Serie: Kochen mit Kindern (IV) Durch die Welt essen


In acht Ländern haben stern-Fotografen Kinder beim Frühstück beobachtet - fremde Speisen sind immer spannend. Leider vergeben deutsche Familien im Urlaub zu oft die Chance auf kulinarische Entdeckungen.
Von Stephan Draf

So verschieden kann Frühstück sein: getrockneter Quark aus Yakmilch für Talbium und Ankhiluum aus Ulan-Bator, der Hauptstadt der Mongolei. Mohammed aus Tunesien verspeist morgens frittierten Brandteig ("Ftira") und Rinderwurst. Für den Durst gibt es "Psisa": Das Getränk basiert auf einem Pulver aus Kichererbsen und Fenchel – das mag absonderlich klingen, interessant ist es allemal. Margret Birna Helgadottir aus dem isländischen Reykjavik mag zwar ihren morgendlichen Haferbrei mit Zimt und Zucker, auf den obligatorischen Löffel Lebertran könnte sie aber verzichten. Wang Gan aus Peking hat morgens das dickste Programm: zwei Sorten Dumplings, also gefüllte Teigtaschen, sowie in Tee gegarte Eier, Soja-Milch und You Tiao, gedrehte und frittierte Teigstücke.

Fast ein Dutzend stern-Fotografen hatte vor Wochen einen Anruf aus der Redaktion erhalten: "Wo immer ihr gerade seid, fotografiert auf jeden Fall ein Kind beim Frühstück!" Auch für die weit gereisten Kollegen war dies ein interessanter Job: Meist gerät das Essen beim journalistischen Einsatz zur Nebensache, und wenn dann doch Zeit ist, sich an einen Tisch zu setzen, steht der oft genug in einem Hotelrestaurant, dessen Menükarte von sattsam bekannter "Internationaler Küche" dominiert wird. Die wenigsten deutschen Kinder werden derart exotische Ziele wie die Mongolei, China oder São Tomé bereisen. In die weite Welt fahren sie trotzdem, nach wie vor gehören die Deutschen zu den reisefreudigsten Völkern der Erde. Und grundsätzlich ist Urlaub im Ausland eine prima Gelegenheit, den eigenen Kindern - und sich selbst - die Welt des Essens zu zeigen. Sinnlicher und unmittelbarer lassen sich fremde Länder kaum entdecken.

Viele vertun die Chance auf kulinarische Entdeckungen

Die jüngsten Entwicklungen auf dem Touristikmarkt zeigen allerdings, dass immer mehr Familien mit Kindern die Entdeckerlust zu Hause lassen: Das "All inclusive"- Segment boomt, nach Schätzungen der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen wird 2007 rund ein Drittel aller Urlaube nach dem Motto gebucht: Einmal bezahlen, alles genießen. Das Essen ist in vielen "All inclusive"- Anlagen gar nicht mal schlecht: Es gibt viel Obst, genug Gemüse, einigermaßen frischen Fisch, Allergien wird Rechnung getragen, und Vegetarier finden eine breite Auswahl. Doch schade ist: Das Essen sieht aus wie zu Hause, und es schmeckt auch so. Wer einmal gesehen hat, wie verzweifeltes Küchenpersonal mit Eiswürfeln versucht, in heißen Ländern den offenbar unbedingt benötigten Goudakäse in einer präsentablen Form zu halten, ahnt die Absurdität solcher Speisepläne. Sehr bizarr können auch kulinarische Themenabende sein. In einem ägyptischen Club wurde kürzlich ein Schweizer Abend angeboten: Käsefondue bei 35 Grad im Schatten, die Gäste waren nur begrenzt begeistert. Zwar bieten fast alle Reiseveranstalter auch "lokale" Spezialitäten an - doch die sind in der Würze derart heruntergetunt, dass sie oft nur ein Abklatsch der kulinarischen Wirklichkeit sind.

Zudem wird in den meisten Anlagen den ganzen Tag zu Tisch gebeten: erstes Frühstück, Spätaufsteherfrühstück, Brunch, Mittagessen, Nachmittagsimbiss, Tea-Time, Abendessen, Mitternachtssnack - Hunger kann da nicht mehr aufkommen. Die Folge: Die Familien verlassen den Club gar nicht mehr, die Chance auf kulinarische Entdeckungen ist vertan. Dabei ist es in allen klassischen Urlaubsländern ohne Weiteres möglich, sich mindestens ein paar Kostproben zu gönnen, auch ohne die Familienkasse über Gebühr zu belasten. Auf den Kanarischen Inseln beispielsweise findet man überall kleine Bars, in denen "Papas arrugadas con mojo verde" serviert werden - in Salzwasser gekochte Kartoffeln mit einer köstlichen Soße aus Öl, Knoblauch, Koriander, Petersilie. Wer sich eine Kneipe aussucht, in der möglichst viele Einheimische sitzen, bekommt garantiert frische Kost - und, bei hinreichender Aufgeschlossenheit, einen lustigen Abend obendrauf. Kinder profitieren von solchen Expeditionen: In vielen Urlaubsländern, gerade im Süden, werden sie in Restaurants nicht als Störenfriede angesehen, sondern als Bereicherung.

Ignorieren Sie konstante Fast-Food-Wünsche der Kinder

Weiter um den Erdball: Wer es in der Türkei versäumt, sich bei einem Straßenrestaurant "Gözleme" zu besorgen, hat was verpasst: Die mit Petersilie und Schafskäse gefüllten Pfannkuchen sind nicht nur sehr lecker, sondern auch spuckebillig. Auf Mallorca darf man das Clubfrühstück mal ausfallen lassen und sich in einer Bäckerei "Ensaimadas" kaufen, mit Puderzucker bestreutes Hefegebäck, schön süß, gnadenlos viele Kalorien - aber, hey, es sind ja Ferien. In Tunesien, einer "All inclusive"- Hochburg, sollte sich die Familie einmal in eine Stadt wagen und den klassischen Snack einnehmen: Casse-Croûte, das tunesische Sandwich, ist mit Thunfisch oder Merguez (Rindswurst) belegt und mit der schmackhaften Tomatenpaste Harissa bestrichen, ein Butterbrot der anderen Art. Ein Tipp: Wenn Ihre Kinder konstant nach Burgern und Pommes verlangen - hören Sie nicht hin. Und seien Sie versichert, dass andere Eltern ähnliche Probleme haben: "Was ist dein Lieblingsgericht?", fragte die Fotografin Monika Fischer den sechsjährigen Wang Gan aus Peking. "McDonald’s!", antwortete der. "Aber, nein", intervenierte die Mutter, "Dumplings mag er am liebsten. Nicht wahr?“ Wang Gan saß da, lächelte und schwieg.

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