umsonst ist diese Tannenart in den vergangenen Jahren hier zu Lande zum beliebtesten Weihnachtsbaum geworden. In Norddeutschland liegt ihr Anteil nach Angaben des Verbands der Forstbaumschulen bei mehr als 50 Prozent. Tendenz steigend.

In 20 Jahren den Beliebtheitsgrad fast verdoppelt

Vor 20 Jahren machte der Nordmann-Anteil nur knapp ein Drittel aus, in der Masse waren Blautanne und im Süden die Fichte verbreitet, so Verbandssprecher Jan Krohn. Die Blautanne sei aber sehr stachelig und die Fichte nadele zu schnell. Der Siegeszug der Nordmanntanne hat demnach auch viel mit veränderten Weihnachtsgewohnheiten der Bundesbürger zu tun: "Früher stand der Baum ja nur zwei Tage, heute steht er zwei bis vier Wochen im Wohnzimmer", weiß Krohn.

Wer aber glaubt, dass die 27 Millionen Bäume, die in der Saison 2003 bundesweit verkauft wurden, alle vom Förster im Revier geschlagen wurden, irrt. Anders als ihr Name vermuten lässt, kommt die Nordmanntanne (lateinisch abies nordmanniana) nicht aus dem Norden, sondern vielmehr aus dem Südosten: Ihre Heimat liegt im Kaukasus und deutsche Baumschulen sind nach wie vor auf frische Samen aus der Region angewiesen.

Georgien-Besuche gehören für Züchter zur Pflicht

Die beste Ware kommt nach Angaben Krohns aus Georgien. Bereits zu Zeiten der Sowjetunion pilgerten Firmenvertreter aus Westeuropa in die Republik im Südkaukasus, um dort Saatgut einzukaufen. Auch Henning Pein, der eine Baumschule im schleswig-holsteinischen Landkreis Pinneberg betreibt, reist für einen Saatgutverband seit einigen Jahren regelmäßig nach Georgien.

Der Job des Einkäufers ist nicht ganz leicht. Denn als wichtigstes Kriterium muss er die genetische Beschaffenheit des Saatguts beurteilen. "Wir suchen die Claudia Schiffer unter den Weihnachtsbäumen", scherzt Pein. Schließlich schätzen die Züchter die Nordmanntanne vor allem, weil sie erst Ende Mai austreibt und damit nicht vom Frühjahrsfrost vernichtet werden kann; für die Verbraucher ist dagegen allein die gute Figur ausschlaggebend.

Mit zehn Jahren wird der Baum seiner Bestimmung zugeführt

Bis aus den Sämlingen ein marktreifer Weihnachtsbaum gewachsen ist, vergehen knapp zehn Jahre. Frühestens nach vier Jahren, wenn die Pflanzen aus der Baumschule zum Weihnachtsbaumproduzenten "umziehen", kann man feststellen, ob sie gut gewachsen sind. Die Einkäufer müssen also die Qualität des Saatguts genau kennen. Das ist in einem Land, in dem laut Pein "Korruption hoch drei" an der Tagesordnung ist, nicht ohne Risiko. Immer wieder würden billige Kaukasus-Samen zweifelhafter Herkunft angeboten, weiß der Unternehmer.

Pein verlässt sich deshalb auf die Expertise einer georgisch-deutschen Umweltorganisation. Der Agrarwissenschaftler Jürgen Matschke entwickelte seit den frühen 90er Jahren in zahlreichen Expeditionen mit der CUNA Georgica in bergige Waldgebiete West- und Südgeorgiens eine genetische Datenbank der bestgewachsenen Bäume. "Damit können wir die Herkunft fast jedes Saatguts ermitteln", sagt CUNA-Gründer Udo Hirsch.

Bis zu 18 Tonnen Samen landen jährlich in Europa

Die Samensammler, die von der staatlichen Forstverwaltung lizenziert werden, klettern dann auf diese so genannten Mutterbäume, und sammeln die Zapfen ein. "Heruntergefallene Zapfen sind nicht mehr sauber genug", erklärt Hirsch. Im Flachland werden die Samen dann getrocknet, aufgebrochen und nochmal getrocknet. Schätzungsweise 12 bis 18 Tonnen Tannensamen exportiert Georgien derzeit jährlich, davon gehen je die Hälfte nach Deutschland und Dänemark.

Wegen des Trends zur Massenproduktion in Westeuropa hat sich nach Angaben von Verbandssprecher Krohn in den letzten Jahren ein Überangebot entwickelt. Freuen können sich darüber die Kunden: Kosteten gute Stücke vor 15 Jahren umgerechnet noch etwa 100 Mark, also 50 Euro, ist man heute schon mit 20 Euro für eine zimmerhohe Tanne dabei. Familienunternehmer wie Pein ärgern sich dagegen über die Billigkonkurrenz, etwa wenn ausländische Überschussware schon für sechs bis acht Euro tausendfach vor Baumärkten feilgeboten wird. "Diese Bäume können an keiner Misswahl teilnehmen."

Nikolaus von Twickel/AP / AP