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ÖLPEST: Sterben auf Raten

Die zahlreichen Schiffe, die an ihren Klippen zerschellten, haben der spanischen »Küste des Todes« ihren Namen gegeben. Nach der Havarie des Tankers »Prestige« hat dieser nun eine neue Bedeutung gewonnen.

Unzählige Tiere kämpfen in den Ölmassen ums Überleben, für viele Fischer bedeutet das Öl den wirtschaftlichen Tod. Und es ist ein Sterben auf Raten über Jahre hinweg - auch wenn die Ausmaße der Katastrophe noch längst nicht absehbar sind.

Zwar hat die »Prestige« einen Großteil ihrer mehr als 70.000 Tonnen schweren Fracht mit sich in die Tiefe gerissen. Aber bereits jetzt sind nach Schätzungen der Behörden rund 7.000 bis 8.000 Tonnen ins Meer geflossen. Und früher oder später wird auch das restliche Schweröl den Ozean verpesten, wie auch die Bergungsfirma SMIT einräumt.

Noch gibt es die Hoffnung, dass die Tanks des 26 Jahre alten, unter der Flagge der Bahamas gefahrenen Schiffs eine Weile standhalten und nicht sofort die rund 70.000 Tonnen Heizöl ins Meer laufen lassen, sagt Greenpeace-Sprecherin Maria Jose Caballero. »Es ist aber eine Zeitbombe auf dem Meeresgrund.« Die Ladung ist doppelt so groß wie die der »Exxon Valdez«, deren Havarie 1989 die Küste Alaskas verseuchte.

Auswirkungen hängen von verschiedenen Faktoren ab

Wie verheerend die Folgen sein werden, darüber können die Experten derzeit nur Vermutungen anstellen. Die ökologischen Auswirkungen hängen von einem komplexen Netz verschiedener Faktoren ab: davon, wie schnell der Tanker seine Ladung verliert und wie anfällig das Ökosystem gerade zu dieser Zeit ist, vom Wetter und von der genauen Zusammensetzung des Öls. Anders als das Rohöl auf der »Exxon Valdez« handelt es sich diesmal um Schweröl, was nach Ansicht von Fachleuten meist schwerer unschädlich gemacht werden kann. »Das ist eine große, klebrige, zähflüssige Verschmutzung, ein bisschen wie geschmolzener Asphalt«, erklärt Unni Einemo vom Londoner Fachinformationsdienst »Bunkerworld«.

Allerdings äußern Behörden und Fachleute noch die Zuversicht, dass sich das Öl im Schiffsinneren in großer Tiefe und bei kalten Temperaturen verhärten und so weit weniger Schaden anrichten könnte. »Wenn es im kalten Wasser sinkt, dann verhärtet sich diese Masse so sehr, dass sie an diesem Ort bleibt«, sagt Einemo. Wenn das Öl Tausende Meter tief zum Meeresgrund sinke, dann könnte zumindest die Küstenregion einer größeren Katastrophe entgehen, erklärt Hung Tao Shen von der Clarkson-Universität im US-Staat New York.

Selbst dann aber würden die giftigen Stoffe über Jahre hinweg das Leben im Meer belasten und in die Nahrungsmittelkette gelangen, mahnen Umweltschützer. »Wir rechnen mit gravierenden Langzeitfolgen für die Region«, erklärt die Umweltorganisation WWF. Der Kampf gegen eine Ölpest sei nicht mehr zu gewinnen.

Gefahr auch in großen Tiefen

Schon jetzt sind 200 Kilometer Küste verschmutzt, Fische und Vögel sterben in der klebrige Masse. Noch über Jahre hinweg wird Galicien unter der Ölpest leiden. »So was ist nie ausgestanden«, sagt Greenpeace-Sprecherin Svenja Koch. Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass die Folgen manchmal noch nach Jahrzehnten messbar sind; auch langfristige genetische Defekte bei Meerestieren sind zu erwarten.

»Nur weil es jetzt weit vor der Küste liegt, heißt das nicht, dass es keine schwerwiegenden Gefahren birgt«, warnt Richard Steiner vom der Universität von Alaska. Das Motto »Aus den Augen, aus dem Sinn« sei hier völlig fehl am Platz. Denn auch weit draußen auf See könnten Zugvögel, Wale und andere Tiere den tödlichen Fängen des Öls nicht entkommen.

Jeff Donn