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Website: Ägypten digital

Die Schätze Ägyptens können jetzt im Internet erkundet werden. Eine Internetseite bietet mit virtuellen Rundgängen und Animationen auf einzigartige Weise Einblicke in das Reich der Pharaonen.

Gigantische Pyramiden recken sich aus dem Wüstensand, Ruinen einst prunkvoller Tempel thronen am Ufer des Stromes, geheimnisumwitterte Grabkammern kauern im Fels der Kalksteinhügel - die Schätze Ägyptens sind unermesslich. Gezählt hat die Fülle kultureller Erbstücke aus den vergangenen Jahrtausenden im Land am Nil keiner. Allein das Museum in Kairo birst aus allen Fugen, 120 000 Kostbarkeiten lagern in seinen Mauern und locken die Touristen.

"Ewiges Ägypten"

Die Hinterlassenschaften aus ältester menschlicher Zivilisation kann man neuerdings nicht nur vor Ort bewundern, sondern in der ganzen Welt - zumindest elektronisch. In dieser Woche präsentieren das ägyptische "Center for Documentation of Cultural and Natural Heritage" (CultNat) und der amerikanische IBM-Konzern das Projekt "Ewiges Ägypten". Drei Jahre lang haben 200 Mitarbeiter der Behörde und des Informationstechnologie-Riesen getüftelt; Millionen Dollar wurden investiert. Herausgekommen ist Einmaliges: Monumente und Kunstwerke des Landes in fantastischen digitalen Bildern und Animationen zum "Anfassen" für jedermann. "Hier geht es nicht nur um die Ära der Pharaonen, sondern um unser gesamtes Erbe - Zivilisationen aus einem Zeitraum von 3000 Jahren vor Christus bis heute", sagt Fathi Saleh, Direktor von CultNat. "Dabei haben wir eine Technologie benutzt, die es zum ersten Mal möglich macht, unser Land so zu sehen, wie es nie zuvor jemand sehen konnte."

"Ewiges Ägypten" hat drei Komponenten. So sollen in Zukunft kleine digitale Bildschirmgeräte, die der Tourist vor Ort in die Hand bekommt, durch die verwirrende Vielfalt in den Räumen des Kairoer Museums führen. Mit ihrer Hilfe lassen sich Informationen zu Mumien, Schmuck und Skulpturen in mehreren Sprachen abrufen. So kann jeder Besucher individuell seinen Wissensdurst stillen und thematische Schwerpunkte setzen. Darüber hinaus sollen spezielle Handys bei einigen historischen Stätten im Land zum Einsatz kommen. Die elektronischen Helfer haben eine ähnliche Funktion wie die neuen Museumsguides und werden zunächst Touristen im Tempel von Luxor und bei den Pyramiden von Gizeh kenntnisreich und unterhaltsam geleiten. Auf die Displays lassen sich beispielsweise der jeweilige Standort, aber auch jede Menge Hinweise und Geschichten zu den Monumenten holen.

Die Schätze Ägyptens daumennagelgroß

Das Herzstück des Projektes jedoch ist die Website, die in dieser Woche freigeschaltet wird. "Hier offerieren wir die Schätze Ägyptens auf daumennagelgroßen Bildern, eingebettet in Grafiken, die ihre Beziehung zueinander zeigen", sagt John Tolva, Projektmanager von IBM. "Man kann in jedes einzelne Objekt zoomen, es sorgfältig studieren, die Begleittexte lesen, dann wieder hinausgehen und zum Beispiel gucken, ob dieses Stück mit anderen in ein und derselben archäologischen Ausgrabungsstätte gefunden wurde." Außerdem sind dreidimensionale Rekonstruktionen von Monumenten anklickbar, 360-Grad-Aufnahmen sowie aktuelle Panoramablicke von Webkameras, die zum Beispiel auf dem Karnak-Tempel in Luxor und auf dem Fort Qait Bay in Alexandria montiert sind. Besonderer Leckerbissen: Animationen längst vergangener Zeiten. So ist etwa der legendäre Leuchtturm von Alexandria nachgebildet, wie er vor seiner Zerstörung in der Antike aussah, auch der Luxor-Tempel mit all seinen Veränderungen und Verwitterungen im Laufe der Jahrtausende und das Grab des berühmten Königs Tutanchamun - so, wie es 1922 vom britischen Archäologen Howard Carter entdeckt wurde. Heute ist es ausgeräumt, seine Kostbarkeiten sind ins Kairoer Museum gebracht worden. Geboren wurde die Idee zu "Ewiges Ägypten" vor vier Jahren. Als die Regierung des nordafrikanischen Staates 2000 ihre Behörde CultNat gründete, nahmen deren Mitarbeiter sofort Kontakt zu IBM auf, denn die dortigen Experten hatten mit der elektronischen Umsetzung von Kunstprojekten bereits eine Menge Know-how vorzuweisen. Beispielsweise bauten die US-Spezialisten 1994 die Dresdner Frauenkirche digital wieder auf, sodass das Bauwerk auf dem Bildschirm zu "begehen" war; 1998 digitalisierten sie in Florenz Michelangelos Meisterstück "Pieta" und restaurierten die zerstörte Skulptur im Computer; 2001 entwickelten sie die Software für virtuelle Rundgänge durch die Kunstsammlung der St. Petersburger Eremitage.

Schnell wurden sich Ägypter und IBM einig. Im Frühjahr 2002 brachten die Amerikaner drei Scanner nach Kairo, mit Hilfe von Lichtstrahlen vermaßen die Ingenieure und Wissenschaftler kleine und große Kostbarkeiten zwei- und dreidimensional, spezielle Software konstruierte dann aus den Daten die Bilder. Mehr als tausend Objekte wurden eingescannt. "Das ist aber erst der Anfang", sagt Ahmed Tantawy, Chef des Technologischen Entwicklungzentrums von IBM in Ägypten, "wir werden uns Jahr für Jahr weitere Objekte vornehmen. Wir überlegen, das komplette kulturelle Erbe Ägyptens für ein digitales Museum aufzubereiten." Ein wahnwitziges Vorhaben - wie einst der Bau der Pyramiden von Gizeh.

Horst Güntheroth / print