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Dokumentation "Seaspiracy" – Nach diesem Netflix-Film vergeht Ihnen der Appetit auf Fisch

Die Fischindustrie saugt die Meere systematisch leer.
Die Fischindustrie saugt die Meere systematisch leer.
© Netflix / PR
"Seaspiracy" ist der Netflix-Film der Stunde. Die Dokumentation zeigt in aufwühlenden Bildern, wie unsere Meere in industriellem Stil leergefischt werden. Auch wenn nicht alles an dem Film stimmt, liefert er spannende Denkanstöße.

Die Deutschen lieben Fisch. Ob als Schlemmerplatte im Restaurant oder als Matjesbrötchen auf die Hand: Hierzulande isst jede Person im Schnitt 13,2 Kilogramm Fisch und Fischereierzeugnisse pro Jahr. Weltweit sind es sogar mehr als 20 Kilogramm pro Kopf - doppelt so viel wie in den 1960er-Jahren. Die Nachfrage steigt rasant, zugleich sind im gleichen Zeitraum die Wildbestände jedoch dramatisch eingebrochen.

Wie ernst die Situation ist, zeigt der Dokumentarfilm "Seaspiracy" auf Netflix. Er ist derzeit einer der populärsten Filme des Streamingportals, in vielen Ländern ist er in den Top 10 der am meisten abgerufenen Inhalte. Zu Recht. In dem knapp anderthalbstündigen Film bereisen die Dokumentarfilmer Ali und Lucy Tabrizi die halbe Welt und zeichnen ein erschreckendes Bild über unsere Weltmeere und die damit verbundenen Industrien.

Ali Tabrizi inspiziert Haifischflossen auf einem asiatischen Fischmarkt
Ali Tabrizi inspiziert Haifischflossen auf einem asiatischen Fischmarkt
© Netflix / PR

"Seaspiracy" wird zum globalen Netflix-Hit

Für ihre Dokumentation besuchen die beiden unter anderem Märkte in Asien, auf denen jene Haiflossen im großen Stil verkauft werden, die zuvor Tausenden Haien auf hoher See brutal abgeschnitten wurden. Sie fahren gemeinsam mit Aktivist:innen von Sea Shepherd über die Ozeane und decken das Geschäft mit illegaler Fischerei auf. Sie reisen auch nach London und Brüssel, um mit Verantwortlichen zu sprechen, die diesem Treiben eigentlich Einhalt gebieten sollten – und auf die Missstände angesprochen häufig nur leere Floskeln zum Besten geben.

"Seaspiracy" gelingt es, ein relevantes Thema packend zu erzählen und mit aufwühlenden Bildern zu unterlegen. Man sieht Delfine, die auf der Jagd nach Thunfisch als Beifang tot in endlos langen Fischerleinen treiben. Hochspezialisierte Boote, die das Meer leersaugen, während neben ihnen zwei afrikanische Männer in einem Kanu vor Hunger ihr Leben aufs Spiel setzen. Am Ende des abendfüllenden Films fühlt man sich traurig, wütend – und ohnmächtig.

Kritik an "Seaspiracy"

Selbstverständlich ruft ein Film dieses Kalibers auch Kritik hervor, vor allem von Umweltverbänden und gemeinnützigen Organisationen wie etwa dem Marine Stewardship Council (besser bekannt durch das blaue MSC-Logo), die in "Seaspiracy" an den Pranger gestellt werden. So seien einige der zitierten Studien nicht mehr der aktuelle Kenntnisstand und einige Zahlen nicht korrekt. Zugleich würden es sich die Macher zu leicht machen, wenn sie "Esst keinen Fisch mehr" als einzige, echte Lösung proklamieren. Schließlich sind viele Menschen in ärmeren Regionen auf Fisch als Grundnahrungsmittel angewiesen. Mehr zur Kritik an dem Film gibt es unter anderem hier beim "Guardian" (englischsprachig). Dr. Bryce Stewart, ein Meeresökologe und Fischereibiologe von der Universität von York sagt in einem Twitter-Thread: "Hebt [Seaspiracy] eine Reihe schockierender und wichtiger Themen hervor? Absolut. Aber ist es gleichzeitig irreführend? Ja, von den ersten Minuten an." Seine Einschätzung findet man hier.

Viele der Kritikpunkte mögen berechtigt sein, doch das entscheidende Problem bleibt: So, wie wir mit den Ressourcen der Meere umgehen, kann es nicht weitergehen. Ob die Meere nun 2048, wie in der Dokumentation behauptet, oder erst später tot sind, wie die Kritiker nun betonen, spielt am Ende eigentlich keine Rolle. Wir nehmen mehr aus der Kasse, als wieder reinkommt, um es ganz bildlich zu sagen. Das geht auf Dauer nicht gut. Und macht nebenbei unseren Planeten, unsere Lebensgrundlage kaputt.

Der Film liefert Denkanstöße

Auch wenn man nicht alle Zahlen und Aussagen für bare Münze nehmen sollte, ist "Seaspiracy" dennoch eine sehenswerte Dokumentation über das internationale, mitunter kriminelle Geflecht der großindustriellen Fischerei. Und er dürfte vielen Menschen Denkanstöße liefern, den eigenen Lebensstil in Frage zu stellen oder ihn gar zu ändern. Das gelang den Machern schon beim Vorgängerfilm "Cowspiracy", welcher den Fokus auf die Fleischindustrie legte. Die Dokumentation sorgte nach ihrer Veröffentlichung 2014 ebenfalls für Wirbel und heftige Kritik von Branchenverbänden, wurde jedoch vom Publikum gefeiert.

Am Ende könnte die große Popularität des Films auch eine Chance sein, dass mehr Transparenz in diese Branche kommt und die Politik Maßnahmen ergreift, die zu einer nachhaltigeren Fischerei führen.

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