Worldwatch-Institut Klimaforscher hoffen auf Obama


Der Treibhauseffekt ist gefährlicher als bisher gedacht, weltweit müsse dringend gehandelt werden - die neue Klima-Studie des Worldwatch-Institut ist alarmierend. Doch es gibt auch Hoffnung für die Erde: dank neuer Technik und dank Barack Obama.
Von Karsten Lemm, San Francisco

Das Jahr 2009 könnte entscheidend werden für die Bekämpfung des Klimawandels. Um dramatische, unvorhersehbare Folgen für Natur und Menschheit zu vermeiden, sei sofortiges Handeln nötig, und der Ausstoß von Treibhausgasen müsse weit drastischer reduziert werden als bisher geplant, warnt das renommierte Worldwatch-Institut in seinem neuen Jahresbericht. CO2-Emissionen müssten "bis zum Jahr 2050 so gut wie vollständig beendet werden, um eine katastrophale Störung des Weltklimas zu verhindern", mahnt die unabhängige Umweltorganisation mit Sitz in Washington.

Zugleich sieht das Institut aber auch deutlich bessere Chancen, dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen: Technischer Fortschritt kombiniert mit politischem Wandel gibt erstmals seit langem Grund zur Hoffnung, so das Urteil von Robert Engelman, Co-Direktor des Projekts. "Die Gefahr ist größer, als wir noch vor wenigen Jahren angenommen hatten, und das heißt, wir müssen uns sehr beeilen", sagt der Worldwatch-Vizepräsident im Gespräch mit stern.de. Andererseits gebe es "enormes Potenzial", den nötigen Wandel voranzutreiben - besonders dank der Wahl von Barack Omaba zum US-Präsidenten. Denn während der Republikaner George W. Bush beim Klimaschutz als Bremser auftrat, präsentiert sich sein Nachfolger als Umweltfreund und Förderer erneuerbarer Energien. "Die USA spielen eine enorm wichtige Rolle dabei, eine Katastrophe zu verhindern, und seit der Wahl haben sich die Aussichten dafür erheblich verbessert", sagt Engelman. Etwa ein Fünftel aller Treibhausgase weltweit gehen auf das Konto der Vereinigten Staaten mit ihren gut 300 Millionen Einwohnern.

Experten sind alarmiert

Für seinen 26. Jahresbericht bat das Worldwatch-Institut 47 Experten aus aller Welt um Einsichten und Forschungserkenntnisse - mehr als je zuvor. Das Ergebnis ist eine lauter, dringender Aufruf zum Handeln: Schon jetzt hat sich die Erde seit Beginn der industriellen Revolution um 0,8 Grad Celsius erwärmt, und eine Aufheizung um mindestens ein weiteres Grad ist nach Ansicht vieler Wissenschaftler bereits unaufhaltsam. Damit nähere sich die Welt einer Reihe von "tipping points" – unumkehrbare Wendepunkte –, warnt das Worldwatch-Institut. Und die Experten rechnen vor: Bei einer Erwärmung von mehr als 2,5 Grad Celsius könnten 20 bis 30 Prozent aller Tiere und Pflanzen aussterben und der Meeresspiegel würde sich um bis zu 1,4 Meter anheben, verglichen mit dem Stand von 1990.

Doch schon eine Erwärmung von lediglich 1,5 bis 2 Grad könnte ebenfalls dramatische Folgen haben. "Dann würde das komplette Schmelzen des Grönland-Eises drohen", warnt Robert Engelman. Skeptiker, die den Treibhauseffekt weiter für eine unbewiesene Theorie halten und mit Gegenmaßnahmen noch warten wollen, spielen in seinen Augen mit dem Feuer: "Es gibt keine Garantie, dass sich der Klimawandel und seine Folgen als langsamer, kontrollierter Prozess abspielen werden." Schon jetzt erlebte Australien zwischen 2001 und 2007 die schlimmsten Dürrezeiten seit Aufzeichnungen existieren. Und der Gangroti-Gletscher im Himalaya schrumpft Jahr für Jahr um 35 Meter – sein komplettes Schmelzen würde die Wasserversorgung von 400 Millionen Menschen gefährden.

Einen Silberstreif am Horizont sehen die Autoren des Berichts in diversen Umweltschutzmaßnahmen und Initiativen rund um die Welt. Mehr und mehr Staaten verabschieden Gesetze, die das Energiesparen und das Nutzen alternativer Energieformen wie Sonne, Wind und Wasserkraft belohnen. Deutschland wird in dem Bericht mehrfach als Vorbild für die Welt erwähnt, unter anderem, weil das Stromeinspeisungsgesetz, das erneuerbare Energien fördert, im Jahr 2007 geholfen habe, den Ausstoß von 79 Millionen Tonnen CO2 zu verhindern. Zukunftsweisend findet das US-Institut auch den Plan Algeriens, Deutschland ab 2020 über ein 3000 Kilometer langes Kabel mit Sonnenstrom zu versorgen.

Weltweites Abkommen dringend nötig

In aller Welt entdecken die Worldwatch-Autoren solche Hoffnungsschimmer für den Klimaschutz. "Das Potenzial, den nötigen radikalen Wandel einzuleiten, ist fraglos vorhanden", sagt Robert Engelman. Allerdings fehle bisher ein internationales Abkommen, das die einzelnen staatlichen Bemühungen besser koordiniert. "Hier kommt Kopenhagen ins Spiel", sagt der Worldwatch-Vizepräsident mit Blick auf die UN-Klimakonferenz in der dänischen Hauptstadt, die für Dezember 2009 angesetzt ist. Nötig sei vor allem, über alle Grenzen hinweg saubere Energieformen zu fördern, während das Verbrennen von Benzin, Öl und Kohle teurer werden müsse: "Wir müssen den Ausstoß von CO2 finanziell bestrafen, damit es weniger attraktiv wird, fossile Brennstoffe zu nutzen", fordert Engelman.

Die Weltwirtschaftskrise biete dabei gleichermaßen Chancen wie Gefahren: Einerseits lässt die Konzentration auf Arbeitsplätze, Konjunktur und Finanzmärkte die Umweltbedrohung in den Hintergrund rücken. "Der Klimawandel wird von der Wirtschaftskrise überschattet", klagt Engelman. Andererseits könnten Investitionen in erneuerbare Energien und in Energiesparmaßnahmen ein Weg sein, Arbeitsplätze zu schaffen und zugleich den Treibhauseffekt zu bekämpfen - etwa durch Häuser, die besser isoliert sind und dank Solarzellen eigene Energie gewinnen, oder Elektroautos, die als rollende Stromspeicher dienen und bei Bedarf Energie ins Netz zurückspeisen. "Uns kann beides gelingen: die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen und dabei zugleich den CO2-Ausstoß zu reduzieren", sagt Engelman. "Dies ist das perfekte Zusammentreffen von Bedarf und Nutzen."

Ausgangspunkt für den Jahresbericht 2009 war die Frage, wie die Welt am Neujahrstag 2101 aussehen könnte. Wenn jetzt die richtigen Weichen gestellt werden, hieße das für 2101 vielleicht: "Irgendwie hat es die Menschheit geschafft, die schlimmsten Folgen des Treibhauseffekts zu vermeiden und das Klima zu stabilisieren", schreiben die Autoren - selbst wenn das nicht unbedingt bedeuten würde, dass die Erde im Januar 2101 noch so aussieht wie heute. "Es wird auf jeden Fall deutlich wärmer sein, es wird mehr Hurrikane geben, stärkere Monsunwinde, extreme Dürre", prognostiziert Engelman. Doch verglichen mit dem Alternativszenario, das drohe, wenn alles so weitergeht wie bisher, sei das harmlos. "Es geht darum, unvorhersehbare Folgen zu vermeiden, und die Zeit läuft uns davon."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker