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Begegnung mit Kouachi-Brüdern: Ein Polizist allein gegen die "Charlie Hebdo"-Attentäter

Bei der Geiselnahme der "Charlie Hebdo"-Attentäter in einer Druckerei war ein Polizist als Erster vor Ort. Nun berichtet er von dem dramatischen Moment, als er Said Kouachi allein gegenüberstand.

Scharfschützen der französischen Polizei auf einem Dach im Industriegebiet in Dammartin-en-Goele, wo sich die Attentäter des Anschlags auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" in einer Druckerei vrschanzt hatten.

Scharfschützen der französischen Polizei auf einem Dach im Industriegebiet in Dammartin-en-Goele, wo sich die Attentäter des Anschlags auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" in einer Druckerei vrschanzt hatten.

Nach dem Anschlag auf die "Charlie Hebdo"-Redaktion in Paris lieferten sich die beiden Attentäter eine nervenaufreibende Verfolgungsjagd mit der Polizei. Schließlich verschanzten sich die Brüder Said und Cherif Kouachi in einer Druckerei nordöstlich von Paris. Bevor eine Anti-Terror-Einheit anrückte, standen sie dort nur zwei Polizisten gegenüber. Einer von ihnen berichtete im französischen TV-Sender "Europe 1" nun, welch dramatische Szenen sich vor der Druckerei abspielten.

Als morgens der Notruf des Geschäftsführers der Druckerei eingeht, machten sich die beiden Polizisten sofort auf den Weg zum Tatort in Dammartin-en-Goële: Das Team bestand aus einem 45-jährigen Mann, begleitet von seiner 28 Jahre alten Kollegin. Sie waren allein - weitere Einsatzkräfte waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht vor Ort.

"Er schrie 'Allahou Akbar'"

"Wir stellten die Sirene ab und fuhren vorsichtig heran", sagte der Polizist dem TV-Sender. Durch eines der Fenster der Druckerei habe er einen Mann erkennen können – doch ob es sich dabei um einen Terroristen oder womöglich um eine der Geiseln handelte, sei in dem Moment noch unklar gewesen. Dann sei er mit seiner Kollegin ausgestiegen und auf die Druckerei zugegangen.

Und plötzlich ging alles sehr schnell: "Ein Mann kam aus dem Gebäude, er trug eine Kalaschnikow bei sich. Da wusste ich sofort, dass ich jetzt schnell handeln muss", sagte der Polizist. Bei dem Mann handelte es sich um Said Kouachi, den Älteren der beiden Brüder. Den Polizisten hatte der Terrorist zu diesem Zeitpunkt offenbar noch nicht bemerkt. "Er schoss auf den Polizeiwagen, dabei schrie er laut 'Allahou Akbar', berichtete der französische Polizist im Interview. Drei deutlich sichtbare Einschusslöcher seien später auf einer Tür des Polizeiwagens zu sehen gewesen.

"Ich hätte ihn ausschalten können."

Kurz darauf bemerkte Kouachi den Polizisten. Doch der Polizist reagierte schnell: Bevor der Terrorist auf ihn schießen konnte, feuerte er zuerst ab und traf Kouachi am Hals. "Um jemanden zu treffen, muss man sich konzentrieren – also habe ich versucht, ruhig Blut zu bewahren", sagte der Polizist.

Die ganze Szene dauerte nur wenige Sekunden. Said Kouachi fiel zu Boden und zog sich dann wieder im Gebäude zurück. "In diesem Moment hätte ich ihn ausschalten können", sagte der französische Polizist. "Doch ein Schuss auf den Terroristen hätte in dieser Situation nicht mehr als Notwehr gegolten – und die Regeln zum Gebrauch der Waffe sind für Polizisten sehr streng."

Außerdem habe er stets im Hinterkopf gehabt, dass sich vermutlich der Geschäftsführer der Druckerei und andere Personen mit dem zweiten Terroristen, Chérif Said, in dem Gebäude befinden.

Stundenlange Belagerung

Ohne weitere Unterstützung hatten die beiden Polizisten jedoch keine Chance: Der Polizist brachte sich und seine Kollegin in Sicherheit. Die junge Frau, die ihm bis dahin Rückendeckung gegeben hatte, konnte die Szenerie nur von weitem beobachten. "Ich habe die Schüsse gehört, aber nichts gesehen", erinnert sie sich im französischen Fernsehen. Die Polizisten sicherten den Umkreis des Tatorts ab, befahlen den Angestellten der anliegenden Geschäfte, sich in die Gebäude zurückzuziehen und diese nicht mehr zu verlassen.

Während die Polizisten das Gelände rund um die Druckerei schützten, lieferte sich Lilian Lepere im Inneren des Geschäfts ein dramatisches Versteckspiel mit den Terroristen. Der Grafiker hatte sich in einem Schrank unter der Spüle versteckt - dort verweilte er ganze achteinhalb Stunden lang. Aus seinem Versteck heraus hörte er den Unterhaltungen der Terroristen zu, die sich nur wenige Meter entfernt von ihm aufhielten. Schließlich gelang es Lepere, die Polizei anzurufen und entscheidende Hinweise zur Lage im Gebäude zu geben.

Die beiden Polizisten mussten nicht lange allein die Stellung halten. Wenige Minuten nach ihrem Eintreffen erschienen drei weitere Teams am Tatort, schließlich rückte eine Anti-Terror-Spezialeinheit zur Unterstützung an. Bis zum späten Nachmittag sollte die Belagerung der Druckerei noch dauern. Erst gegen 17 Uhr fiel der Befehl zur Stürmung des Gebäudes – die Brüder Kouachi starben, Lepere überlebte.

las