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Ägyptens neuer Präsident: Islamist Mursi schlägt versöhnliche Töne an

Er will internationale Verträge einhalten und Präsident aller Ägypter sein: Der Islamist Mohammed Mursi hat sich in seiner ersten Rede zurückhaltend und umgänglich präsentiert.

Der designierte ägyptische Staatschef Mohammed Mursi hat seine Landsleute zur nationalen Einheit aufgerufen. Er wolle Präsident "aller Ägypter" sein, sagte der erste Islamist an der Spitze des Staates in einer am Sonntag vom Fernsehen übertragenen Ansprache nach der Bekanntgabe seines Wahlsiegs. Zugleich sicherte Mursi die Einhaltung der von Ägypten geschlossenen internationalen Verträge zu. Eine der wichtigsten internationalen Vereinbarungen, die Ägypten geschlossen hat, ist der Friedensvertrag mit Israel von 1979.

Die nationale Einheit Ägyptens sei der einzige Ausweg aus "diesen schwierigen Zeiten", sagte Mursi weiter. Der 60-Jährige würdigte die Aufständischen, deren Revolte den langjährigen Machthaber Husni Mubarak im Februar vergangenen Jahres aus dem Amt getrieben hatte. Mit Blick auf die rund 850 Toten des Aufstandes dankte Mursi den "Märtyrern". Die Revolution gehe so lange weiter, bis "alle ihre Ziele erreicht" seien.

Mursi kein Muslimbruder mehr

Die konservativ-religiöse Muslimbruderschaft hat unterdessen Mursis Mitgliedschaft für beendet erklärt. Dies gelte auch für das Verhältnis des gewählten Präsidenten zu der von der Bruderschaft gegründeten Partei Freiheit und Gerechtigkeit (FJP), erklärte der Generalsekretär der Muslimbruderschaft, Mahmud Hussein, ägyptischen Medienberichten zufolge. "Wir haben damit unser Versprechen erfüllt, das wir für den Fall des Sieges unseres Kandidaten abgegeben hatten", wurde Hussein zitiert.

Bereits am Sonntag hatte Mursi formell auf den Vorsitz in der FJP verzichtet, den er bis dahin innehatte. Die Wahlkommission hatte ihn am selben Tag zum Sieger der Präsidentenwahl erklärt.

Hunderttausende Anhänger feiern den Sieg

Westliche und arabische Staaten gratulierten Mursi zu seiner Wahl ebenso wie der unterlegene Rivale Ahmed Schafik. Mursi ist der erste frei gewählte Präsident Ägyptens. Die ägyptische Wahlkommission hatte ihn am Sonntag zum Sieger der Stichwahl um das Präsidentenamt vom vergangenen Wochenende erklärt. Auf dem Tahrir-Platz in der Hauptstadt Kairo feierten hunderttausende Menschen den Sieg.

Dagegen herrschten in dem Hotel am Stadtrand, wo sich das Wahlkampfteam Schafiks und Anhänger versammelten hatten, Entsetzen und Wut. Der frühere Regierungschef selbst gratulierte Mursi und wünschte ihm Erfolg bei der "schwierigen Aufgabe", die das ägyptische Volk ihm anvertraut habe, wie die amtliche Nachrichtenagentur Mena meldete.

Militärrat verspricht Erteilung zustehender Befugnisse

Auch der Chef des Obersten Militärrats, Hussein Tantawi, gratulierte Mursi laut Staatsfernsehen. Das in Ägypten herrschende Gremium hatte zuletzt seine Machtbefugnisse erweitert und das von den Muslimbrüdern dominierte Parlament nach einem Verfassungsgerichtsurteil aufgelöst. Er sicherte aber zu, im Juni dem neuen Staatschef die ihm zustehenden Befugnisse zu geben. Für die koptische Kirche in Ägypten beglückwünschte der Bischof Pachomius Mursi zu seiner Wahl. Die Kopten machen bis zu zehn Prozent der 80 Millionen Einwohner Ägyptens aus. Sie fühlen sich im Alltag oft diskriminiert und bedroht.

US-Präsident Barack Obama gratulierte Mursi in einem Telefonat und sagte ihm die Unterstützung der USA beim Übergang Ägyptens zur Demokratie zu. Zuvor hatte das Weiße Haus bereits betont, die neue ägyptische Regierung müsse ihre Rolle als "Eckpfeiler des regionalen Friedens" erfüllen. Eine wichtige Aufgabe Mursis sei es, in einem nationalen Dialog eine neue Regierung zu bilden.

Wichtige Etappe im demokratischen Übergang Ägyptens

Israel betonte den Willen zu einer Fortsetzung der Zusammenarbeit beider Länder. Das Büro von Regierungschef Benjamin Netanjahu erklärte, Israel "beabsichtigt, seine Zusammenarbeit mit der ägyptischen Regierung auf der Grundlage des Friedensvertrags (von 1979) fortzusetzen". Für die EU erklärte die Außenbeauftragte Catherine Ashton, die Wahl Mursis sei "eine wichtige Etappe im demokratischen Übergang Ägyptens und ein historischer Augenblick für das Land und die Region". Gratulationen kamen neben Deutschland auch aus Frankreich, Großbritannien und Italien.

Im arabischen Raum kamen Glückwünsche unter anderem von der islamistischen Hamas im Gazastreifen, dem Iran, der Palästinensischen Autonomiebehörde, aus Jordanien, Katar und Bahrain.

mad/AFP / AFP