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Primatenforschung: Chef sein ist nicht immer affengeil

Chef sein ist purer Stress – zumindest unter Pavianen, haben Forscher gezeigt und festgestellt: Kuscheliger ist es woanders in der Rangordnung.

Als Pavian-Chef muss man Zähne zeigen: Rivalen wollen sich den Chefposten erkämpfen

Als Pavian-Chef muss man Zähne zeigen: Rivalen wollen sich den Chefposten erkämpfen

An der Spitze ist es einsam, so viel war klar; nun fanden aber US-Wissenschaftler zudem heraus: Besonders stressig ist es obendrein. Da muss man sich fragen: Wer will da noch Chef sein?

Doch es gibt Entwarnung für Chefs und solche, die es werden wollen: Die Wissenschaftler haben für ihre Studie wilde Paviane untersucht – die Ergebnisse könnten also auch für den Menschen gelten, müssen aber nicht. Zumindest aber sagt Studienleiter und Evolutionsbiologe Laurence Gesquiere von der Universität von Princeton: Mensch und Affe ähneln sich sowohl genetisch als auch von den sozialen Hierarchien. Die Studie ist nun in der Fachzeitschrift „Science“ erschienen.

Die Forscher haben dafür die Konzentration von Testosteron und weiteren Stresshormonen bei wilden Pavianen im Amboseli-Nationalpark in Kenia gemessen. Es stellte sich heraus, dass Alpha-Männchen mehr Stress haben als die Vize-Chefs der Gruppe. Erstaunlicherweise ähneln die Bosse damit sehr ihren Artgenossen, die ganz unten in der "Karriereleiter Affe" stehen.

Jahrelang Affen-Kot untersucht

Zunächst hat Chef zu sein aber viele Vorteile: In Primatengruppen kommen die ranghöheren Tiere leichter an Futter und die besseren Weibchen. Doch das hat seinen Preis. Ständig muss ein Alpha-Männchen seine Stellung verteidigen, besonders oft prügelt er sich mit Artgenossen und muss auf seine Partnerin aufpassen. Das kostet Energie und bedeutet Stress.

Im Körper lösen solche Stresssituationen eine Kette von hormonellen Reaktionen aus. Eine entscheidende Rolle spielen dabei Glukokortikoide, die von der Nebennierenrinde als sogenannte Stresshormone gebildet werden. Mit ihrer Hilfe produziert der Organismus die notwendige Energie, um den Stress zu bewältigen. Zu viel davon ist allerdings schädlich und kann krank machen.

Die Wissenschaftler um den Evolutionsbiologen Laurence Gesquiere glauben, dass das Verhältnis zwischen sozialem Rang und der Konzentration der Stresshormone davon abhängt, wie stabil die soziale Hierarchie ist. Sie wollten herausfinden, ob die Anführer der Gruppe in Krisenzeiten mehr von diesen Hormonen bilden als ihre Artgenossen.

Neun Jahre lang haben die US-Forscher regelmäßig die Konzentrationen von Testosteron und Glukokortikoiden im Kot von 125 erwachsenen Pavianmännchen gemessen und zugleich ihr Verhalten dokumentiert.

Vize sein ist besser

Je tiefer ein Pavian in der Hierarchie steht, umso höher ist im Allgemeinen seine Konzentration an Stresshormonen, berichten die Forscher. Eine ganz andere Formel scheint dagegen für die Alpha-Tiere zu gelten. Bei ihnen fanden die Ökologen wesentlich mehr Stresshormone als bei den Vize-Chefs. Das galt sogar für relativ stabile Gruppen. Ähnlich hohe Konzentrationen konnten die Forscher sonst nur bei den rangniedrigsten Tieren nachweisen.

Oberhaupt einer sozialen Hierarchie zu sein, könnte demnach wesentlich stressiger sein, als nur als Zweiter im Ring zu stehen, vermuten die Wissenschaftler. So muss der Boss häufiger um seine Vormachtstellung kämpfen und ständig um die Gunst der Weibchen buhlen, damit er seine Gene erfolgreich vererben kann. Anders, aber nicht minder aufreibend sind die Probleme der rangniederen Tiere. Bei ihnen geht es meist schlicht darum, etwas vom Futter abzubekommen.

Die Ergebnisse der Studie werten die Wissenschaftler als wichtigen Einblick in die Organisation sozialer Hierarchien. Es zeige, dass der Chef-Posten in tierischen, und möglicherweise auch menschlichen Gesellschaften seinen besonderen Preis hat, den es weiter zu erforschen gelte.

DPA/hoe / DPA
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