Afghanistan-Mission "Wir müssen uns stärker engagieren"


Wie erfolgreich ist die Nato im Süden Afghanistans im Kampf gegen die Taliban? Wie begegnet sie dem Misstrauen der Bevölkerung? Und wie lange müssen internationale Truppen in Afghanistan verweilen? Im stern.de-Interview analysiert der niederländische Nato-General Ton van Loon die Situation vor Ort.

General van Loon, im Süden Afghanistans sind die Taliban auf dem Vormarsch. Scheitert dort gerade die Nato-Mission Isaf?

Nein. Das Gegenteil ist der Fall. Die Nato hat dort mit ihrer Mission gerade erst begonnen. Wir sind erst seit einem Jahr mit einer größeren Truppenzahl im Süden aktiv.

Doch es kommt ständig zu Angriffen und Selbstmordattentaten. Selbst Bezirke, die im vergangenen Herbst von der Nato erobert waren, sind wieder in den Händen der Taliban.

Die Taliban waren immer dort. Der Süden ist nun einmal ihr Herzland. Und sie mögen auch heute wieder einige Gebiete kontrollieren. Doch die angebliche Sicherheit, die sie bringen, ist trügerisch. Die Menschen wissen das ganz genau. Jetzt sind Tausende Nato-Soldaten im Süden stationiert. Jetzt sind die Taliban nicht mehr die alleinigen Herren. Sie sind wie ein verwundetes Tier. Und das macht sie besonders gefährlich.

Haben nicht Nato-Militäroperationen den Wiederaufstieg der Taliban im Süden erst ermöglicht?

So einfach ist das nicht. Die Taliban versuchen, mit allen Mitteln die Bevölkerung gegen ihre Regierung und auch gegen uns aufzuhetzen. Wenn wir militärisch vorgehen müssen, sterben manchmal Menschen. Wir wissen, dass dies einen negativen Effekt auf unser Ansehen bei der Bevölkerung hat. Wir wissen, dass man dann oft wieder von vorne anfangen muss. Darum ist es so wichtig, immer sehr sorgfältig vorzugehen.

Die Bevölkerung verliert das Vertrauen in die internationale Gemeinschaft, wie es auch in einem Bericht der Bundesregierung heißt.

Die Menschen in Afghanistan haben doch gar nicht die Wahl, zwischen Gut und Böse zu entscheiden. Sie müssen überleben. Sie wissen nicht, wer diese Auseinandersetzung letztlich gewinnt, die Taliban, die Regierung oder sonst wer. Und vor allem wissen sie nicht, ob wir, die internationale Gemeinschaft, bleiben. Wir müssen diese Periode der Gewalt jetzt überstehen. Erst dann können wir der Regierung Afghanistans überhaupt die Möglichkeit geben, die Kontrolle zu übernehmen. Diese Bedingungen können wir schaffen. Mehr nicht.

Sie kommandierten im vergangenen Jahr die Nato-Operation "Achilles". Können Sie denn wirklich Erfolge melden?

Wir haben taktische Erfolge gegen die Taliban errungen, wir haben Nato-Soldaten stationiert. Doch klar muss auch sein: Die Nato-Soldaten können zwar für begrenzte Zeit für Sicherheit sorgen. Doch es wäre eine Illusion zu glauben, die Nato könnte auf Dauer Sicherheit gewährleisten. Vielmehr müssen die Afghanen selbst die Kontrolle übernehmen. Mit Soldaten und vor allem mit Polizei, wie etwa am Kajaki-Staudamm in der Provinz Helmand...

...doch die dort stationierten britischen Truppen schaffen es gerade 'mal, die Stromgeneratoren gegen die Taliban zu verteidigen. Und die afghanischen Soldaten, die ihnen dabei helfen sollen, haben seit über einem Jahr ihre Familien nicht mehr gesehen. Sie können ihre Kaserne nicht verlassen, weil sie von Taliban umzingelt sind.

Ich behaupte nicht, dass wir die Welt über Nacht ändern können. Doch immerhin: Durch unsere Präsenz hat die afghanische Regierung hat jetzt eine faire Chance, die Kontrolle über die Gegend zu übernehmen, etwa mit Polizeiposten.

Wie soll das geschehen? Niemand vertraut der vollkommen korrupten afghanischen Polizei. Und der korrupten Regierung in Kabul schon gar nicht.

Wir haben Checkpunkte in der Gegend errichtet...

... die bestenfalls tagsüber besetzt sind...

... und manchmal auch nachts. Ja, manchmal hauen die Polizisten auch ab. Aus Angst oder warum auch immer. Drogenbarone können ihnen viel mehr Geld zahlen. Besonders im Süden stehen den Taliban ja Millionensummen aus Drogengeschäften zur Verfügung. Doch wir müssen irgendwo anfangen. So brauchen wir in den Dörfern eine Art Hilfspolizei. Junge, hoffentlich zuverlässige Männer, die von den Dorfältesten ausgewählt werden. Natürlich wissen wir, dass Polizisten ohne umsichtige Begleitung und Anleitung durch uns manchmal ihre neue Macht missbrauchen, sobald sie eine Waffe haben.

Nämlich?

Sie gehen mit ihrer Kalaschnikow erst einmal "einkaufen." Sie haben eine Waffe. Also kriegen sie Lebensmittel und Essen umsonst. Man muss aber auch bedenken, dass diese jungen Männer ihre Familien unterstützen müssen.

Und was wollen die Nato-Soldaten dagegen tun?

Wir müssen sicherstellen, dass der Polizist vor Ort seinen Lohn auch wirklich voll ausgezahlt bekommt. Dass nicht mehr als die Hälfte auf dem Weg von Kabul in sein Dorf von korrupten Beamten abgeschöpft wird. Und wir müssen auch sicherstellen, dass wir diesen Polizisten militärisch verteidigen, wenn die Taliban angreifen. Nato-Truppen müssen präsent sein. So sind im Bezirk Pandschwaj tausende Familien, die vor der Gewalt geflohen waren, wieder zurückgekehrt. Sie übernehmen jetzt Verantwortung für ihre Dörfer. Es ist wenigstens ein Anfang.

Und wie soll die Nato mit der korrupten Zentralregierung in Kabul umgehen?

Wir müssen Fälle von Korruption offen ansprechen. Denn die Korruption in Kabul ist ein viel größeres Problem für Afghanistans Zukunft als die Taliban.

Die größten Drogenbarone sitzen in Kabul. Einer von ihnen soll der Bruder des afghanischen Präsidenten Karzai sein, der andere ein stellvertretender Innenminister.

Man kann diese Leute nicht einfach ins Gefängnis werfen. Denn wenn der Präsident noch nicht einmal seinen eigenen Bruder beschützen kann, dann kann er auch sein Volk nicht beschützen. So das Verständnis der Paschtunen, dem größten Volk des Landes, dem auch Karzai angehört. Dann wird der Regierung in Kabul erst recht nicht vertraut. In Afghanistan kann man den Stab nicht brechen. Man kann nur versuchen, ihn vorsichtig zu biegen.

Hat man das Ausmaß der Probleme unterschätzt? Nach anfänglichen Erfolgen zogen die USA Experten und Truppen für den Irak-Krieg ab. Müssen jetzt die anderen Nato-Staaten dafür geradestehen?

Das ist nicht fair. Die Amerikaner stellen den größten Teil der Truppen, und sie zahlen am meisten. Sie zahlen, und wir reden. Wir, die europäischen Nato-Staaten, haben doch geglaubt, mit begrenzten Mitteln einen raschen Sieg zu erringen. Wir sind mit Nichts nach Afghanistan gegangen. Wir, die anderen Nato-Staaten, haben doch nicht genügend Truppen geschickt, nicht genügend Geld zur Verfügung gestellt.

Braucht man mehr Nato-Truppen, vor allem für den Süden?

Vielleicht hätten wir von Anfang an mit mehr Truppen auch im Süden präsent sein sollen. Es geht auch um Soldaten, aber nicht nur. Wir brauchen vor allem viel mehr Experten für die Wiederaufbauteams in den einzelnen Provinzen. Wir brauchen Hubschrauber und Hubschrauberpiloten, mehr Aufklärung. Wir brauchen Ingenieure und Bürokraten. Leute, die wissen, wie man eine Stadt oder eine Provinz verwaltet. Und wir brauchen bedeutend mehr Experten bei der Ausbildung von Armee und Polizei. Die EU hat jetzt gerade mal 150 Ausbilder zur Verfügung gestellt.

Die sollen im kommenden Jahr stationiert werden.

Dies reicht bei weitem nicht. Wir müssen uns insgesamt viel stärker engagieren. Und wir brauchen mehr Länder, die an der Isaf-Mission teilnehmen. Es wäre sehr wünschenswert, wenn sich auch mehr muslimische Länder beteiligen würden.

Braucht das Land einen "Marshall-Plan", so wie Präsident Bush gerne propagiert?

Unsere Soldaten versuchen, gleichzeitig militärisch und zivil vorzugehen. Dieser Ansatz ist sozusagen die moderne Form eines Marshall-Plans. Wir wollen ein Land aus dem Mittelalter ins 21. Jahrhundert bringen. Und dafür brauchen wir einen langfristigen Plan.

Wie langfristig soll der denn sein?

In Bosnien sind Nato-Truppen seit 15 Jahren stationiert. Und Bosnien ist einfach im Vergleich zu Afghanistan. Es wird sicher noch einige Jahre dauern, den Süden militärisch zu stabilisieren. Und dann braucht es eine Generation, das Land neu aufzubauen. Es ist ein Land, dessen Bevölkerung zu 80 Prozent weder lesen noch schreiben kann.

Die Menschen in vielen Nato-Staaten, auch in Deutschland, fordern jetzt schon den Abzug der Nato-Truppen. Und Sie fordern Verpflichtungen auf Jahrzehnte?

Wir zahlen einen hohen Preis für unser Engagement in Afghanistan: Menschen sterben, auch unsere Soldaten. Wir werden diesen hohen Preis auch weiterhin zahlen müssen. Aber die Sache ist es wert. Wir können dieses Land nach vorne bringen. Und ein stabiles Afghanistan könnte Vorbild für Menschen in anderen Staaten der Region werden, etwa Pakistan. Man würde sehen, dass Fortschritt möglich ist. Nur so kann man Terrorismus bekämpfen. Wir müssen sehr viel mehr Geduld aufbringen.

Doch Ihre Politik der winzigen Schritte wird offenbar durch Militäraktionen der Nato zerstört. Wie sollen die Menschen der Nato vertrauen, wenn deren Flugzeuge Bomben auf ihre Häuser Bomben werfen?

Die amerikanische Regierung spricht vom "Krieg gegen den Terror". Wir sprechen vom Wiederaufbau. Das schafft manchmal Probleme. Aber es gibt keine Flächenbombardements.

Und was ist mit all' den Operationen im Rahmen der umstrittenen Anti-Terror-Operation OEF unter Leitung der USA?

Manchmal werfen Flugzeuge Bomben ab. Doch nur ganz gezielt und nach einem langen Abstimmungsprozess. So wie bei der Tötung des Taliban-Führers Mullah Dadullah. Aber es muss auch klar sein: Das Mandat für Afghanistan heißt Isaf. Alle anderen Operationen müssen immer mit Isaf abgestimmt werden. Im Übrigen: einige gezielte Aktionen gegen die Taliban wurden von Spezialeinheiten unter Isaf-Mandat durchgeführt. Und nicht von Amerikanern. Und das wird auch in Zukunft so sein.

In der Provinz Uruzgan führen die Niederländer mit knapp 2000 Soldaten das Wiederaufbauteam. Sie haben damit die militärische Oberaufsicht über die Provinz. Es heißt, sie verlassen ihre Kasernen kaum, seien gar "hasenfüßig". Will man etwa so die Herzen der Bevölkerung gewinnen?

Es macht keinen Sinn zu kämpfen, wenn die Institutionen der afghanischen Regierung vor Ort nicht existieren. Sonst macht man sich nur zum Ziel. Und dann werden Menschen getötet. Gegen wen soll man denn dann militärisch vorgehen? Gegen alle jungen Männer eines Ortes, gegen eine ganze Generation? Das hilft niemandem, außer den Taliban. Man soll nur kämpfen, wenn es wirklich sein muss. Doch dann muss man unbedingt Härte zeigen.

Interview: Katja Gloger und Christoph Reuter

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