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Ausweispflicht: Briten befürchten "Big-Brother-Staat"

Eine Ausweispflicht verbinden die Briten mit Krieg. Margaret Thatcher hielt Ausweise ohnehin für eine "germanische Idee". Kein Wunder, dass die von der Regierung Blair geplante Einführung von Ausweisen so umstritten ist.

Ein Fernsehkommissar, der gebieterisch sagt: "Zeigen Sie mal Ihren Ausweis", ist in Großbritannien unvorstellbar. Es gibt dort weder Ausweis- noch Meldepflicht. Wenn ein Beamter einen Nachweis dafür haben will, wo jemand wohnt, kann er höchstens sagen: "Ihre Wasserrechnung, bitte." Dann reicht man ihm irgendeinen zerknitterten Zettel rüber, und er ist zufrieden. Kein Wunder, dass die von der Regierung Blair geplante Einführung von Personalausweisen so umstritten ist. Das Unterhaus stimmte jetzt mit 314 zu 283 Stimmen der zweiten Lesung des entsprechenden Gesetzes zu. Ob das Gesetz aber auch durchkommt, bleibt fraglich. Innenminister Charles Clarke sagte, dass es zunächst keine Ausweispflicht gebe.

Clarke wehrte sich in der Parlamentsdebatte gegen den Vorwurf, er wolle einen "Big-Brother-Staat" einrichten. Alle Daten würden streng geschützt, sagte er. Ein konservativer Abgeordneter warf der Labour-Regierung dagegen vor, sie strebe die "Überwachung von der Wiege bis zur Bahre" an.

Verwirrte Einwanderer

Deutsche, die sich in Großbritannien niederlassen, sind zunächst oft verwirrt darüber, dass sie nirgendwo erfasst werden. "Ich hatte anfangs solche Angst, mich strafbar zu machen, dass ich überall anrief", berichtet die aus Essen stammende Barbara Hillebrand (32). "Aber niemand schien zu begreifen, was ich meinte. Schließlich habe ich bei der nächsten Polizeiwache nachgefragt, und da sagte man mir: 'Wir brauchen Ihre Daten wirklich nicht. Sie leben jetzt in einem freien Land.'" Margaret Thatcher hielt Ausweise für eine "germanische Idee". Dazu gehört auch, dass niemand seinen Namen neben die Türklingel schreibt - das wäre ja noch schöner, wenn jeder Fremde gleich sehen könnte, wer wo wohnt. Stattdessen hat jede Wohnung eine eigene Nummer, zum Beispiel 44A.

Die tief verwurzelte Abneigung gegen Ausweise und Melderegister erklärt sich aus der langen freiheitlichen Tradition Englands. Schon die Magna Charta von 1215 sicherte jedem Untertan des Königs Reisefreiheit zu. Bis 1829 gab es im ganzen Land keine Polizei - das war etwas für kontinentale Unterdrückerstaaten. Noch heute hat ein englischer Bobby ein anderes, zivileres Selbstverständnis als zum Beispiel ein deutscher Polizist. Während der großen Protestkundgebungen gegen den Irakkrieg etwa sperrte Scotland Yard in London zwar die Prachtstraße Whitehall mit der Downing Street ab, ließ aber jeden passieren, der kein Demonstrant war. Touristen oder Pendler mussten nur an den Polizeikordon herantreten und ihr Anliegen vortragen - schon hieß es: "Aber natürlich, Sir, bitte sehr."

Eine Ausweispflicht verbinden die Briten mit Krieg. 1940 waren Kennkarten eingeführt worden, um deutsche Spione leichter enttarnen zu können. Nach dem Krieg ließ die Regierung die Regelung zunächst stillschweigend bestehen, bis sich 1952 ein einzelner Bürger mit Erfolg gegen das unerhörte Ansinnen der Polizei durchsetzte, zu Friedenszeiten seine "Identity Card" einzusehen: Das höchste Gericht des Landes schaffte die Ausweispflicht prompt wieder ab.

Hauptargumente Terrorgefahr und Asylmissbrauch

Tony Blair versucht die Bevölkerung schon seit Jahren davon zu überzeugen, dass ein moderner Staat nicht mehr ohne Personalausweis auskommt. Die Terrorgefahr und der Asylmissbrauch sind zwei Hauptargumente. Viele Briten sind aber nach wie vor davon überzeugt: Der beste Ausweis ist das Wort eines Gentlemans.

AP/DPA / AP / DPA