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Robbenschlachtung: "Bei einer Jagd können Tiere fliehen"

Das Abschlachten von jungen Robben in Kanada hat eine lange und traurige Tradition. Dieses Jahr sollen bis zu 335.000 Tiere getötet werden - doch dieses Jahr könnten den Jägern die Robbenbabys ausgehen.

Pünktlich mit dem ersten Tageslicht hat auf den kanadischen Eisschollen im Golf des St. Lorenz-Stroms die blutige Jagd auf Robbenbabys begonnen. 335.000 Tiere, kaum eines älter als drei Monate und viele gerade erst 20 Tage alt, sollen in den kommenden Wochen getötet und gehäutet werden. Ihr Pelz und Öl für Omega3-Ölkapseln bescherten den industriearmen Provinzen an Kanadas Atlantikküste im vergangenen Jahr 14,5 Millionen US-Dollar, umgerechnet 12,1 Millionen Euro.

Auf den weltweiten Protest gegen das grausame "Massenschlachten" vor seiner Atlantikküste blieb das Land zwar weiter ungerührt. Dass die Kritik sie dennoch an einem Nerv trifft, offenbarten manche Kanadier mit ihren Reaktionen am Ort des Geschehens und in der Hauptstadt Ottawa. So zielten Robbenjäger mit den Eingeweiden erlegter Tiere verärgert auf Demonstranten und Journalisten, wie kanadische Medien berichteten.

Ein Politiker wurde ausfallend, als die Anästhesiologin und Tierschützerin Astrid Kammerer-Höfer aus Gundelfingen die Robbenjäger in einer E-Mail als "blutdürstige Barbaren" bezeichnete. "Angesichts der Geschichte Ihres Landes finde ich die Anwendung des Begriffs Barbarei ironisch", schrieb der kanadische Senator Larry Campbell zurück.

Die Bundestagsabgeordnete Bärbel Höhn (Grüne) reiste auf Einladung des der Tierschutzorganisation "International Fund for Animal Welfare" (IFAW) zur Beobachtung der Robbenjagd nach Kanada und reagierte entsetzt auf das, was sich vor ihren Augen abspielt. "Das ist ein grausames Gemetzel. Von Jagd kann man eigentlich nicht sprechen, weil die Tiere nicht fliehen können und ihren Schlächtern hilflos ausgeliefert sind", sagte sie. Nach ihrer Rückkehr will sich Höhn für Einfuhrstopp von Pelzen und Omega3-Öl-Kapseln zur Nahrungsergänzung einsetzen.

Statt zehntausende nur hunderte von Robbenbabys

Derweil trafen die Robbenjäger im Süden des Golfes auf eine überraschend geringere Zahl von Sattelrobben als in vergangenen Jahren. "Wir sollten hier buchstäblich zehntausende von Robbenbabys sehen. Stattdessen sind es höchstens ein paar hundert", sagte die amerikanische Tierschützerin Rebecca Aldworth von der Humane Society. Die ungewöhnlich milden Temperaturen hatten das Packeis zum großen Teil aufgebrochen, so dass die Robben nur vereinzelt auf kleinen Eis-Flößen zu finden sind.

"Wir sind erschüttert, dass 325.000 Sattelrobben, fast ausnahmslos wehrlose Jungtiere, erschlagen und erschossen werden dürfen", sagten Ex-Beatle Paul McCartney und seine Frau Heather per Video aus London. Es wurde am Freitagabend von der Humane Society veröffentlicht. "Warum macht die kanadische Regierung nicht endlich Schluss mit dieser grausamen und unnötigen Tradition" und entschädige die Fischer für ihren finanziellen Verlust, fragte das prominente Paar.

Ottawa verteidigt seine Entscheidung, die Fangquote in diesem Jahr noch zu erhöhen, mit der schnell wachsenden Robbenpopulation. "Unglücklicherweise sind wir selbst zum Opfer einer internationalen Propagandakampagne geworden", so Kanadas Ministerpräsident Stephen Harper in heimischen Medien. "Wir sind überzeugt, dass unser Land verantwortungsbewusst handelt, und werden die Durchsetzung aller Vorschriften überwachen."

Tierschutzorganisationen kritisieren, dass wehrlose Jungtiere auf grausame Weise erschlagen und nicht selten bei lebendigem Leib gehäutet würden. Die USA verbieten aus diesem Grund schon seit 1972 die Einfuhr von Robbenprodukten. Die EU schloss sich 1983 mit einem Importverbot für den weißen flaumigen Pelz wenige Tage alter Robben an. Inzwischen erlaubt das Fischereiministerium lizenzierten Robbenjägern nur noch die Jagd auf Tiere, deren Pelz bereits eine dunklere Farbe angenommen hat. Die Färbung beginnt gut zehn Tage nach der Geburt.

Warmer Winter verringert den Robbenbestand

Der IFAW fürchtet, dass schon der warme Winter den Robbenbestand erheblich abgebaut hat. Robben bräuchten stabiles Eis, um ihre Jungen aufzuziehen. Vermutlich sei ein größerer Teil des Nachwuchses ertrunken. Der IFAW weist auch darauf hin, dass die Fischer wegen der dünnen Eisschollen in diesem Jahr auf ihre Schiffe angewiesen sind und einen Großteil der Robben aus weiterer Entfernung erschießen müssten. Dabei würden sich viele Tiere verletzt ins Wasser retten und dort elendig ertrinken. Damit könnte der Verlust an Jungtieren am Ende deutlich über der erlaubten Fangquote liegen.

Nach einer Umfrage von 2005 wird das jährliche Robbenschlachten inzwischen selbst von Kanadas Bevölkerung verurteilt. Dem IFAW zufolge lehnten 69 Prozent der Kanadier die kommerzielle Jagd auf die Säugetiere ab. Gegen ihre finanzielle Förderung durch Ottawa sprachen sich sogar 77 Prozent der Landesbevölkerung aus.

Gisela Ostwald/DPA / DPA