HOME

TUMORFORSCHUNG: Krebs durch Mikroben

Die Liste der Erreger, die im Verdacht stehen, Tumore auszulösen, wird immer länger. Auch bei Darmkarzinomen scheint ein Virus im Spiel zu sein.

Die ersten Ergebnisse sind beunruhigend

Mindestens jeder Zweite trägt den Erreger in sich. Bei einem gesunden Immunsystem offenbar so gut wie ohne Folgen. Ist die innere Abwehr aber schwach, kann das durch Körperflüssigkeiten übertragene Cytomegalievirus (CMV) gefährlich werden. Schon früher hatte der Erreger im Labor mehrfach seine Fähigkeit bewiesen, Krebs zu erzeugen. Und im vergangenen Sommer brachten ihn Charles Cobbs und sein Team an der Universität von Alabama in Birmingham CMV mit bestimmten Hirntumoren beim Menschen in Zusammenhang. Nun fanden sie Spuren des Erregers erstmals auch im Tumorgewebe von Darmkrebspatienten.

Zwar gibt es noch »Wenns«, wie Cobbs einräumt, aber die ersten Ergebnisse sind beunruhigend: In 85 Prozent der Krebsproben und 80 Prozent der Zellen aus Darmpolypen, die noch im Vorkrebsstadium waren, konnte CMV nachgewiesen werden. »Ich vermute«, sagt Cobbs, »in den Patienten wirkt der Erreger genauso, wie wir ihn aus dem Labor kennen.« Dabei geht CMV offenbar eine Symbiose ein: Das Virus findet in Vorkrebszellen eine ideale Umgebung, um sich zu vermehren. Und genau das führt die Wirtszellen dann vollends in den Krebs.

Seit 30 Jahren vermutet man eine Beziehung zwischen Tumoren und Erregern

Die neuen Ergebnisse aus Alabama passen zu den bisherigen Erkenntnissen der Forschung. Die Liste von Krebsarten, die auch durch infektiöse Erreger ausgelöst werden, wird immer länger. Bereits vor gut 30 Jahren nahmen Wissenschaftler an, Viren und Bakterien könnten das unkontrollierte Wachstum von Tumoren verursachen. Damals war die Suche nicht sehr erfolgreich, sie vertiefte aber das Verständnis von Krebs auf der molekularen und genetischen Ebene - da also, wo die zunächst gesunde Zelle entartet und in ungebremstes Wachstum übergeht.

Als Mitte der neunziger Jahre das Bakterium Helicobacter pylori eindeutig für die meisten Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre und die daraus entstehenden Tumorarten verantwortlich gemacht werden konnte, kam wieder Schwung in die Suche nach Krebsmikroben. Inzwischen gibt es beachtliche Resultate: Die große Gruppe der Herpes-Viren, zu denen auch CMV gehört, scheint besonders gefährlich zu sein. Bösartige Geschwulste des Nasen-Rachen-Raums etwa und bestimmte Hautkrebsarten gehen offenbar auf Erreger wie das Epstein-Barr-Virus und Herpes-8 zurück. Leberkrebs entsteht in den allermeisten Fällen durch chronische Infektionen mit den Hepatitis-Viren B und C. Und Papillomviren sind die Hauptursache für Gebärmutterhalskrebs.

Stecken hinter seltenen Krebserkrankungen womöglich Infektionen?

Auch für seltenere Krebserkrankungen könnten Mikroben verantwortlich sein. So kommt in der Umgebung von Kernkraftwerken oder anderen größeren Industrieanlagen immer wieder der Verdacht auf, Strahlung oder Chemie erhöhten dort die Zahl der Leukämieerkrankungen bei Kindern. Doch wie der Epidemiologe Leo Kinlen von der Universität Oxford bereits 1988 aus seinen Studien schloss, stecken hinter solchen »Clustern« womöglich nicht Radioaktivität oder giftige Gase, sondern Infektionen. Weitere Untersuchungen erhärteten inzwischen Kinlens These. Denn auch da, wo sich keine nennenswerte Industrie fand, wo es aber wie durch die Bombenflüchtlinge im Zweiten Weltkrieg zu größeren Bevölkerungsverschiebungen gekommen war, stieg die Zahl der Leukämieerkrankungen unter Kindern an, genau wie bei mancher Nuklearanlage. Verschwanden die Fremden wieder, sank auch das Krebsrisiko auf das frühere Maß.

Grund für diese seltsamen Erkrankungshäufungen, so vermuten Kinlen und seine britischen Kollegen, könnten in Städten weit verbreitete Viren oder Bakterien sein, an die sich die dortige Bevölkerung über Generationen immunologisch gewöhnt hat. Tragen Städter - zum Beispiel als Flüchtlinge oder als Beschäftigte einer neuen Industrieanlage - ihre für sie bereits harmlosen Erreger aufs Land, wo die Mikroben bis dahin kaum vorkamen und wo es folglich auch keinen Immunschutz gibt, könnte das zumindest für Kinder gefährlich werden.

»Ich bin überzeugt«, sagt Charles Cobbs, »dass wir noch mehr Erreger finden werden, die letztlich für bestimmte Krebserkrankungen verantwortlich sind.« Dann haben Forscher die Möglichkeit, neue Waffen gegen das unkontrollierte Wuchern zu entwickeln.

Impfungen gegen Gebärmutterhalskrebs

Eindrucksvoll gelang die Abwehr etwa, wie jetzt bekannt wurde, mit einem experimentellen Impfstoff gegen Papillomviren, die Auslöser von Gebärmutterhalskrebs. Weltweit sterben an dieser Tumorart jährlich 225 000 Frauen. Doch diese Zahlen könnten sich dramatisch ändern. Von knapp 2400 jungen Frauen - die sind besonders anfällig - wurde für eine US-Studie etwa die Hälfte mit einem neuen Vakzin geimpft. Dieses zielt auf Papillomviren des Typs 16, die allein jeden zweiten Gebärmutterhalskrebs auslösen. Bis zu 27 Monate nach Beginn der Tests hatte sich keine der geimpften Frauen auch nur infiziert. Und bei keiner fanden sich gefährliche Vorkrebszellen. In der nicht geimpften Kontrollgruppe hingegen hatten sich 41 Frauen mit dem Virus angesteckt, und bei neun von ihnen fanden die Ärzte bereits Tumoransätze.

Diese Ergebnisse übertreffen die Erwartungen der beteiligten Forscher von 16 Universitäten. In spätestens fünf Jahren soll allen Frauen ein Impfstoff zur Verfügung stehen - und auch allen Männern. Denn die werden durch die für Frauen gefährlichen Papillomviren, besonders vom Typ 16, selbst nicht krank, aber sie übertragen die Erreger auf ihre Partnerinnen. Damit sich künftig auch junge Männer impfen lassen und diese Übertragungsroute unterbrechen, wird dem Impfstoff ein Anreiz zugemixt, der die Herren bei der Eitelkeit packt: Die Spritze schützt jetzt auch vor Papillomviren der Typen 6 und 11 - die verursachen zwar keinen Krebs, aber etwa 90 Prozent aller hässlichen Genitalwarzen.

Frank Ochmann

Themen in diesem Artikel