Seuchengefahr Mit der Wärme kommen die Viren


Tierseuchen suchen Deutschland heim - nach Schweinepest und Vogelgrippe nun die Blauzungenkrankheit. Sie reisen im Schlepptau das Klimawandels, vermuten Forscher. Das wärmere Klima könnte aber auch positive Auswirkungen haben.

Kommt eine Seuche nur selten allein? Wieder einmal ist eine Tierkrankheit in Deutschland ausgebrochen. Nach der Vogelgrippe und der Schweinepest ist nun die vor allem für Schafe gefährliche Blauzungenkrankheit in Deutschland angekommen. Ursprünglich war der Erreger nur in wärmeren Gefilden heimisch, tauchte seit einigen Jahren aber auch in Südeuropa auf. Inzwischen ist klar: Auch der jetzt in Nordrhein-Westfalen gefundene Erregertyp stammt aus Afrika. Warum sich die von Mücken übertragene Seuche nach Nordeuropa ausbreitet, darüber rätseln die Experten noch. Einige vermuten den Klimawandel als Ursache.

Infizierte schnell isolieren

Die Hypothese klingt einleuchtend: Es wird wärmer in Deutschland. Das gefällt allen, die es gern kuschelig haben - Pflanzen, Tieren und auch exotischen Krankheitsüberträgern, etwa bestimmten Mücken oder Zecken. Doch Experten warnen: Die Gleichung "Klimawandel gleich tropische Krankheiten in Deutschland" stimmt so nicht. Denn sie lässt zahlreiche Variablen außer Acht.

"Höhere Temperatur heißt nicht gleich Krankheit", sagt Barbara Ebert vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. Gerade bei Erregern, die ihren Weg in den Menschen über Zwischenträger finden, könne ein gut funktionierendes Gesundheitssystem den Kreislauf leicht unterbrechen. Wenn Ärzte Infizierte schnell isolierten, fehle den jungen Mücken die Ansteckungsquelle. Eine Ausbreitung der Malaria etwa sei für Deutschland höchst unwahrscheinlich. "Einzelfälle aber hat es ja immer mal gegeben", sagt Ebert.

In Altreifen um die ganze Welt

Schwieriger wird es bei komplexeren Kreisläufen. Versteckt sich ein Virus in Wildtieren, ist die Krankheit schwerer zu kontrollieren. Eindrucksvoll zeigte dies 2002 ein explosionsartiger Ausbruch des West-Nil-Fiebers in den USA. Das Virus stammt aus Afrika und Nahost und taucht in Vögeln unter. Mücken tragen es beim Stich in den Menschen. Selbst wenn alle infizierten Menschen isoliert würden - was schon deshalb unmöglich ist, weil die Krankheit bei den meisten unbemerkt verläuft - bleibe sie in den Vögeln vorhanden. In den USA hatte sich die Krankheit innerhalb von drei Jahren über das ganze Land ausgebreitet. Theoretisch könnte das Virus auch in Deutschland vorhanden sein, denn sowohl die Mücke als auch die Vögel gibt es hier auch.

Ein weiterer Faktor ist die Globalisierung. Das zeigt das Beispiel Dengue-Fieber. Die weltweit bedeutendste durch Mücken übertragene Krankheit habe sich mit dem Altreifenhandel über mehrere Kontinente verbreitet, sagt Helge Kampen, Parasitologe der Universität Bonn. In Pfützen in den Reifen wurden die Mückeneier weltweit verschifft. "Es würde mich nicht wundern, wenn sie auch in Deutschland vorkommen", sagt Kampen.

Werden auch Krankheiten verschwinden?

Auch bei den Tierkrankheiten tauchen in Deutschland hin und wieder neue Erreger auf, sagt der Berliner Tierparasitologe Eberhard Schein. So sei in den vergangenen Jahren die Auwaldzecke immer weiter gen Norden gewandert. Der Parasit überträgt bestimmte Einzeller, die vor allem bei Hunden Blutarmut hervorrufen. "Durch wärme Temperaturen werden wir immer mehr Krankheitserreger in Deutschland bekommen, die früher hier nicht waren", meint Schein.

Vielleicht fallen aber gleichzeitig andere Krankheiten weg. Manche Überträger oder Erreger fühlten sich bei höheren Temperaturen unwohl, gibt Kampen zu bedenken. So gebe es Rechenmodelle, nach denen das von Zecken übertragene FSME-Virus, das beim Menschen Hirnhautentzündungen auslöst, bei stärkerer Klimaerwärmung zurückgeht. Und in Kalifornien habe sich mit steigenden Temperaturen das Virus der Pferde-Hirnhautentzündung gen Norden ausgebreitet. Im Süden sei es in einigen Regionen hingegen verschwunden.

Susan Schädlich/DPA DPA

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