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Einmal Shanghai, bitte!: Blätter gucken

Die Stadt Shanghai bietet alles, was das Herz begehrt - außer Parks, die den Namen verdienen. Wer im Grünen entspannen will, muss Kreativität entwickeln.

Von Tilman Wörtz

Mein sechs Monate alter Sohn Ollin ist gerade in einer Phase, in der er gerne "Blätter guckt". Besonders wenn sich Sonnenstrahlen im Geäst brechen und Lichtreflexe zaubern. Fahre ich Ollin in einem schönen Park spazieren, kann er minutenlang schweigen. Und das tut er sonst nicht oft. Wo aber in Shanghai einen geeigneten Park finden?

Die Stadt hat wahrscheinlich alles, was man sich auf Erden wünschen kann: Biotec Labors und Karaoke-Bars, Fußmasseure und Kungfu-Meister, DVD-Player zu Schleuderpreisen und Spezialitäten-Restaurants der Extra-Klasse, Wolkenkratzer, Villen und Gartenhäuser. Aber mit einem ruhigen Fleckchen Grün sieht's ganz schlecht aus.

Meine Vermieterin hatte mir gesagt: "Zum nächsten Park sind's nur drei Minuten." Mit Park meinte sie fünf Bäume und zwei Bänke, die im toten Winkel der Kreuzung Huai Hai Lu und Fuxing Lu stehen. Konkret stehen als Parks für mich zur Auswahl: Der Xiang Yang-Park, wo fliegende Händler am Ohr eines jeden Passanten kauen, bis es blutet, und der "Platz des Volkes". Dort befinden sich auch ein zentraler Busbahnhof, diverse Imbissbuden und ein Hain Palmen, die nachts gallgrün angestrahlt werden. Wie in jedem chinesischen Park passieren dort viele interessante Dinge: Kleine Kinder malen mit Wasser Schriftzeichen auf den Boden, die nach wenigen Sekunden wieder verschwinden, alte Menschen boxen gegen Schatten und hin und wieder läuft jemand rückwärts an mir vorbei. Chinesen lieben Gymnastik. Und sie lieben kleine Kinder, vor allem wenn sie blaue Augen haben. Sie bremsen Ollins Kinderwagen aus, um ihn anzuschauen oder - noch schlimmer - ihn herauszuzerren und zu knuddeln, bis er weint. Das strengt an. "Blätter gucken" kann er dann nicht mehr.

Zum Glück habe ich einen Freund, der in einem der schicken Wohnpavillons im Park des Radisson-Hotels lebt. Ein kleines Schweden mitten in Shanghai. "Nicht zum Haus gehörende Westler", hat er mir verraten, "können hier spazieren gehen, ohne dass die Wache Verdacht schöpft." Das hat mich auf eine Idee gebracht: Ich hab' mich in meinem Viertel nach einem Ersatz-Radisson umgeschaut.

Schräg gegenüber

residiert die amerikanische Botschaft in einem prächtigen Anwesen. Allerdings ist sie zu gut abgesichert. Da kommen Ollin und ich nicht rein. Auch an einem privaten Villengrundstück hat uns der Pförtner abgefangen, am Konservatorium für Musik kamen wir durch. Dort gibt es etwas Grün, aber nur als Rasen, nicht als Baum und Blatt. Etwas weiter im "Shanghai Research Institute for Arts and Crafts" hatten wir endlich Glück. Gleich hinter dem Gebäude erstreckt sich ein kleiner See, dessen Ufer einige Bambusbäume säumen. Ein Weg aus Kieselsteinen schlängelt sich durch das Wäldchen und mein Sohn schaut jedes Mal gebannt in die Blätterpracht. Allerdings gerät der Weg nach fünfzig Metern in eine Sackgasse und man muss umkehren. Für einen ausgedehnten Spaziergang ergibt das ziemlich viele Kehrtwenden. Aber ich will nicht meckern. In Shanghai zieht gerade die Zukunft ein, da hat es nicht viel Platz für Parks.

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