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Technologie Wenige Tage statt Jahrzehnte im Fass: US-Firma will Whisky-Schnellreifung erfunden haben

Mit der Dauer im Fass verändert sich auch die Farbe des Whiskys
Mit der Dauer im Fass verändert sich auch die Farbe des Whiskys
© Getty Images
Die Herstellung eines Whiskys erfordert viel Können und noch mehr Geduld. Ein US-Start-up möchte das nun ändern: Statt Alkohol Jahrzehnte in ein Holzfass zu legen, soll der Prozess zukünftig nur noch wenige Tage dauern. Doch die Skeptiker sind nicht vollends überzeugt.

Die Herstellung eines Whiskys ist komplex und zeitaufwendig. Denn nach der Destillation landet der Alkohol für viele Jahre im Fass - mindestens drei müssen es sein, um sich überhaupt Whisky nennen zu dürfen. In der Regel sind es jedoch eher 10, 15 oder weit mehr als 20 Jahre. Denn je länger die Flüssigkeit im Fass ruht, desto weicher und eleganter wird das Produkt am Ende.

Die vielen Fässer müssen in speziellen Lagerhäusern gelagert werden. Allein im US-Bundesstaat Kentucky lagern mehr als neun Millionen Fässer, die meisten enthalten den für die Region typischen Bourbon Whiskey. Durch Verdunstungsprozesse gehen dabei jedes Jahr Millionen Liter Flüssigkeit verloren. In der Spirituosenwelt ist dieses Phänomen als Angels' Share bekannt, was frei übersetzt oft als "Schluck für die Engel" übersetzt wird.

US-Startup fordert Whisky-Welt heraus

Das Start-up Bespoken aus dem fernen Kalifornien will nun ein Verfahren entwickelt haben, welches die lange und kostenintensive Lagerung in Holzfässern obsolet macht. Zwar ist es nicht das erste Unternehmen, das sich an eine beschleunigte Alterung wagt. Das Start-up argumentiert jedoch, es sei das erste, welches die Hochgeschwindigkeits-Reifung mit einem auf maschinellem Lernen basierenden Ansatz kombiniert. Um zu beweisen, dass das entwickelte Verfahren funktioniert, hat Bespoke nun eine Anschubfinanzierung in Höhe von 2,6 Millionen US-Dollar erhalten.

Die Ankündigung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die durch das Coronavirus ausgelöste Krankheit Covid-19 die Alkoholindustrie weiter auf den Kopf stellt. Da Bars und Restaurants geschlossen sind oder lediglich mit begrenzter Kapazität betrieben werden, sagen einige Analysten für dieses Jahr einen zweistelligen Rückgang der weltweiten Verkäufe voraus. Auch ein Handelsstreit zwischen den USA und der Europäischen Union hat den Whiskyabsatz gedrückt. Vor allem die Großkonzerne suchen deshalb nach neuen Methoden, um Kosten einzusparen.

Geheimes Verfahren zur Whisky-Schnellreifung

Wie genau das von Bespoke propagierte Verfahren funktioniert, wird nicht verraten. "Anstatt die Spirituose in ein Fass zu füllen und passiv darauf zu warten, dass die Natur ihren Lauf nimmt und einfach die Würfel rollen zu lassen um zu sehen, was passiert, verwenden wir stattdessen unsere firmeneigene ACTivation-Technologie - wobei das A, C und T für Aroma, Farbe und Geschmack (im Original: aroma, color and taste) steht -, um das Fass in die Spirituose zu füllen und den Prozess und die chemischen Reaktionen aktiv zu steuern, um maßgeschneiderte Spirituosen von höchster Qualität zu liefern - und das in nur wenigen Tagen statt in Jahrzehnten", so die Gründer.

Kein Wunder, dass angesichts dieser Versprechen sowohl Branchenveteranen als auch Industriegrößen skeptisch sind, immerhin fußt der Erfolg der Whisky-Welt vor allem auf seinem Handwerk. Allerdings konnte das Unternehmen bereits eine Reihe von Wettbewerben gewinnen. Bespoken gewann acht Preise bei der 2020 San Francisco World Spirits Competition und zehn Preise bei der 2020 Judging of Craft Spirits des American Distillery Institute.

"Die Fähigkeit des Unternehmens, sowohl Qualität als auch Vielfalt zu liefern, ist das, was meine Aufmerksamkeit wirklich erregt und mich dazu gebracht hat, investieren zu wollen", sagte T.J. Rodgers, einer der Investoren, in einer Pressemitteilung. "In kurzer Zeit haben sie bereits eine unglaubliche Bandbreite erstklassiger Spirituosen hergestellt, von Whiskeys über Rum, Brandy und Tequila", schwärmt der Financier - aber das ist selbstverständlich auch sein Job.

Trotz der Auszeichnungen wird es für Bespoken eine schwierige Aufgabe, die Whiskey-Puristen zu überzeugen. "Ich bin empört über die Abkürzungswilligen der Welt, die den kreativen Prozess als nichts anderes als eine einfache Möglichkeit sehen, Geld zu verdienen", schrieb der Whiskey-Kritiker John Dover in einer Rezension eines Produkts. Und auch auf Bewertungsplattform attestieren einige Tester - sofern die Rezensionen echt sind - ein gewisses Plastikaroma, das weit entfernt ist von einer natürlichen Fassreifung. Ob es ein generelles Problem der Highspeed-Reifung ist oder lediglich eine Kinderkrankheit, die mit Optimierungen abgeschwächt werden kann, wird sich zeigen.

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