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Streetart ant__works: Der Drahtzieher hinter Altonas Ameisen

Sie sitzen an Hauswänden, auf Brückengeländern oder an Zäunen: eine neue Spezies, die vor allem Hamburg heimsucht. Woher kommen die bunten Ameisen? Wir haben den Streetartist aufgespürt, der sie herstellt – und manchmal auch verschenkt.

Eine Drahtameise vor blauem Meer

Rote Ameise vor blauem Meer: Wenn David verreist, nimmt er Draht und Farben mit. So erobern seine Ameisen allmählich die Welt.

Nicht auf der Straße, sondern online bin ich zum ersten Mal auf sie gestoßen: bunte Ameisen aus Draht, die an den verschiedensten Orten auftauchen. Unter dem Namen ant__works hat der Künstler eine Instagram-Seite, auf der er Bilder seiner handgedrehten Insektengattung veröffentlicht. Die meisten Aufnahmen kamen aus Hamburg, genauer gesagt von St. Pauli. Ich war begeistert und wollte unbedingt eine haben. Also schrieb ich dem Account-Inhaber eine Nachricht und erkundigte mich, wo ich eine kaufen kann. Ziemlich schnell bekam ich Antwort: "Ich verkaufe die Ameisen nicht." Gefolgt von der Anmerkung, dass ich aber welche geschenkt bekommen könnte. Sofort war mir klar: Über diesen Menschen will ich mehr wissen! Wer verschenkt schon seine Kunst an völlig fremde Menschen? Und warum??

Screenshot der Konversation

Die erste Kontaktaufnahme und die charmanteste Antwort der Welt ...

Wer steckt hinter ant__works?

Im November 2015 ist David nach Deutschland gekommen. Der Bosnier, der in Zagreb, Kroatien, studierte, sah in beiden Ländern keine berufliche Zukunft für sich. "Für 80 Prozent meiner Generation gab es in Bosnien keinen Platz", erzählt der 29-Jährige, als wir uns zum Kaffee und zur Ameisen-Übergabe treffen. Eine Karriere im Versicherungsbereich, sein ursprünglicher beruflicher Plan, schien nicht mehr das Richtige für ihn zu sein. "Ich bin mit dem Lebenstempo und der Mentalität in Bosnien nicht mehr klargekommen", ergänzt er. "Es sind sehr korrupte Staaten – und sehr arme. Darunter verstehe ich nicht nur materielle Armut, sondern auch den Mangel an Kultur."

David wollte weg. "Aber wenn man aus einem Land mit so geringer Kaufkraft kommt, kann man es sich nicht leisten, einfach nach Jamaika oder so zu gehen", sagt David. Also entschied er sich für einen Kompromiss und folgte einer Einladung seines Cousins nach München. Er wollte gucken, ob ihm Deutschland gefällt, ob er hier leben könnte. Er blieb drei Monate in München, bevor er Hamburg besuchte. "Ich bin gleich hier geblieben", grinst David, er hat sich in der Hansestadt sofort wohlgefühlt. "Hier ist auch meine Kunst geboren." Das war Ende 2016. Seine Kunst, das sind die Drahtameisen.

Eine Drahtameise sitzt auf einem Türgatter

Wenn das neue Haustier aus Draht ist, war Streetartist David vor Ort und hat eine seiner Ameisen dagelassen

Die erste Ameise war sozusagen eine Auftragsarbeit, erzählt David. Er sei schon immer ein Tüftler und Bastler gewesen und deswegen habe sich eine Freundin mit einem Wunsch an ihn gewandt. "Sie wollte gerne eine Ameise aus Draht haben. Ich habe 20 oder 30 Versuche gebraucht, bis ich irgendwann wusste: So geht es!" Als er sein erstes Kunstwerk an besagte Freundin überreichte, hat sie sich riesig gefreut. "Das war für mich das schönste Geschenk", sagt er. Und David, der seinen Nachnamen nicht veröffentlicht sehen möchte, war angefixt. Freude verbreiten mit Kunst war genau das, worauf er Lust hatte.

Eine bunte Ameise an einem Gitter

Mit einem Draht an der Bauchseite befestigt David seine "Straßenameisen", da sie sonst noch schneller mitgenommen würden

"Soziale Medien sind Zeitfresser"

"Vor zwei Jahren habe ich dann angefangen, Ameisen in den Straßen zu verteilen", berichtet David. "Ein paar Monate später habe ich begonnen, sie zu fotografieren. Weil es mir zu kompliziert war, eine Website für sie zu erstellen, bin ich eingeknickt und habe mir einen Instagram-Account zugelegt." David ist kein Fan von sozialen Netzwerken, weil er findet, dass sie zu viel Zeit fressen. "Man fängt an, anderen Künstlern zu folgen und zu gucken, was sie machen und plötzlich verliert man damit zwei, drei Stunden am Tag", erklärt er seine Einstellung. "Ich habe das so lange vermieden, wie es ging."

David sieht sich als eine Art Aussteiger, weil er seine Heimat verlassen hat. Ansonsten aber lebt er voll integriert. In Hamburg hat er zig Jobs gemacht, um sein Zimmer und sein Leben zu finanzieren. "Ich hab im Lager gearbeitet, bei Airbus Logistik, in einer Zeitarbeitsfirma und war lange als Hausmeister und Mädchen für alles in einer Kita beschäftigt." Zukünftig will er sich im Messe-, Event- und Technikbereich selbstständig machen.

Eine Ameise aus Draht sitzt an einer Hauswand

Sie sind Handarbeiten aus Draht und farbig bemalt: In Hamburg bereichern Ameisen die Streetart-Szene

"Es lenkt mich ab und macht Spaß"

"Für mich ist meine Kunst auch eine Art Therapie", sagt David. "Wenn man unruhige Finger hat, greift man oft zum Handy. Erst recht, wenn man alleine ist. Und das lenkt mich ab und macht Spaß." David hat sich vorgenommen, täglich jemandem eine Freude zu machen und so kommt es, dass er in Cafés zum Trinkgeld auch gern mal eine Ameise verschenkt. "Es erfüllt mich zu sehen, wie begeistert jemand ist, wenn man sie verschenkt."

Was er jedoch schade findet, ist der Umgang mit seinen kleinen Installationen auf der Straße: Sie werden zu schnell geklaut. Dabei hätten viel mehr Menschen etwas davon, wenn sie einfach dort sitzen bleiben würden, wo David sie montiert hat. "Hier gibt es ganze Communitys, die Straßenkunst feiern. Sie verbringen ihre Freizeit damit, die kleinen Kunstwerke in der Schanze, in St. Pauli und Altona zu entdecken", berichtet er. "Ich habe mehrmals mitbekommen, wie sehr sich Leute freuen, wenn sie etwas entdeckt haben. Wenn es geklaut wird, nimmt man anderen die Freude." Also versteckt David seine Ameisen ein wenig, damit sie länger bleiben.

Eine Drahtameise sitzt auf einem spanischen Schild

Auf den Balearen: Früher hat David die Ameisen bunt angesprüht, inzwischen ist er auf Nagellack umgestiegen. Eine befreundete Stylistin schenkt ihm ihre Reste. "Damit kann man auch viel besser reisen", sagt David.

So bescheiden David über seine Kunst spricht, so stolz ist er doch darauf. "Ich kenne niemanden in Hamburg, der etwas Vergleichbares macht", sagt er. Neben der "Straßenversion", die knapp zehn Zentimeter groß ausfällt, produziert David auch Ameisen-Miniausgaben aus feinem Kupferdraht. Während er die großen Exemplare mit Nagellack bunt betupft, bleiben die kleinen ihrem eigenen Funkeln überlassen. Zu ihrem Schutz steckt David sie in kleine Glasröhrchen, wodurch sie an Hamburger Buddelschiffe erinnern. Die Wahl seiner neuen Heimat scheint auf ihn abzufärben.

Greta Thunberg in Hamburg