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QUERSCHNITTSLÄHMUNG: Schritt für Schritt zum Erfolg

Nur wenigen Querschnittgelähmten kann schon heute geholfen werden. Aber neue Forschungsansätze machen Hoffnung.

Selten sind Krankheiten die Ursache

Häufig bedeutet die Diagnose Querschnittlähmung dann ein Leben im Rollstuhl

Knapp einen halben Meter lang ist der fingerdicke Leitungsstrang, ohne den Kopf und Körper nicht verschaltet wären und ohne den wir »oben« nicht wüssten, was »unten« passiert. Durch das Rückenmark, das nach unten verlängerte Gehirn, werden die Bewegungen der Muskeln gesteuert, ebenso unsere Atmung und der Kreislauf. Auch alles, was wir fühlen - Wärme und Kälte, ein Streicheln auf der Haut oder selbst der Druck auf der Blase -, wird durch die Wirbelsäule hinauf zum Gehirn gemeldet und dort durch entsprechende Reaktionen beantwortet - vorausgesetzt, die Leitungen sind nicht unterbrochen.

Allein in Deutschland leben schätzungsweise 66 000 Querschnittgelähmte. Und jedes Jahr kommen 1500 neue Patienten dazu. Selten sind Krankheiten, ein Tumor zum Beispiel, Ursache der schweren Leitungsstörungen in der Wirbelsäule: 80 Prozent der Betroffenen verletzen sich das empfindliche Nervengewebe bei einem Unfall, ein Drittel beim Sport. Häufig bedeutet die Diagnose Querschnittlähmung dann ein Leben im Rollstuhl. Doch nicht alle Fälle sind gleich schlimm. Manch einer hat Glück im Unglück und erleidet nur eine teilweise Durchtrennung der Verbindung zum Gehirn. Und Mediziner können heute schon wenige intakte Nervenfasern nutzen. Christopher Reeve, der seine Ärzte mit eisernem Willen unterstützt, ist wahrscheinlich das prominenteste Beispiel dafür.

»Komplett-Reparaturen« frühestens in zehn Jahren

»Komplett-Reparaturen« werden frühestens in zehn Jahren möglich sein

In Deutschland entwickelte der Neurophysiologe Anton Wernig von der Universität Bonn eine Laufbandtherapie, die Patienten mit einer »inkompletten Querschnittlähmung« nach und nach beibringt, wieder einen Fuß vor den anderen zu setzen. »Das Rückenmark ist lernfähig«, sagt Wernig. Durch seine Methode werden offenbar in den abgeschalteten Nervenzellen gespeicherte »Schreitprogramme« wieder aktiviert. So lautet der Expertenrat, auch wenn er für Gelähmte paradox klingen mag: Bleib in Bewegung.

Methoden wie die von Wernig können helfen, mit der Behinderung halbwegs fertig zu werden. Eine Heilung aber bringen sie nicht. Die könnte nur gelingen, wenn wieder zusammenwachsen würde, was zusammengehört. Solche Komplett-Reparaturen des Rückenmarks aber, da sind sich die Experten einig, werden frühestens in zehn Jahren gelingen. Und selbst dann längst noch nicht in allen Fällen.

Trotzdem gibt es vielversprechende und auch unerwartete Therapieansätze. Dass vieles von dem, was sie einst im Studium als unumstößliche Wahrheit hörten, heute nicht mehr gilt, ist wohl das Wichtigste, was Nervenspezialisten in den vergangenen Jahren gelernt haben. Bis vor kurzem noch ein wissenschaftliches Dogma: Zellen des Zentralnervensystems Erwachsener können sich nicht erneuern. Heute ist klar: Das stimmt nicht. 1998 entdeckte ein Team amerikanischer und schwedischer Forscher, dass sich sogar Hirnzellen teilen können. Natürlich ist der Weg noch weit, bis Neuronen regeneriert werden können - im Gehirn und auch im Rückenmark. Aber inzwischen hat sich gezeigt, dass auch für Nervenzellen Wachstum und nicht Stillstand der Normalfall ist.

Bremsmechanismen des Körpers außer Kraft setzen

Der Körper setzt Kontrollsubstanzen ein, um das zunächst ungebremste Wachstum da zu unterbinden, wo es schädlich wäre oder einfach nicht mehr gebraucht wird - leider manchmal auch, wie im Fall der Querschnittgelähmten, wenn es zum falschen Ergebnis führt.

In den vergangenen Jahren konnten einige dieser Bremsmechanismen bestimmt werden. Gelingt es nun, die Substanzen gezielt zu unterdrücken, die Nervenzellen das Wachstum schwer machen, müssten unterbrochene Leitungen wieder zusammenwachsen können. Bei Versuchen an zuvor künstlich gelähmten Ratten vermelden Wissenschaftler bereits imponierende Erfolge. Doch Menschen sind keine Ratten.

Immerhin aber gibt es Hoffnung machende Wege, die vielleicht tatsächlich einmal zu Routineverfahren führen. Womöglich müssen wachstumsfördernde Substanzen die Therapie ergänzen. Und vielleicht ist es auch erforderlich, den neu zusammenwachsenden Nervenbahnen den Weg zu weisen: Mit winzigen Plastikröhrchen konnte im vergangenen Jahr ein kanadisches Team Rückenmarksfasern zuvor gelähmter Ratten zueinander führen.

Bringt Stammzellforschung den ersehnten Durchbruch?

Wenn es nicht gelingt, im Rückenmark Nervenzellen zu neuem Wachstum anzuregen, könnten vielleicht von außen eingeschleuste neue Nervenzellen leisten, was die alten nicht mehr schaffen: So genannte Stammzellen, die hoch potenten Vorläufer normaler Körperzellen, gelten seit etwa vier Jahren als mögliche Wunderwaffe gegen beinahe jede Art körperlichen Verfalls. Könnten neue Neuronen aus Stammzellen gewonnen werden, wäre der Nachschub unbegrenzt.

Allerdings ist der Weg dahin ethisch umstritten. Denn für genetisch zum Patienten passende Zellen müsste ein künstlich gezeugter Embryo heranwachsen und nach gut einer Woche geopfert werden. Christopher Reeve zählt zu den prominentesten Befürwortern solcher »verbrauchenden« Forschungsvorhaben. Ethische Bedenken zumeist konservativer Kreise weisen er und seine Mitstreiter zurück: Das Recht eines Hundertzellers ohne Sinn und Verstand dürfe nicht über das lebender und leidender Menschen gestellt werden. Noch aber ist auch wissenschaftlich nicht klar, ob embryonale Stammzellen die Hoffnungen erfüllen werden, die vor allem viele Kranke in sie setzen. Und womöglich gibt es sogar ethisch unbedenkliche Alternativen: »adulte Stammzellen« etwa, die auch im Körper Erwachsener noch vorkommen.

Letzter Ausweg wäre die Mischung von Mensch und Maschine

Und wenn es der menschliche Körper einfach nicht schafft, eine Lücke zu schließen, die einmal in seinem Rückenmark klafft? Auch für diesen Fall wird bereits über Lösungen nachgedacht. Dann müsste Technik ersetzen, was die Natur nicht mehr zustande bringt. Mikrodrähte könnten Restsignale der natürlichen Nerven zu eingepflanzten Verstärkern führen und so die Bewegungsabläufe verbessern.

Letzter Ausweg wäre die Mischung von Mensch und Maschine. Ein erstes Beispiel hierfür bot 2000 der Franzose Marc Merger, der mit Hilfe von Muskelelektroden in einem Stützrahmen unbeholfene, roboterähnliche Schritte machte. Eine elegantere Version würde den Kopf einbeziehen. Chipgesteuerte und vom Gehirn aus kontrollierte Implantate in den Gliedern könnten die Lücke im Rückenmark zwar nicht schließen, aber umgehen. Und vielleicht sind solche an Science-Fiction erinnernde Neuroprothesen gar eher verfügbar als eine vollständige Heilung durchtrennter Nervenstränge.

Anika Geisler / Frank Ochmann