HOME

Da Silva rundum zufrieden: Brasilien wählt erstmals eine Frau zur Präsidentin

Brasilien hat erstmals eine Frau zum Staatsoberhaupt gewählt: Dilma Rousseff tritt die Nachfolge von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva an, der damit mehe als zufrieden ist. Zudem verabschiedet er sich mit Rekordsympathiewerten aus seinem Amt.

Präsident Luiz Inácio Lula da Silva wurde in Brasilien oft dafür belächelt, dass er seine Ausführungen unzählige Male mit den geflügelten Worten begann: "Niemals zuvor in der Geschichte dieses Landes ..." Am Sonntag konnte er dies mit Fug und Recht sagen, denn "niemals zuvor in der Geschichte dieses Landes" wurde Brasilien von einer Präsidentin regiert, und niemals zuvor war seine Arbeiterpartei (PT) so lange an der Regierung.

Dilma Rousseff heißt die Nachfolgerin Lulas, die dessen Erbe pflegen und sich mit ihrem Ziehvater auch künftig eng abstimmen will. "Es gibt niemanden in diesem Land, der mich von Präsident Lula trennen wird", sagte sie vor der Wahl und nach der Wahl: "Ich werde oft an seine Tür klopfen, und ich bin sicher, dass ich sie immer offen finden werde." Sie hat im viel zu verdanken. Am Anfang der Wahlkampagne war Lulas Ex-Kabinettschefin gerade mal jedem zehnten Brasilianer bekannt. Ohne Lulas massive Unterstützung wäre sie wohl kaum neue Hausherrin im "Palácio do Planalto", dem Präsidentenpalast in Brasília, geworden.

"Präsident Lula hat sein Ziel erreicht und den dritten Sieg in Folge bei Präsidentschaftswahlen errungen", schreibt die Lula-kritische Zeitung "Estado de São Paulo" am Tag nach der Wahl unter dem Großtitel "Der Sieg Lulas". Der 65-Jährige hatte zwar sehr früh auf die Verlockungen einer Verfassungsänderung für ein drittes Mandat verzichtet, und das ist beileibe nicht selbstverständlich in Südamerika. Doch die Wahl "Dilmas", wie die Tochter eines bulgarischen Einwanderers in Brasilien knapp genannt wird, ist für viele die Fortsetzung der Ära Lula nur mit anderem Namen. Eben doch fast ein drittes Mandat.

Doch Dilma haftet der Ruf der trockenen Technokratin an. Ihr geht das Charisma des früheren Gewerkschaftsführers Lula nahezu gänzlich ab. Lula ließ aber nie einen Zweifel daran, dass Dilma seine absolute Top-Favoritin ist, und dass sie das boomende Brasilien zur Weltspitze führen soll. 2020 will das Land zu den Top-Fünf der Weltwirtschaft gehören. Rousseffs Anhänger bewundern ihre Effizienz und Durchsetzungsstärke. Kritiker fürchten ihren mitunter ruppigen Ton und ihr burschikoses Auftreten. Politischer Gegner warnen vor einem Abdriften Brasiliens nach Links.

"Alles Humbug", beschied Lula. Er sei 2003 als "Kapitalistenfresser" gefürchtet worden und habe dann im vergangenen September mit dem staatlichen Ölkonzern Petrobras die größte Börsenkapitalerhöhung aller Zeiten durchgezogen. Lulas Talent bestand in der Zusammenführung verschiedenster politischer Interessen. Auch Rousseff versprach, dass sie eine Regierung für alle Brasilianer und Brasilianerinnen bilden werde. "Das ist vielleicht die wichtigste Mission meines Lebens", sagte sie mit Blick auf die kommenden Jahre.

2014 steht die nächste Präsidentschaftswahl an. Die Frage, ob Lula in diesem Jahr der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien erneut Anlauf nimmt auf eine Kandidatur, wird in Brasilien mit Leidenschaft diskutiert. Er selbst weist das weit von sich. "Ich weiß doch noch nicht einmal, ob ich bis dahin noch am Leben bin", sagte der Ex-Gewerkschafter. Für ihn beginnt am 1. Januar 2011 zunächst ein Leben als "Elder Statesman", und er habe vorerst nur ein Projekt: "Ich will ausspannen." Sollte er 2014 doch ein Comeback planen, könnte er dies unter anderem mit den Worten begründen: "Niemals zuvor in der Geschichte dieses Landes..."

Helmut Reuter, DPA / DPA