HOME

Anschlag auf UN in Kabul: Deshalb könnte Karsai profitieren

Weshalb haben die Taliban jetzt zugeschlagen? Und wie kommt es, dass sie offenbar eine deutsche Waffe verwendet haben? stern-Reporter Christoph Reuter berichtet über die Lage in Kabul, und erklärt, weshalb der blutige Anschlag Präsident Karsai helfen könnte.

Kurz vor sechs waren die ersten Schüsse in unserer Nachbarschaft zu hören, in der Ferne stieg eine Rauchsäule auf, Hubschrauber stießen im Tiefflug über die Stadt. Über Stunden war immer wieder Gewehrfeuer zu hören, gegen halb neun eine gewaltige Detonation, zehn Minuten später eine zweite. Und das war nur, was man selbst hören konnte von unserem Haus aus im Nordwesten der Innenstadt.

Über Anrufe und Textmitteilungen von Freunden und Kollegen setzte sich das Bild zusammen vom fatalsten Angriff auf Kabul seit Anfang Februar: Erst überfielen im Morgengrauen mindestens sieben Angreifer, darunter Selbstmordattentäter, das Bekhtar Guesthouse, ein von der UN angemietetes Gästehause im Viertel Schahr-e Now, töteten sechs ausländische UN-Mitarbeiter und setzten das Gebäude in Brand.

Dann griffen Selbstmordattentäter offenbar das "Kabul City Center" an, ein Einkaufszentrum im selben Viertel, dessen Cafeteria im Kellergeschoss ein beliebter Treffpunkt ist. Kurz vor neun schlugen mindestens zwei Raketen knapp vor dem Serena-Hotel ein, Kabuls einzigem Fünf-Sterne-Hotel. Sofort evakuierte die Leitung Personal und Gäste in den Kellerbunker, so dass eine weitere Rakete, die nach Angaben von Polizisten in der Lobby einschlug, nur Sachschaden anrichtete, aber niemanden tötete. Außerdem gab es eine Schießerei in Wazir Akbar Khan, Kabuls Botschaftsviertel, sowie weitere Raketenangriffe.

Ein Deutscher, der in der Nähe wohnt, wurde Zeuge des Angriffs aus UN-Gästehaus: "Um 5.30 Uhr wurden wir von Schüssen geweckt, als die Angreifer von hinten über eines der Nachbargrundstücke, wo sie einen der Bewohner erschossen, ins Gästehaus eindrangen." Gegen kurz vor sechs seien die ersten Einsatzwagen der Polizei angekommen, woraufhin ein heftiger, lang anhaltender Schusswechsel begann. Die Angreifer hatten mindestens ein Gewehr G 36 c dabei, eine hochmoderne deutsche Waffe, die von Spezialkräften benutzt wird - aber nicht von afghanischen Polizisten.

Auf Videoaufnahmen vom Sturm aufs Gebäude ist zu sehen, wie ein afghanischer Polizist die Waffe aus dem Gästehaus trägt und verwundert durch die Zieloptik schaut. Wie die Taliban in den Besitz des Gewehrs gekommen sind, ist ungeklärt, allerdings ist vor Wochen ein ganzer Container mit deutschen Waffen für die Bundeswehr im pakistanischen Stammesgebiet nahe Peshawar entführt worden.

Unter den Überlebenden des Anschlags ist auch Duston R., ein amerikanischer Mitarbeiter der deutschen "Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit", (GTZ), der in Kabul die Microfinance Bank berät, eine Bank, die Kleinkredite vergibt. Duston R., der schon im Irak während des Krieges tätig war, verbarrikadierte sich in seinem Zimmer, entkam unverletzt aus dem Haus, wurde ins Serena-Hotel gebracht - wo er gleich wieder in den Bunker fliehen musste, als das Hotel mit Raketen angegriffen wurde. Gegen Mittag wurde er dann nach Mazar-i Sharif ausgeflogen.

Die Stadt wirkt wie gelähmt

Den ganzen Vormittag über wirkte die Stadt wie gelähmt, außer Polizei und Militär waren kaum Autos auf den Straßen, die Büros von internationalen Institutionen blieben geschlossen, zwischendurch hieß es auch, der Flughafen sei geschlossen worden, was aber nicht der Fall war. Erst seit Mittag hat sich die Lage in der Stadt wieder halbwegs beruhigt.

Was genau im UN-Gästehaus geschah, das als erstes überfallen wurde, ist weiterhin unklar. Polizei und UN meldeten unterschiedliche Zahlen getöteter Angreifer und afghanischer Sicherheitskräfte, unter den neun verletzten UN-Mitarbeitern soll sich auch ein Deutscher befinden. Das Auswärtige Amt in Berlin gab jedoch an, dass nach seinen Erkenntnissen keine Deutschen verletzt oder getötet wurden. Ob die Attentäter weiterhin Geiseln in ihrer Gewalt haben, ist unklar, das Gelände ist abgeriegelt.

Ein Taliban-Sprecher übernahm die Verantwortung für den Anschlag: Die Ausländer von der UN hätten bei den Vorbereitungen für den zweiten Wahlgang am 7. November geholfen. Und sie, die Taliban, hätten ja seit langem alle Afghanen und Ausländer davor gewarnt, sich an den Wahlen zu beteiligen oder sie zu unterstützen.

Doch vieles bleibt sehr seltsam an dieser Anschlagserie: Die Gästehäuser der UN gehören zu den eher gut gesicherten internationalen Liegenschaften, rund um die Uhr von eigenem Personal und afghanischer Polizei bewacht, angeschlossen an ein Überwachungssystem, das sofort Verstärkung entsenden kann. Wäre es lediglich darum gegangen, ausländische Zivilisten anzugreifen, hätte es weit leichter erreichbare Ziele gegeben. Auch gelten die betroffenen Stadtviertel Shahr-e Now und Wazir Akbar Khan als zwei der sichersten Stadtviertel Kabuls. Nachts stehen hier an jeder Kreuzung schwer bewaffnete Polizeiposten.

Ebenfalls seltsam ist der Zeitpunkt. Zwar haben die Taliban seit Monaten gedroht, Wähler und Wahlinstitutionen anzugreifen. Aber weder während der Registrierungsphase noch während der Wahlen am 20. August haben sie Wahllokale oder Büros der Wahlkommission angegriffen. Auch UN-Institutionen hatten sie bislang weitgehend verschont und auch keine besondere Feindseligkeit geäußert. Hätten die Taliban die Wahlvorbereitungen sabotieren wollen, wäre die Zentrale der "Unabhängigen Wahlkommission" eher ein Ziel gewesen. Denn die UN haben in den vergangenen Wochen vor allem eines getan: Sie haben dafür gesorgt, dass die monströsen Fälschungen des ersten Wahlgangs aufgedeckt wurden, wodurch der Stimmenanteil von Präsident Hamid Karzai unter 50 Prozent fiel - und dieser, auch durch massiven Druck der USA, zu einem zweiten Wahlgang gedrängt wurde.

Dieser zweite Wahlgang soll am 7. November stattfinden. Es wäre die wichtigste Aufgabe der UN gewesen sicherzustellen, dass Karzais Regierungsappart nicht abermals im großen Stil fälschen lässt. Nun aber muss die UN ihr Personal in verschiedenen Bunkern einquartieren. Sie erwägt zudem, den Großteil ihres Personals abzuziehen. Damit würden auch die Wahlen sich selbst und der Manipulation überlassen werden.

Präsident Karzai hat sich über die Anschläge empört geäußert - dennoch nützen sie vor allem ihm.

Themen in diesem Artikel