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Historische Parallelen Schlacht von Kursk 1943 und Donbass 2022 – wie sich die Geschichte wiederholt

Gegenangriff von Rotarmisten
Gegenangriff von Rotarmisten
© Commons
1943 scheiterte die letzte große deutsche Offensive an der Ostfront, das Unternehmen Zitadelle. Die Schlacht um den Donbass zeigt erstaunliche Parallelen. Das kann der Ukraine Mut machen.

Die Schlacht um den Donbass wird häufig mit der Schlacht um den Kursker Bogen 1943 verglichen. In Deutschland auch unter den Namen "Zitadelle" bekannt. In der Tat gibt es erstaunliche Parallelen – schon allein die räumliche Nähe ist auffällig, aber auch große Unterschiede. Und es gibt einen propagandistischen Subtext: 1943 scheiterten die deutschen Angreifer. Keine der beiden deutschen Angriffszangen konnte nach Kursk durchbrechen, die Deutschen konnten keinen Kessel bilden, und nach den Verlusten der Schlacht konnten sie nie wieder die Initiative an der Ostfront ergreifen (Operation Zitadelle - Diese Offensive sollte Stalingrad vergessen machen). So einen Vergleich hört man in Kiew und im Westen natürlich gern, denn er versichert, dass die Operation für Russland ein böses Ende nehmen wird.

Wo sind die Parallelen? Im Frühjahr 1943 rüstetet die deutsche Wehrmacht zu einer Offensive, die die Niederlage von Stalingrad ausgleichen sollte. Von der Öffentlichkeit heute wurde vergessen, dass den Deutschen in der dritten Schlacht um Charkow nach Stalingrad ein großer Erfolg gelang. Dort wurden die Panzertruppen, die die 6. Armee in Stalingrad abgeschnitten hatten, vom besten deutschen Strategen Mannstein aufgerieben.

Truppen des Gegners vernichten

Ähnlich wie im Donbass heute, hatte die deutsche Offensive kein strategisches Ziel. Ihr Ziel war allein, alle sowjetischen Truppen, die sich in der Frontausbuchtung um Kursk und Orel herum befanden, abzuschneiden und in einem gewaltigen Kessel zu vernichten. Putins Donbass General Alexander Dwornikow verfolgt die gleiche Idee. Die Losung, den "Donbass befreien!" ist in Wirklichkeit ganz nachrangig, ihm geht es darum, die Donbass-Armee Kiews abzuschneiden und zu vernichten. Dort sollen sich 27 ukrainische Brigaden befinden, das entspräche etwa 81 Bataillonen.

Die deutsche Kursk-Offensive litt unter mehreren Grundproblemen. Der deutsche Angriff war nicht nur zu erwarten, durch Spione und eine erbeutete deutsche Dechiffriermaschine kannten die Sowjets jedes Detail des deutschen Aufmarsches und des Angriffsplans. Dazu verschob Hitler den Termin immer wieder, weil er auf die Fertigstellung neuer Waffen wie den Panzertypen Panther, Tiger und Ferdinand warten wollte. Diese Zeit nutzen die Sowjets dazu, eine tiefgestaffelte Verteidigung in mehreren Linien entlang der deutschen Vormarschrouten anzulegen.

Ähnlich auch heute: Der geplante russische Vormarsch ist so einfach und unoriginell, dass er niemand überraschen kann. Die Ukraine hatte seit 2015 Zeit, die Gegend dort in ein Verteidigungssystem zu verwandeln. Es wurde ein System von vier bis fünf hintereinander gestaffelten Verteidigungsstellungen angelegt. Dort befinden sich nicht nur Gräben, sondern auch befestigte Unterstände und Feuerpositionen. Diese Bunker widerstehen dem russischen Artilleriebeschuss und bieten den Soldaten Schutz.

Aufgrund der desaströsen Erfahrungen der ersten Kriegswoche wagt Dwornikow keine raumgreifenden Operationen. Es gibt also keine "große" Zangenbewegung entlang des Dnjeprs, um den Osten einzukesseln. Seine Truppen arbeiten sich – so wie die Deutschen 1943 – durch die ukrainischen Befestigungsringe.

Stark befestigte Stellungen

1943 fraß die deutsche Offensive nach wenigen Tagen fest. Die Truppen der nördlichen Angriffsspitze konnten die sowjetischen Linien nicht durchbrechen. Die südliche Zange brach mit der 1. SS Panzerdivision zwar durch, wurde am Ort Prochorowka dann aber von den T-34 der 5. Garde Panzerarmee attackiert (Panzerschlacht von Prochorowka). Die Ansichten über diese Schlacht gehen weit auseinander. Fakt ist, dass Hitler am Folgetag den Angriff abbrach.

Auch heute kommen die Russen nur sehr langsam voran. Welchen Zeitplan Dwornikow hat, weiß im Westen niemand, aber sein Angriff geschieht im Schneckentempo. Im Westen nimmt man daher an, dass die russischen Truppen kontinuierlich abgenutzt werden und stetig schwächer werden. Ihre Chance, weitere befestigte Stellungen zu durchbrechen, wird also kontinuierlich sinken. Moskau wird dann nichts anderes übrigbleiben, als die Offensive früher oder später wegen Erschöpfung einzustellen. Und selbst wenn den Russen ein Durchbruch gelänge, hätte Kiew noch mobile Reserven im Donbass.

Russlands Präsident Wladimir Putin

Soweit die Parallelen der beiden Schlachten, aber es gibt auch signifikante Unterschiede und die verändern das Bild. Hitler brach die Offensive wegen seiner geringen Nervenstärke und der alliierten Landung in Sizilien ab. Tatsächlich erlitt das I. SS-Panzerkorps in der Schlacht von Prochorowka nur geringe Verluste und hätte weiter angreifen können. Wäre es nach Erich von Manstein gegangen, hätte die Schlacht ein anderes Ende genommen.

Dann der Luftraum. In der Schlacht von Kursk gab es für die Deutschen eine böse Überraschung: Erstmals konnten die roten Schlachtflieger der deutschen Luftwaffe Paroli bieten. Beide Seiten setzten Flugzeuge ein, keine konnte den Luftraum für sich beherrschen. Im Donbass hingegen beherrschen die Russen den Luftraum. Dabei erleiden sie Verluste, aber sie können ihre Truppen aus der Luft unterstützen – mit Erdkampfflugzeugen und Kampfhubschraubern. Das kann die Ukraine so nicht. Dazu verfügen sie immer noch in großer Zahl über hochpräzise Raketen und Marschflugkörper großer Reichweite.

Ukraine hat keine unerschöpflichen Reserven

1943 wurden die Deutschen durch die Art und Tiefe der sowjetischen Verteidigungsanlagen überrascht, die Russen hingegen haben die Befestigung des Donbass genau beobachtet. Einzelne Stellungen können sie übersehen haben, das System an sich nicht. Zwei Unterschiede wiegen besonders schwer: 1943 verfügten die Sowjets im Vergleich zu Deutschland über schier unerschöpfliche Reserven an Menschen und Material. Für Kiew gilt das glatte Gegenteil. Moskau hat damals jede Verteidigungslinie mit eigenen Truppen besetzt. Linie 2 und 3 waren voll kampffähig, auch wenn alle Truppen in der ersten Linie verloren gegangen waren. Heute muss Kiew Truppen aus den Stellungen lösen, um Positionen im Hinterland zu besetzen. Das heißt auch, die Kiewer Truppen werden durch die langen Kämpfe stark abgenutzt und jede neue Position wird schwächer als die zuvor aufgegebene.

Ähnlich sieht es beim Nachschub aus. 1943 litt die Rote Armee keineswegs unter Nachschubproblemen. Es ist aber zu befürchten, dass die Ukraine große Schwierigkeiten haben wird, Versorgungsgüter im ausreichenden Maßstab nachzuführen. Sie also weder Verbrauch noch Verluste adäquat ersetzen kann.

Fazit: Die Ähnlichkeiten beider Schlachten sind überraschend, aber man sollte sich keineswegs davon verführen lassen darum anzunehmen, dass sich der damalige Ausgang zwangsläufig wiederholen wird.

Ergänzung: Kiews Truppen drängen die Russen in eine Offensive nord-östlich von Kiew zurück. Dass ihnen der Vormarsch gelingt, ist ein deutliches Zeichen für den Mangel an Kräften auf der russischen Seite. Sollten die Russen mehr aufgeben müssen als nur taktische Positionen, kann Kiew auf diese Wiese die russische Basis der nördlichen Donbass-Operation bedrohen. Moskau müsste dann die Angriffe einstellen, die Offensive wäre gescheitert.

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Panzerschlacht von Prochorowka

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