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Belgrad: Mutmaßlicher Anführer der Djindjic-Mörder stellt sich

Mehr als ein Jahr nach dem Mord am serbischen Premier Zoran Djindjic hat sich der mutmaßliche Drahtzieher der Tat gestellt. Die Verhaftung des 39-Jährigen, der wegen seines Dienstes in der Fremdenlegion "Legija" genannt wird, wirft neue Fragen auf.

Über niemanden sonst gibt es in Serbien so viele Legenden, mysteriöse Erzählungen sowie wahre und erfundene Geschichten. Für die einen ist Milorad Lukovic, der wegen seines Dienstes in der französischen Fremdenlegion "Legionär" genannt wird, ein Patriot, der in den Bürgerkriegen der 90er Jahre der großserbischen Sache gedient hat. Für die anderen ist er schlicht ein brutaler Großkrimineller. Obwohl die Öffentlichkeit nach einem Jahr endlich Klarheit über die Hintergründe des Mordes an Ministerpräsident Zoran Djindjic erwartet, dessen Drahtzieher Lukovic sein soll, hat die Verhaftung des 39-Jährigen viele neue Fragen aufgeworfen.

Die Frage aller Fragen

Warum stellte sich der Mann zu diesem Zeitpunkt freiwillig? Was wurde ihm von Polizei und Staatsanwaltschaft versprochen, die angeblich mit dem Untergetauchten seit Wochen verhandelt hatten? Wer half dem Mann über 14 Monate, sich dem Zugriff der Strafverfolger zu entziehen? Und dann die Frage aller Fragen: Wird der frühere Elitepolizist die in höchsten Politzirkeln vermuteten Hintermänner des Djindjic-Mordes mit Namen benennen oder sie für immer im Dunkeln lassen?

Lukovic leitete in den 90er Jahren die so genannten Roten Barette, die sich während der Kriege in Kroatien, Bosnien und im Kosovo schwerer Gräueltaten gegen die nicht-serbische Bevölkerung schuldig gemacht haben sollen.

Die Miliz unterstützte in den 90er Jahren den Kurs des serbischen und später jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic, der sich inzwischen vor dem Haager Kriegsverbrechertribunal verantworten muss. Nach den Balkankriegen befehligte Lukovic von 1999 an eine Sondereinheit der Polizei zur Terrorbekämpfung. Der westlich orientierte Ministerpräsident Djindjic entließ ihn jedoch zwei Jahre später. Lukovic wird auch verdächtigt, 1999 einen Mordanschlag auf den damaligen Oppositionsführer und heutigen Außenminister Vuk Draskovic geplant zu haben.

Mehr Nebelkerzen als Aufklärung

Der seit Dezember vor einem Sondergericht in Belgrad laufende Mordprozess hat mehr Nebelkerzen gezündet als zur Aufklärung des Attentats beigetragen. Selbst der Djindjic-Nachfolger Vojislav Kostunica hat beklagt, dass sich der Prozess immer weiter von der Wahrheit entferne. "Wichtige Beweise sind vernichtet worden", und "es wäre besser, wenn einige Leute, die nicht mehr leben, noch lebten und als Zeugen auftreten könnten", formulierte er geheimnisvoll.

In der Tat waren die beiden Gangsterbosse Dusan Spasojevic ("Zigeuner") und Mile Lukovic ("Der Pate"), die gemeinsam mit dem "Legionär" die Fäden beim Djindjic-Mord gezogen haben sollen, auf äußerst zweifelhafte Weise von der Polizei getötet worden, analysierten die heimischen Medien. Erst im März war ein wichtiger Augenzeuge offenbar von einem Berufskiller ermordet worden, doch die Polizei sprach lange lediglich von einer "Schutzgelderpressung".

Prostitution, Autoschmuggel, Waffen- und Drogenhandel

Die Kommandozentrale des von den drei Männern gelenkten Mafia-Clans im Vorort Zemun, in der die Prostitution und Autoschmuggel sowie der Waffen- und Drogenhandel geblüht haben sollen, wurde überfallartig abgerissen, und keiner weiß so recht, wer das angeordnet hat. Angeblich soll sich der Geheimdienst zuvor umfangreiche Video- und Tonbänder aus den Bespitzelungsanlagen gesichert haben und damit genau wissen, wer von den früheren Spitzenpolitikern mit den Ganoven welche Geschäfte gemacht hat.

Für die Präsidentin des Belgrader Juristen-Menschenrechtskomitees, Biljana Kovacevic, war die Aufgabe Lukovics "nicht zufällig". Es laufe "eine Medienkampagne Mit dem Ziel, die Rolle von Tätern und Opfern zu vermischen", kritisierte sie am Montag. Und Djindjic’ früherer Stellvertreter Zarko Korac prophezeit einen regelrechten "politischen Krieg" um die Person des einstigen Polizeiführers. Der werde "sagen, dass er mit Djindjic Drogen gedealt habe, selbst aber unschuldig sei".

"Verkehrung der Tatsachen"

Einige Juristen kritisierten Politiker der Kostunica-Regierung, die den "Legionär" als "großserbischen Patrioten" reinwaschen wollten. Auf der anderen Seite solle gezeigt werden, dass Djindjic in schmutzige Mafia-Geschäfte verwickelt gewesen sei und seine Ermordung daher einer gewissen Logik folgte. Diese "Verkehrung der Tatsachen" wird als "die zweite Ermordung von Djindjic" bezeichnet.

Lukovics Anwalt, Slobodan Milivojevic, sagte, die Entscheidung seines Mandanten sei nicht Teil einer Abmachung. "Die Wahrheit wird herauskommen, dass Legija wirklich nichts mit dem Mord zu tun hatte", sagte Milivojevic im Belgrader Fernsehsender BK.

Thomas Brey/DPA / DPA