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Verhaltensforschung: Unterricht bei der Ameisenlehrerin

Ihr Gehirn ist nur stecknadelkopfgroß, aber sie sind lernwillig: Ameisen. Britische Forscher beobachten, dass sie Lehrer-Schüler-Beziehungen pflegen. Bislang war das nur bei einem einzigen anderen Lebewesen bekannt.

Ameisen leiten demnach Artgenossen zu Futterplätzen und passen ihr Tempo dabei aneinander an, berichten Nigel Franks und Tom Richardson von Universität Bristol im Fachblatt "Nature" (Bd. 439, S. 153). Dazu beachtet die "Lehrerin" auch die Rückmeldung ihrer "Schülerin". Die sozialen Insekten seien vermutlich die erste Tierart, bei der ein solches wechselseitiges (bidirektionales) Lehrer-Schüler-Verhältnis nachgewiesen wird.

Ständiger Körperkontakt während des "Unterrichtes"

Franks und Richardson untersuchten die Ameisenart Temnothorax albipennis. Sie fanden heraus, dass das vorangehende Tier, die Lehrerin, sich der ihr folgenden Schülerin nicht nur von sich aus anpasst. Sie setzt den Tandemlauf nur fort, so lange die Schülerin sie regelmäßig mit ihren Fühlern berührt.

Während des gemeinsamen Marsches klopft die hintere Ameise ihrer Navigatorin mit den Fühlern auf Bauch und Beine, um ihre Anwesenheit zu signalisieren. Für die Untersuchung dieses tierischen Tandems maßen Franks und Richardson die durchschnittliche Geschwindigkeit beim Zweierlauf und verglichen diese Resultate mit dem Tempo bei der individuellen Nahrungssuche. Sie entdeckten, dass die erfahrene Führerin mit ihrem Anhang viermal länger für die Futtersuche brauchte als allein. Die Ameisen-Schülerin hingegen profitierte von ihrem Unterricht, da sie den Weg mit Unterstützung ihrer Lehrerin deutlich schneller bewältigen konnte.

Beziehung ist wechselseitig

Außerdem konnten die Biologen zeigen, dass beide Ameisen aufeinander eingehen. Entstand eine Lücke zwischen Lehrerin und Schülerin, so beschleunigte die Schülerin, um schnell wieder zur Führerin aufschließen zu können. Die Lehrerin hingegen verlangsamte ihr Tempo und wartete, bis sie wieder das Klopfen ihrer Verfolgerin spürte. Diese wechselseitige Kommunikation bezeichnen die Biologen als bidirektional.

Bemerkenswert fanden die Forscher, dass Ameisen diese Fähigkeiten entwickelten, obwohl sie kein großes Gehirn haben. Wie bei jeder Tandemfahrt gibt es demnach aber auch Nachteile: Allein käme die Ameisen-Lehrerin vier mal schneller zum Futter.

Zwar bringen viele Tierarten ihren Nachkommen lebenswichtige Verhaltensweisen bei, bidirektionales Lernen hingegen war laut Franks und Richardson bislang nur beim Menschen bekannt. Es biete besonders in kleineren Tiergruppen Vorteile, wo Informationen ein wichtiges Gut seien. Die in vielen Regionen der Erde heimischen Temnothorax-Ameisen reichen ihre Tandem-Fähigkeit über Generationen weiter, indem ehemalige Schülerinnen sich später selbst als Lehrerinnen betätigen.

DPA/DDP

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