Analyse Obama zeigt es Merkel & Co.


Mehr als 200.000 Menschen erlebten an der Siegessäule in Berlin für 27 Minuten den US-Präsidentschaftskandidaten Barack Obama: als perfekte Inszenierung seiner selbst. Dennoch zeigte er mit seiner Rede, was bleischwere deutsche Politiker noch lernen müssen.
Von Michael Rossié

Ob sie nicht wollen oder nicht können, sei dahingestellt. Einen Politiker, dem eine solch perfekte Rede gelingen könnte und der es schafft, dabei so sympathisch, locker, aber auch willensstark und kämpferisch zu wirken, gibt es in Deutschland im Moment nicht.

Er kommt ganz alleine nach vorne, die Sicherheitsleute in gehörigem Abstand. Federnden Schrittes, die amerikanische Fahne am Revers, winkt er lächelnd in die Menge. So viele Menschen beflügeln ihn. Auf einen Warm-upper wie in Amerika, der die Menge vorher anheizt, hat er verzichtet. Aber ansagen lässt er sich natürlich, damit schon der Auftritt mit tosendem Applaus untermalt ist. Dann elfmal "Danke" und nochmals achtmal "Danke" an alle von Frau Merkel bis zur Polizei. Wer namentlich genannt wird, freut sich schließlich.

Seine Bewegungen sind ruhig und souverän

Während Ulrich Deppendorf das Mikrofon in Höhe der unteren Zahnreihe hält und damit sein Gesicht verdeckt, sind Obamas Mikrophone genau in Höhe der Brusttasche platziert und perfekt auf die beiden Textmonitore ausgerichtet, so dass er immer gut zu sehen und zu hören ist. Auch seine Gestik ist genau zu beobachten. Als Linkshänder mehr mit links als mit rechts, piekst er, streicht und beschwört mit zusammengepresstem Daumen und Zeigefinger. Dabei sind alle Bewegungen ruhig und souverän. Der König fuchtelt nicht, sondern setzt jede Bewegung gezielt ein.

Die beiden Teleprompter sind so dezent, dass selbst jemand, der weiß, dass es so etwas gibt, sie bald vergessen hat. Lediglich die rhythmische Bewegung des Kopfes von der einen zur anderen Seite, die die Mitte konsequent ausspart, lässt einen mit der Zeit ahnen, dass er die Sätze abliest. Das Ringbuch mit den in Folie geschützten Seiten der Rede wird nicht einmal umgeblättert.

Weit entfernt von dem Oberlehrerton

Er steht fest auf beiden Beinen, er ruft mehr als dass er redet, mit voller, trainierter Stimme. Er spricht so schnell wie in einem Gespräch und ist damit weit entfernt von dem Oberlehrerton deutscher Politiker, die jedes Wort mit Blei beschweren. Keine rhetorischen Mätzchen, keine Zitate, nur wichtige Begriffe werden wiederholt, und die Satzanfänge sind oft gleich. Das ist einfacher zu sprechen und prägt sich besser ein. Viele kurze Sätze, immer wieder Pausen, und er spricht nie in den Applaus. Am Anfang ein Witz, dass er nicht so aussieht, wie die Präsidenten, die vor ihm hier gesprochen haben, dann noch ein kleiner Ausrutscher, als ihn die jubelnde Menge einen Moment irritiert. Anschließend wird bis zum Ende nicht mehr gelächelt. Schließlich geht es um wichtige Dinge, es geht um die Welt.

Das Publikum wird gelobt, also zunächst die Berliner. Ein geschickter Schachzug. Wenn jemand was Nettes über mich sagt, dann bin ich offener. Außerdem zeigt er, dass er sich auskennt. Die Flugzeuge sind nicht in Berlin gelandet, sondern in Tempelhof, er weiß, dass sich die Siegessäule im Bezirk Tiergarten befindet, und von all den Terroristen dieser Welt erwähnt er auch die in Hamburg. Die Botschaft ist klar: Ich weiß, was hier in Deutschland los ist. Das wirkt beeindruckend. Außerdem kommen noch viele Orte dieser Welt vor, von Belfast bis Birma, die er mit einer Leichtigkeit einbaut, dass es wirkt, als wäre er da überall gewesen.

Er vermarktet sich selbst

Vieles, was er sagt, ist allgemein und beliebig. Es geht um Liebe, Vertrauen, Freundschaft, und "den Traum der Freiheit". Es geht um die "Flamme der Hoffnung in den dunkelsten Stunden" und dass "der Weg lang wird". Aber er vermarktet ja auch nicht in erster Linie seine Politik, sondern sich selbst. Wenn die Menschen ihn mal mögen, kann er sich viel mehr erlauben. Den ersten Schwenk nach rechts in seinen Ansichten hat er bereits hinter sich, ohne dass es seine Anhänger groß beeindruckt hätte. Die Taktik funktioniert gut. Wenn die Wähler von ihm mal begeistert sind, dann wollen sie das am liebsten bleiben - um fast jeden Preis.

Zum Schluss noch die Einschränkung, dass Amerika ja auch nicht alles richtig gemacht habe. Auch das ist sehr geschickt. Besserwisser mögen wir nicht. Menschen, die authentisch sind und Fehler zugeben, wirken sympathischer. Gegen Ende wird er zunehmend schneller, die Worte werden schneidender, die Bewegungen werden unmerklich größer, und dabei geschieht das immer völlig ohne Anstrengung. In feinen Dosen kommt er in Schwung, bis alles in der Bitte endet, die Welt gemeinsam neu zu gestalten.

Alles ist überlegt und inszeniert

Alles an ihm ist überlegt und inszeniert. Sein Lächeln kann er nach Belieben an- und ausknipsen, Frau Merkel fasst er bei der Begrüßung freundschaftlich an den Oberarm, Außenminister Steinmeier bekommt an dieselbe Stelle einen Klapps. Das wirkt locker und souverän.

Beim deutschen Fernsehen läuft nicht alles so glatt. Die außenpolitische Sprecherin von Obama hat in der ARD während des Interviews einen Pfeifton im Ohr, im ZDF klärt Klaus-Peter Siegloch aus Washington während eines laufenden Interviews im Hintergrund für alle hörbar seine Tonprobleme. Ulrich Deppendorf spricht von einer "Rede zur deutsch-afrikanischen Freundschaft" und Claus Kleber von "Menschen, die er so jung noch nie gesehen hat". Was die Medienpräsenz angeht, können wir Deutschen von den Amerikanern also noch eine Menge lernen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker