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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: WM 2018 - zwischen #Zsmmn, #Sndnbck und #Dmt

Der Bundestrainer präsentiert sich an der Strandpromenade von Sotschi wie eine Influencerin, die einen letzten Espresso genießt. Derweil fällt Oliver Bierhoff nichts Besseres ein, als Mesut Özil vor den Bus zu werfen.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Bundestrainer Joachim Löw

Wie einst Lili Marleen: Bundestrainer Joachim Löw lehnt sich an der Strandpromenade in Sotschi lässig an eine Laterne.

DPA

Gestern Abend habe ich in der Wohnung Kisten ausgepackt und nebenbei ein Quiz mit Kerner geguckt. Es hat mich nicht einmal gestört. Das ist bedenklich.

Früher haben mir spielfreie Tage während einer Weltmeisterschaft empfindlich zugesetzt. Jetzt zucke ich mit einem "meh" mit den Schultern und schaue halt was anderes.

Das ist sicher auch, aber nicht allein damit zu erklären, dass #dieMannschaft™ nicht mehr bei diesem Turnier dabei ist. Ziemlich lange schon nicht mehr, um ehrlich zu sein.

Warum dem so ist, das zeigt sich unter anderem auch daran, wie einer der führenden Köpfe des DFB-Teams die Krise zu managen versucht. Hat Oliver Bierhoff bereits während des Turniers in einem schweren Anfall von Morbus Pofalla versucht, die Erdogan-Diskussion einfach abzusagen, fällt ihm in der Nachlese des Scheiterns nichts Besseres ein, als Mesut Özil vor den Bus zu werfen.

Zitat: "Wir haben Spieler bei der deutschen Nationalmannschaft bislang noch nie zu etwas gezwungen, sondern immer versucht, sie für eine Sache zu überzeugen. Das ist uns bei Mesut nicht gelungen. Und insofern hätte man überlegen müssen, ob man sportlich auf ihn verzichtet."

Charakter zeigt sich in der . Offensichtlich war der Hashtag der deutschen Nationalmannschaft so dämlich, dass ihn selbst der eigene Manager nicht verstanden hat. #Zsmmn? Oder doch eher #Sndnbck?

Natürlich ist ein dusseliger Hashtag nicht schuld am Aus der Nationalmannschaft, ja, nicht einmal die Sonnenbrille von Boateng. Das haben Spanien 2014, Italien 2010 und Frankreich 2002 auch ohne hinbekommen. 

Eine Weltmeisterschaft ist nicht das Coachella Festival

Wahr aber ist: Du kannst nach außen und innen schlecht so tun, als gelte es, sich jetzt mit aller Macht auf den Fußball zu fokussieren - und der Bundestrainer selbst präsentiert sich an der Strandpromenade von wie eine Influencerin, die einen letzten Espresso (#sponsoredpost) genießt, bevor es zum nächsten Hippiefestival ans Riesenrad geht. Eine Weltmeisterschaft ist nicht das Coachella.

Und wichtiger ist ein funktionierender Abwehr-, nicht der Werbeblock. Wenn wir schon gerade bei Populismus und dem Herauspicken Einzelner sind. In Summe war es dann wohl einfach zuviel.

Übrigens war Özil speziell gegen mit dem Vorbereiten von sieben Torchancen definitiv noch einer der besseren. Ihn aus sportlichen Gründen herauszunehmen, zeugt von einer ziemlich miserablen Bewertung der Lage. Die man intern vornehmen sollte. Stünde allen irgendwie besser zu Gesicht. Nivea und Niveau trennt nur ein Vokal. Aber mit Vokalen hatten sie es zuletzt eh nicht so. #Dmt

Es sind jetzt noch acht Spiele

Übrigens haben es ein Neymar, ein Pogba, ein Sterling ihrerseits auch trotz Instagram und Bling Bling ins Viertelfinale der WM geschafft. Eine WM, deren positivste Aspekte die Schiedsrichterleistungen und die arbeitnehmerfreundlichen Spielansetzungen sind.

Vor allem letztere sollten uns noch einmal dringend daran ermahnen, uns zum Genuss der letzten Turnierwoche zu zwingen. Nimmt man es genau, wird Russland 2018 bis zum Turnier 2030 (welches dann vermutlich im Vorgarten eines chinesischen Milliardärs stattfinden dürfte) der letzte Wettbewerb sein, der in puncto Jahres- oder Anstoßzeiten in etwa dem entspricht, was wir Europäer für zumutbar halten.
Es sind jetzt noch acht Spiele. Werden die der Knaller, hätte sich die Zahl der guten Partien doch glatt verdoppelt. Sehen wir es doch mal positiv. Und stehen diese Weltmeisterschaft geschlossen durch.

Entschuldigung, ich meinte #zsmmn.

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