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Studie 20 Unternehmen verursachen mehr als die Hälfte des Einwegplastikmülls weltweit

Eine Plastiktüte schwimmt im Meer
Pro Kopf seien 2019 durchschnittlich 15 Kilogramm Einwegplastik weggeworfen worden – in Deutschland sogar mehr
© Dirschelrl Reinhard / Picture Alliance
Einwegplastik verschmutzt die Ozeane und befeuert den Klimawandel. Für mehr als die Hälfte dieses Plastikabfalls sind laut einer Studie nur 20 Unternehmen verantwortlich. Die Untersuchung zeigt auch, wieviel Plastik pro Kopf im Müll landet – auch in Deutschland.

Nur 20 Unternehmen verursachen 55 Prozent des globalen Einwegplastikmülls. Zu diesem Ergebnis kamen mehrere Organisationen und Forschungsinstitute in einer gemeinsam durchgeführten Studie. 

Für der Studie haben Forscher rund 1.000 Fabriken untersucht, die Rohstoffe für Einweg-Plastikprodukte herstellen. Zu den Produkten gehören Plastikflaschen, Lebensmittelverpackungen, Tüten und viele weitere Wegwerfgüter, die nach einmaligem Gebrauch entsorgt werden – und oft in unseren Ozeanen landen. 

Die Ergebnisse der Untersuchung hat die australische Stiftung "Minderoo" unter dem Titel "The Plastic Waste Makers Index" veröffentlicht. Dort heißt es, bei einem Drittel aller heute produzierten Plastikgüter handele um Einwegprodukte. 98 Prozent davon würden mit fossilen Brennstoffen hergestellt. Allein 2019 seien mehr als 130 Millionen Tonnen Einwegplastik verbrannt, auf Mülldeponien vergraben oder direkt in unserer Umwelt entsorgt worden.

Es sind nicht die Konsumenten, sondern die Konzerne

"Trotz dieser Bedrohungen wurde der Kunststoffindustrie jahrzehntelang erlaubt, mit minimaler Regulierung und Transparenz zu arbeiten", schreiben die Autoren. Das Hauptaugenmerk habe bisher fast ausschließlich auf Unternehmen gelegen, die fertige Plastikprodukte verkaufen.

Laut "BBC" erklärte Dominic Charles, Finanz- und Transparenzdirektor von "Minderoo", dass sich bei der Bemühung Plastikmüll zu vermeiden bisher vornehmlich auf den Endverbraucher und dessen individuelle Entscheidungen konzentriert wurde. Dabei sei den wenigen Firmen, die am Anfang der Lieferkette stehen, kaum Aufmerksamkeit geschenkt worden. Indem sie die Basis aller Kunststoffprodukte – synthetische oder halbsynthetische Polymere – herstellen, seien sie "die Quelle der Einwegplastik-Krise".

Zwei US-Konzerne führen Ranking an

2019 seien allein 20 der weltweit rund 300 Polymerhersteller für mehr als die Hälfte der globalen Einwegplastikabfälle verantwortlich gewesen. Angeführt würde die Liste von den beiden US-Konzernen "ExxonMobil" und "Dow Chemical", gefolgt vom chinesischen Unternehmen "Sinopec". Elf der Firmen hätten ihren Sitz in Asien, vier in Europa und drei in Nordamerika.

Studie: 20 Unternehmen verursachen mehr als die Hälfte des Einwegplastikmülls weltweit

Deutsche erzeugten 2019 durchschnittlich über 20 Kilogramm Einwegmüll pro Kopf

Aber die Forscher haben nicht nur den Plastikmüllverbrach der Produzenten analysiert. Die Studie zeigt auch, welche Nationen den meisten Einwegplastikmüll erzeugen. Demnach haben Australier und US-Amerikaner 2019 mehr als 50 Kilogramm Einwegkunstoff-Müll pro Kopf erzeugt. Hierzulande seien es mehr als 20 Kilogramm gewesen, womit Deutschland den elften Platz der Liste belegt. Die durchschnittliche Müllerzeugung der 100 untersuchten Länder läge bei 15 Kilogramm pro Person.

Ganz anders sieht es dagegen aus, wenn man statt der einzelnen Konsumenten ganze Nationen betrachtet: In diesem Fall ist China mit mehr als 25 Millionen Tonnen Einwegplastikabfall Spitzenreiter – die USA folgen mit knapp 20 Millionen Tonnen.

Ein Teil der erhöhten Kunststoffnachfrage sei allerdings auf den gestiegenen Bedarf an Masken und medizinischer Ausrüstung während der Corona-Krise zurückzuführen.

Größte Banken mitverantwortlich für die Krise

Mitverantwortlich für die Krise seien Großinvestoren und Banken, die Milliarden in die Industrie steckten: "Zwanzig institutionelle Vermögensverwalter – angeführt von den US-Firmen Vanguard Group, BlackRock und Capital Group – halten Aktien im Wert von über 300 Milliarden US-Dollar an den Muttergesellschaften dieser Polymerproduzenten". Wiederum zwanzig der größten Banken hätten seit 2011 fast 30 Milliarden US-Dollar in die Polymerherstellung investiert.

  

Aus dem Bericht "Banking on Climate Chaos 2021" (der stern berichtete) geht hervor, dass die 60 größten Kreditinstitute der Welt seit Verabschiedung des Pariser Klimaabkommens 2016 mehr als 3,2 Billionen US-Dollar zur Finanzierung von Kohle-, Öl- und Gasunternehmen bereitgestellt haben – darunter auch deutsche Banken.

2050: Bis zu zehn Prozent der Treibhausgasemissionen nur durch Einwegplastik

In den nächsten fünf Jahren, so die Autoren, könnte die Produktionskapazität von Einwegstoffen um mehr als 30 Prozent steigen – bei einzelnen Unternehmen sogar um das Vierfache. Unter der damit verbundenen Umweltverschmutzung würden vor allem Entwicklungsländer leiden. Dabei läge es nicht zuletzt an mangelndem politischen Willen zur Veränderung: Schätzungsweise 30 Prozent der Branche – gemessen am Wert – befänden sich in staatlicher Hand. Allen voran in Saudi-Arabien, China und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

"Es ist von entscheidender Bedeutung, dass petrochemische Unternehmen auf Alternativen aus der Kreislaufwirtschaft umsteigen, wenn wir diese miteinander verknüpften Krisen erfolgreich angehen wollen", äußerte sich Professor Sam Fankhauser, Spezialist für Ökonomie des Klimawandels und Mitautor der Studie gegenüber der "BBC".

Auch der Blick in die Zukunft fällt den Autoren zufolge düster aus: Sollte die Herstellung von Einwegplastik weiter in diesem Tempo steigen, könnte dies 2050 zwischen fünf und zehn Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen ausmachen.

Quellen: "The Plastic Waste Makers Index"; "BBC"; "The Guardian"


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