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Öko-Produkte Wie viel Bio brauchen wir?


Für Tiere und Umwelt gibt es nichts Besseres. Deshalb wäre es gut, wenn möglichst viele Menschen Öko-Produkte kauften. Doch das kann sich nicht jeder leisten.

Grausam muss sie sein, die Seele der Blattlaus. Grausam und rücksichtslos. In Armeestärke machten sich die Pflanzenvampire über die ersten zartgrünen Mohrrübentriebe her und entzogen ihnen den Lebenssaft. Wochenlang kümmerten die Pflänzchen vor sich hin. "Als konventioneller Bauer hätte ich zur Giftspritze greifen dürfen", sagt Landwirt Rolf Winter. "Da wären die Biester am nächsten Tag tot vom Stengel gefallen." Doch Pestizide sind im Öko-Landbau verboten. Und so fiel die Möhrenernte in jenem Jahr nicht ganz so üppig aus wie sonst "Bei aller Liebe", gesteht Rolf Winter, "in solchen Momenten ist es etwas nervig, Bio-Bauer zu sein."

Schwankende Erträge gehören für Bauer Winter zum Berufsrisiko. Denn im Gegensatz zu den konventionell arbeitenden Kollegen darf er Schädlinge und Pilze nicht mit Pestiziden bekämpfen und nährstoffarmem Boden nicht mit Kunstdünger nachhelfen. Seine erste Regel lautet: Lass es erst gar nicht so weit kommen. "Der Boden ist dabei unser wichtigstes Kapital", sagt Winter. "Nur wenn wir ihn gut behandeln, wächst auf ihm widerstandsfähiges Getreide, Gemüse und Obst, die ohne Spritzmittel auskommen."

Statt künstlich zu düngen, machen sich Bio-Bauern die Mechanismen der Natur zunutze: Durch vielfältige Fruchtfolgen, also den Wechsel verschiedener Pflanzen, hat der Boden Zeit, sich zu regenerieren, weil ihm nicht einseitig Nährstoffe entzogen werden. Gleichzeitig können sich so Unkraut und Schädlinge - anders als in Monokulturen - nicht so leicht spezialisieren und im Feld ausbreiten. Unter jede Getreidesaat mischt Winter außerdem als "Zwischenfrüchte" Samen von Klee und Gräsern. Sie binden den Stickstoff aus der Luft und reichern den Boden damit an. Nach der Ernte bieten sie nützlichen Kleinstlebewesen und Insekten Nahrung und Lebensraum. Erst später werden die Hilfsgewächse untergepflügt.

Der Bio-Landbau bemüht sich um ein Gleichgewicht zwischen Tier, Pflanze, Land und Mensch, idealerweise in einem geschlossenen Kreislauf: Die Tiere werden so gehalten und gefüttert, wie es ihrer Art entspricht, und sind dadurch weniger anfällig für Krankheiten. Sie fressen das, was die Felder hervorbringen, und düngen sie mit ihrem Mist. Damit der Kreislauf funktioniert, dürfen auf einem Hof nur so viele Tiere leben, wie das Land ernähren und der Boden an Gülle verkraften kann. Flächenbindung heißt dieses Prinzip ein Kerngedanke des Öko-Landbaus.

"Mich hat es immer gereizt, ausschließlich mit der Natur zu arbeiten, mich auf ihre Regeln einzulassen. Aber es ist manchmal auch ein Abenteuer", erzählt Rolf Winter. Sich einlassen auf die Natur - das heißt zum Beispiel: warten, bis der Boden trocken genug ist für die Roggensaat. "Wenn ich pflüge, solange die Erde noch feucht ist, wird sie nicht locker genug. Außerdem werden dadurch Unkräuter zum Keimen angeregt." Der richtige Zeitpunkt, der richtige Boden, der richtige Standort für die jeweilige Pflanze - Kriterien, von denen sich die moderne Landwirtschaft durch Dünger und Pflanzenschutzmittel unabhängig gemacht hat, bestimmen das Handwerkszeug des BioBauern. "Im Grunde mache ich hier Landwirtschaft wie mein Großvater", sagt Winter und lacht. "Zum Glück mit der Technik von heute."

Vor 15 Jahren übernahm er mit einem Landschaftsarchitekten und einem Umwelttechniker das Gut Wulksfelde nördlich von Hamburg und stellte das Staatsgut auf Bio-Landbau um. Ein Wagnis, zumal die biologisch erwirtschafteten Erträge während der dreijährigen Übergangszeit nicht als Bio-Ware verkauft werden durften.

Inzwischen ist aus dem Dreimannbetrieb ein Unternehmen mit 30 festen Mitarbeitern und vier Millionen Euro Umsatz im Jahr geworden. Der Lieferservice versorgt jede Woche 700 Haushalte, aber auch Kantinen großer Betriebe mit frischem Obst, Gemüse und Fleisch, der einst enge, mit Ikea-Regalen bestückte Hofladen sieht heute aus wie ein Feinkostgeschäft, und im Steinofen der Gutsbäckerei backen wöchentlich 4000 Brote.

Seit der BSE-Krise vor drei Jahren wächst auch die Nachfrage nach Wulksfelder Ökofleisch - und mit ihr die Rinder- und Schweineherde. Inzwischen leben auf dem 260 Hektar großen Gut 150 Schweine, 125 Rinder, 800 Hühner und 300 Gänse. "Anfangs war es das Unbehagen gegenüber Fleisch aus Massentierhaltung, das die Leute zu uns gebracht hat", meint Winter. "Aber mittlerweile kommen sie vor allem wegen des Geschmacks. Unser Fleisch schmeckt so gut, weil es vorher im Schlamm gelegen hat."

Hinter einem Stallgebäude aus dem 19. Jahrhundert wälzen sich tatsächlich wie im Bilderbuch Schweine im Matsch. Auf Kopf und Hinterteil wachsen ihnen schwarze Borsten, in der Mitte sind sie, bis auf ein paar Dreckklumpen, schweinchenrosa. "Angler Sattelschwein" heißt diese englisch-holsteinische Kreuzung, "Fruchtbar und robust", sagt Winter, "das Fleisch nicht zu mager und nicht zu fett. Genau richtig für Schinken." Der Stall ist mit Stroh ausgestreut, die Ferkel kommen auf dem weichen Polster zur Welt. Wasser und Futter gibt es nur draußen, im überdachten Auslauf. So bleibt der Stall sauber, und die Schweine sind in Bewegung.

In Wulksfelde haben sie nach etwa zehn Monaten ihr Schlachtgewicht erreicht. In der Massentierhaltung geht das fast in der Hälfte der Zeit. Dort haben Schweine oft noch ihre Milchzähne und das Skelett eines Jungtiers, wenn sie mit 100 Kilogramm ihr "Mastendgewicht" haben und geschlachtet werden. Das geht zulasten des Geschmacks. Den will der Verbraucher zwar auch, vor allem aber will er Fleisch für wenig Geld. Noch vor 30 Jahren musste ein Industriearbeiter für ein Kilo Schweinekotelett eineinhalb Stunden schuften, heute reichen 40 Minuten. Ein Suppenhuhn kostet heute weniger als ein Kilo Paprika, und eine Tüte Milch ist billiger zu haben als der Liter Apfelsaft von Aldi.

Solche Preise sind nur mit industrieller Massentierhaltung möglich. Auch wenn die idyllischen Bilder auf der Verpackung dem Kunden etwas anderes suggerieren sollen: Die Kuh, deren Milch für 49 Cent pro Liter verramscht wird, hat in ihrem Leben keine Weide gesehen; und die Putenbrust zu 7,68 Euro das Kilo stammt vermutlich aus einem Mastbetrieb, in dem den Vögeln mit Hilfe von Kraftfutter und Leistungsförderern in kürzester Zeit so immenses Brustfleisch angezüchtet wird, dass die Tiere durch das bloße Gewicht ständig vornüber fallen.

1970 gab es in Deutschland noch mehr als eine Million landwirtschaftliche Betriebe, heute sind es unter 400 000. Wer dem Preisdruck nicht standhält, muss aufgeben - ein Rennen, bei dem spezialisierte Riesenbetriebe stets in Führung liegen: Agrarfabriken, in denen Tiere in drangvoller Enge mit Medikamenten zu Höchstleistungen getrieben oder längst ausgelaugtem Boden mit Kunstdünger und Pflanzenschutzmitteln enorme Erträge abgerungen werden. Doch was die Käufer dieser Produkte sparen, zahlen sie in Form von Steuern wieder drauf: rund 48 Milliarden Euro - die Hälfte ihres Haushalts - gibt die Europäische Union jährlich für Agrarsubventionen aus. Und die gehen zu 70 Prozent an eben jene industriell geführten Großbetriebe. Ohne diesen Milliarden-Tropf wären die Preise der konventionell erzeugten Lebensmittel um bis zu 70 Prozent höher.

Auch die Kosten der Umweltschäden, die durch diese Art der Landwirtschaft entstehen, tauchen im Ladenpreis nicht auf: Nitrat- und Pestizidrückstände, die aus dem Trinkwasser gefiltert werden müssen, Hochwasserschäden, weil intensiv genutzter Boden das Regenwasser nicht mehr speichern kann - die Rechnung zahlt die Gesellschaft, sprich: der Steuerzahler, sprich: der Supermarkt-kunde, der meint, mit dem billigen Schnitzel ein Schnäppchen gemacht zu haben. "Solange der Kunde nicht erkennen kann, wie teuer die herkömmlich produzierten Lebensmitteln wirklich sind, werden Bio-Produkte immer im Nachteil sein", kritisiert Matthias Wolfschmidt von Foodwatch. Denn deren Preise liegen deutlich höher, in der Regel zwischen 40 und 50 Prozent, bei Fleisch sogar bis zu 100 Prozent. Laut einer Umfrage des Verbraucherministeriums ist für über die Hälfte der Deutschen dies das Hauptargument gegen biologisch erzeugte Waren.

Es ginge auch anders: Das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung hat errechnet, dass ein Öko-Schnitzel billiger sein könnte, wenn die Vertriebsstrukturen für Bio-Produkte effizienter wären. Würden zudem die Umweltkosten berücksichtigt, bei denen das Fleisch aus konventionellen Betrieben deutlich schlechter abschneidet, verringerte sich der Preisunterschied auf rund 14 Prozent.

Etwas teurer werden Bio-Lebensmittel immer sein, auch wenn sich die Marktbedingungen verbesserten: Weil die Bauern auf chemisch-synthetische Dünge- und Pflanzenschutzmittel verzichten, fallen die Erträge niedriger aus. Durch die Flächenbindung und den artgerechten Umgang mit Kühen, Schweinen und Hühnern ist der Gewinn auch bei der Tierhaltung geringer. Vielseitige Fruchtfolgen sorgen zwar für gesunde Böden, machen aber auch mehr Arbeit. Und nicht zuletzt tragen Bio-Bauern auch die Kosten für das aufwendige Kontrollsystem, dem sie sich unterziehen müssen.

Dass sie mit ihrer Arbeit wichtige Ressourcen schützen und die Artenvielfalt fördern, zahlt sich für die Bio-Bauern bisher nicht in barer Münze aus. Vor zwei Jahren erhielt der Bio-Landbau aber immerhin von wissenschaftlicher Seite den Ritterschlag, als Schweizer Forscher im renommierten Fachmagazin "Science" die Ergebnisse einer groß angelegten Feldstudie vorlegten: 21 Jahre lang hatten sie auf getrennten Parzellen ökologischen mit herkömmlichem Anbau verglichen und konnten mit eindrücklichen Zahlen belegen, dass ökologische Landwirtschaft effizienter, schonender und nachhaltiger ist.

Trotz 50 Prozent weniger Aufwand an Dünger und Energie und 97 Prozent weniger Pflanzenschutzmitteln waren die Bio-Erträge im Durchschnitt nur um 20 Prozent niedriger. Zugleich tummelten sich in den Öko-Parzellen doppelt so viele Regenwürmer, Laufkäfer und Mikroorganismen wie in der konventionell bearbeiteten Fläche. Der Boden war fruchtbarer und besser strukturiert. Die Wissenschaftler konnten außerdem nachweisen, dass das oberirdische Wachstum in den Bio-Parzellen umso besser und ertragreicher ist, je aktiver das Leben unter der Erde ist. "Wenn der Boden im Gleichgewicht ist, braucht er keine künstlichen Düngemittel", sagt Versuchsleiter Paul Mäder. "Erst die intensiven Eingriffe mit leicht löslichem Stickstoffdünger oder Pestiziden stressen die Kleinstlebewesen offenbar so, dass sie weniger Nährstoffe für die Pflanzen freisetzen." Also wird gedüngt. Und gespritzt. Und wieder gedüngt.

Am Anfang hatten die Bauern ihre neuen Nachbarn auf Gut Wulksfelde nicht so richtig ernst genommen, erzählt Rolf Winter. "Die haben den blühenden Klee auf unserm Acker gesehen und gesagt "Ihr habt wohl kein Geld zum Pflügen." Heute stehen sie am Feldrand und sind doch ganz beeindruckt, wie gut das Ganze funktioniert."

Ruth Hoffmann print

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