Verirrt Whale-Watching in der Kieler Innenstadt


Der Finnwal, der Anfang dieser Woche im Kieler Hafen aufgetaucht ist, muss nach Ansicht einer Expertin von selbst seinen Weg zurück ins offene Meer finden.

"Wunderbar! Ich liebe diese Tiere und hoffe, dass er wieder raus findet!" Die 28-jährige Angestellte Susanne Stockmann aus Kiel bebt vor Begeisterung, als sie von einer Anlegebrücke Ausschau nach dem Finnwal hält, der seit drei Tagen durch den bis in die Kieler Innenstadt reichenden Ostseearm schwimmt. Ihr Glück ist perfekt, als der Koloss plötzlich vor ihr auftaucht. Ihre Liebe zu den Walen dokumentiert sie mit einer Tätowierung auf dem rechten Oberarm und einem Gold-Wal um den Hals. Finnwale gehören zu den größten Walen der Erde und können 18 bis 22 Meter groß werden.

Wie Susanne Stockmann strömen mehrere hundert Angestellte, Touristen und andere Schaulustige dieser Tage an die Kieler Förde. Kostenloses Whale-Watching ist die neueste Attraktion der Landeshauptstadt von Schleswig-Holstein.

"Ich bin völlig begeistert", sagt auch Michael Vollmath. Der 35 Jahre alte Nürnberger ist auf Urlaub in Kiel und hat sich mit seinen beiden Söhnen Jakob (8) und Andreas (5) auf Wal-Suche begeben. Vor dem Werftgelände hatten sie Glück: "Das war schön", sagt Jakob ganz ergriffen.

Vermutlich derselbe Wal wie in Flensburg

Die Behörden sind sich einig, dass es sich bei dem 15 Meter langen Finnwal um das Exemplar handelt, dass vor vier Wochen in der Flensburger Förde gesichtet wurde. Dafür spricht die Größe und eine Narbe am Rücken des Tieres. Regelmäßig taucht er aus dem zwölf Meter tiefen Hafenwasser auf, schnaubt, prustet und zeigt seine Finne und seinen glatten Rücken.

"Sicher ist das jedoch noch nicht, es kann sich auch um ein zweites Tier handeln", meint sagte die Walexpertin des Forschungs- und Technologiezentrums Westküste (FTZ), Susanne Prahl. Möglicherweise handelt es sich nach ihren Erkenntnissen um denselben Wal, der Mitte Juli in der Flensburger Förde aufgetaucht war und dort für Aufsehen gesorgt hatte.

"Hunger muss das Tier hier in der Förde nicht leiden", sagte der Walforscher Boris Culik vom Institut für Meereskunde. Von einem Forschungsschiff aus habe sein Institut große Schwärme junger Heringe festgestellt. Neben Krill und anderen Krebstieren ist Fisch die Hauptnahrung der zahnlosen Wale. "Etwa 400 bis 500 Kilogramm braucht der Wal davon am Tag", berichtet der Professor. Er ist davon überzeugt, dass es dem Wal in Kiel nicht schlechter geht, als in der Nordsee oder im Atlantik.

Susanne Prahl ist da anderer Meinung: "Die Gefahr, dass der Wal in der Ostsee verhungert, ist groß, weil er hauptsächlich von Plankton lebt", sagte Prahl weiter. Große Vorkommen der kleinen Krebse gibt es in der Ostsee jedoch nicht. "Augenzeugen wollen gesehen haben, dass das Tier schon sehr abgemagert ist", betonte die Walexpertin.

Man kann dem Tier leider nicht helfen

Ob der Wal den Weg aus der Kieler in den Atlantik zurück findet, ist ungewiss. Momentan suche er offenbar die Küste ab, um einen Weg nach Westen zu finden.

"Menschliche Hilfe wäre für den Finnwal totaler Stress und würde das Tier mehr gefährden als die augenblickliche Situation", ist Susanne Prahl überzeugt. Finnwale gehören zu den Bartenwalen und leben normalerweise im Atlantik, in der Nordsee und im nördlichen Polarmeer. Warum sich der Wal in die Ostsee verirrt hat, ist nach den Erkenntnissen des Forschungs- und Technologiezentrums in Büsum nicht klar. "Wir haben keine Vermutung", sagte Prahl. Über das Orientierungssystem von Finnwalen sei bislang noch wenig bekannt.

"Wir haben aber die große Hoffnung, dass der Meeressäuger über die Nordspitze von Dänemark zurück in die Nordsee findet, weil er sich auf dem Weg in seine natürlichen Nahrungsgebiete befunden haben muss, als er sich verirrte", meint Prahl.

Diese Hoffnung wird vom schleswig-holsteinischen Umweltministerium in Kiel geteilt. "Man kann nichts machen, um dem Wal zu helfen", sagte Ministeriums-Sprecherin Claudia Vißel. "Er muss schon alleine nach Hause finden." Mittlerweile sei der Finnwal schon zu einer Touristen-Attraktion in Kiel geworden. "Viele Menschen kommen an die Förde und versuchen, den Wal mit Ferngläsern zu sichten." Whale-Watching-Touren gebe es jedoch zum Glück noch nicht. "Um Gottes Willen, das wollen wir nicht", betont Vißel. "Der Wal soll möglichst nicht gestört werden."

Die Gäste der Düsternbrooker Seebadeanstalt schwimmen jedoch seit Montag mit einem etwas flauen Gefühl in die Förde. Die Vorstellung der Koloss könnte neben ihnen auftauchen, verursacht vielen ein mulmiges Gefühl. Unterdessen hat die Wasserschutzpolizei alle Bootsbesitzer vor Whale-Watching gewarnt. Das Tier könnte die Orientierung verlieren und Zusammenstöße seien dann möglich.


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