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TRAUMA: Schneise in Kopf

Überlebende von Katastrophen leiden oft noch Jahre später. Jetzt haben Wissenschaftler die Gehirne solcher Trauma-Opfer untersucht - und nachhaltige Veränderungen festgestellt.

Manchmal trifft Roland Fuchs im Dorf eines der Mädchen, die damals mit Nadine in den Kindergarten gingen. Dann denkt er, dass sie jetzt vielleicht auch so aussehen würde. Nadine wäre heute 18. Die letzten Bilder, die Roland Fuchs von seiner Tochter in Erinnerung hat, sind die von jenem Augusttag vor gut 13 Jahren: ihre Arme, die sie nach ihm ausstreckt. Das brennende Kleidchen. Die weggesengten Haare. Das verbrannte Gesicht.

Seine Haut war zu 63 Prozent verbrannt

Nadine Fuchs war fünf, als sich bei der Flugschau im pfälzischen Ramstein ein herabstürzender Kunstflug-Jet wie ein brennender Pfeil mitten in die Zuschauermassen bohrte. Sie starb zwölf Tage später im Krankenhaus an ihren Verbrennungen. Unter den 70 Todesopfern der Katastrophe war auch Roland Fuchs? Ehefrau Carmen. Roland Fuchs selbst, damals 23 Jahre alt, überlebte, obwohl seine Haut zu 63 Prozent verbrannt war. Unauslöschlich haben sich ein Name und ein Datum in sein Leben gefräst: Ramstein, 28. August 1988.

Gehirne von Ramstein-Opfern werden analysiert

Auch Alexander Jatzko lebt seit damals mit dem Desaster - obwohl der heute 30-jährige Arzt am Unglückstag gar nicht dort war. Aber für seine Eltern ist Ramstein zur Mission geworden. Die Psychotherapeuten Sybille und Hartmut Jatzko aus dem pfälzischen Krickenbach, einem Dorf in der Nähe, betreuen seit 13 Jahren Überlebende des Unglücks und Hinterbliebene. Jetzt führt der Sohn das Werk der Eltern mit moderner medizinischer Diagnostik fort: In einem Forschungsprojekt des Mannheimer Zentralinstituts für Seelische Gesundheit unter Leitung des Oberarztes Dieter Braus untersucht Jatzko die Gehirne einer Gruppe von Ramstein-Überlebenden, die bis heute unter ihren Erinnerungen leiden.

Es ist die erste Studie mit Opfern derselben Katastrophe, und das Inferno vom 11. September hat ihr ungeahnte Aktualität verliehen. Denn egal, ob 70 oder 3000 Menschen sterben: Für die Hinterbliebenen sind die Folgen sehr ähnlich. Viele bekommen ihr Leben nicht mehr in den Griff, leiden unter Panikattacken, sind depressiv.

Unglücke hinterlassen im Gehirn nachhaltige Veränderungen

Die Mannheimer Wissenschaftler gehen davon aus, dass Ereignisse wie in New York, Ramstein, Eschede oder Kaprun nachhaltige Veränderungen im Gehirn hinterlassen. Schon frühere Untersuchungen von Patienten mit einer so genannten posttraumatischen Belastungsstörung hatten gezeigt, dass bei ihnen ein wichtiges Zentrum des »Gefühlsapparats« im Kopf, die Amygdala, hoch aktiv wird, wenn sie Bilder des Unglücks sehen, das sie erlebt haben. Mögliche Erklärung: Normalerweise werden Sinneseindrücke vom Bewusstsein in der Großhirnrinde eingeordnet. Es entscheidet zum Beispiel, ob eine Situation echt oder nur abgebildet ist, und steuert so die emotionalen und körperlichen Reaktionen.

Reizüberflutung bahnt einen schnelleren Weg zum Gefühlszentrum

Wenn die Sinneseindrücke aber unter Umgehung des Bewusstseins auf direktem Weg in die Amygdala gelangen, fehlt die Einordnung. Und genau das, so vermuten Jatzko und seine Kollegen angesichts ihrer ersten Untersuchungsergebnisse, geschieht auch in den Köpfen der Ramstein-Überlebenden: »Der normale Verarbeitungsweg der Sinneseindrücke über das Bewusstsein war damals, im Moment der Katastrophe, blockiert. Und diese totale Reizüberflutung in der lebensbedrohlichen Situation hat einen anderen, schnelleren Weg zum Gefühlszentrum gebahnt.«

Der Geruch von verbranntem Fleisch erinnert an Ramstein

Offensichtlich haben die Nervenbahnen die direktere Reizschneise im Moment der Katastrophe gespeichert. Denn immer dann, wenn später, auch Jahre danach, Geräusche, Bilder oder Gerüche an das Unglück erinnern, wird dieser Weg sofort wieder aktiviert.

»Schon der Geruch von angebranntem Fleisch in der Küche kann an Ramstein erinnern, weil es dort ähnlich gerochen hat«, erklärt Jatzko. »Dann reagiert das Gefühlszentrum, und schon läuft der Ramstein-Mechanismus automatisch ab.« Hilflos fühlen die Traumatisierten sich unmittelbar in die Katastrophe zurückversetzt. Manche bekommen Flashbacks, sehen also Bilder des Unglücks, viele berichten über Herzrasen, Schweißausbrüche, Angstzustände.

Die vordere Großhirnrinde läuft auf Hochtouren

Die Mannheimer Wissenschaftler haben ihre Probanden in die enge Röhre des Kernspintomografen gebeten. Über eine Spiegelvorrichtung wurden ihnen dort Bilder gezeigt, während das Gerät ihre Hirnaktivität dokumentierte. Das erstaunlichste Ergebnis: Bei den meisten Untersuchten wichen die Hirnaufnahmen nicht nur angesichts der Unglücksbilder vom

Normalbefund ab - sondern auch bei völlig harmlosen Motiven. So wurde Roland Fuchs eine Filmszene aus Disneys »Dschungelbuch« vorgeführt. Als der Bär Balou das Lied »Probier's mal mit Gemütlichkeit« anstimmte, lief bei einem Kontrollprobanden die vordere Großhirnrinde auf Hochtouren - der Bereich, wo Bilder und Geräusche verarbeitet und interpretiert werden.

»Traumatisierte stehen ständig unter Strom«

Bei Fuchs jedoch war dieses Areal praktisch lahm gelegt, der Verarbeitungsweg dorthin abgeschnitten. Schon die beengte Situation in der Röhre hatte ihn offenbar dermaßen unter Stress gesetzt, dass er die »Dschungelbuch«-Szene nicht mehr verarbeiten konnte. »Traumatisierte stehen fast ständig unter Strom«, erläutert Jatzko. »

Schon der Einkauf bei Karstadt ist zu viel

Bei zusätzlichem Stress sind sie dann schon mit einfachen Reizen überfordert, die gar nichts mit der Katastrophe zu tun haben.» Das könnte erklären, warum viele im Alltag nicht mehr zurechtkommen. So geraten manche Ramstein-Überlebende bis heute bei größeren Menschenmengen in Panik, schon der Samstagseinkauf bei Karstadt verursacht Schweißausbrüche und Herzrasen, einige fühlen sich im Verkehr überfordert.

Nach einer Katastrophe ist nichts mehr, wie es war - diese Erkenntnis steht ungezählten Überlebenden der Terroranschläge in den USA noch bevor. Bevor die Trauma-Folgen deutlich werden, vergehen allerdings meist Wochen und Monate, manchmal Jahre. Der Mannheimer Projektleiter Dieter Braus sieht jetzt in New York »die Gefahr einer gigantischen Menschenmenge, die das Risiko einer posttraumatischen Störung in sich trägt«. Für besonders anfällig hält er die Feuerwehrleute, die am Tag des Anschlags löschen und retten mussten. Und die jetzt noch menschliche Überreste aus den Trümmern von Ground Zero bergen.

Viele leiden dauerhaft unter posttraumatischen Belastungsstörungen

»Das Gehirn dieser Feuerwehrleute lernt schon seit mehr als drei Monaten diese Bilder«, sagt der Traumaexperte, »immer wieder Leichenteile unter den Trümmern oder zumindest die Möglichkeit, jederzeit ein Leichenteil zu finden. «Etwa ein Drittel der Überlebenden einer Katastrophe leidet erfahrungsgemäß dauerhaft unter den Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung. Jatzko befürchtet, dass auch in New York »viele damit nicht fertig werden, weil sie entweder gar nicht oder falsch therapiert werden«.

Die Macht des Unglücks nimmt im Laufe der Zeit ab

Noch gibt es keine speziell auf Trauma-Patienten zugeschnittene, allgemein anerkannte Therapie. Ein schweres Trauma ist nicht heilbar, es bleibt, ein Leben lang. Eine Kombination aus Gesprächs- und Verhaltenstherapie kann die Patienten jedoch so weit bringen, dass sie ihren Gefühlen nicht mehr nur hilflos ausgeliefert sind. So wird Ramstein aus dem Leben von Roland Fuchs nie verschwinden - aber das Unglück hat längst nicht mehr so viel Macht über seinen Alltag wie anfangs. Fuchs ist wieder verheiratet und hat zwei Kinder. Er hat das Leben wieder angenommen.

Die Mannheimer Ramstein-Probanden waren extrem motiviert, die Untersuchung im Kernspintomografen über sich ergehen zu lassen. »Die Studienteilnehmer riefen schon wochenlang vorher an und wollten wissen, wann es endlich losgeht«, sagt Jatzko. Und das, obwohl die Prozedur für die meisten extrem belastend war. Selbst einer, der sonst in keinen Aufzug steigen kann, wollte unbedingt in die enge Röhre klettern. »Sie möchten endlich zeigen, dass sie tatsächlich krank sind«, erklärt Jatzko, »das hat ihnen ja bisher kaum jemand geglaubt.«

Er musste seinen geliebten Beruf aufgeben

Auch Hans Joachim Lenhard wollte beweisen, dass er nicht bloß ein Schwächling ist. Der frühere Feuerwehrmann, der am Unglückstag Dienst in Ramstein hatte, musste zwei Jahre später seinen geliebten Beruf aufgeben. Er konnte einfach nicht mehr. Kollegen und Vorgesetzte hatten kein Verständnis, stempelten ihn als Versager ab. Mit seinem Löschwagen stand er im Moment der Katastrophe nur 60 Meter von der Absturzstelle entfernt. Sofort fuhr er los und sprühte einen Schaumteppich, um das Feuer zu ersticken. Aber dort lagen auch Menschen. Vielleicht sind einige unter dem Schaumteppich umgekommen. Die Frage quält ihn bis heute.

»Die meisten Freundschaften sind auseinander gebrochen«

Der 28. August 1988 hat Lenhards Leben dramatisch verändert. Früher war er ein fröhlicher Mensch, der gern unter Leute ging. »Nach Ramstein sind die meisten Freundschaften auseinander gebrochen, da ist einfach nichts mehr«, sagt er. Sobald er von der Katastrophe spricht, sind seine Gesichtszüge zur Maske erstarrt. Seine Aufnahmen aus dem Kernspintomografen zeigen die gleichen Symptome wie die von Roland Fuchs. Das Betrachten der Ramstein-Bilder war für ihn derart belastend, dass sein Gehirn danach selbst an schlichten Aufgaben scheiterte: Er war eine Zeit lang nicht in der Lage, Rechtecke von Kreisen zu unterscheiden.

Kürzlich hat Hans Joachim Lenhard im Fernsehen ein Interview mit einem New Yorker Feuerwehrmann gesehen. Der riskierte am 11. September sein Leben im brennenden Südturm des World Trade Center, überlebte wie durch ein Wunder. Am Tag danach quittierte er seinen Dienst. Lenhard weiß, was der Kollege aus New York jetzt durchmacht. »Den würd ich gern mal treffen«, sagt er.

Andreas Molitor