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Einmal Shanghai, bitte!: Der Drache unter der Kreuzung

Shanghaier Taxifahrer haben so manche Geschichte in petto, in der sie Mythologie mit Moderne vermischen. So auch bei der urbanen Legende vom Mönch Zhen Chan.

Von Tilman Wörtz

Es war einmal ein Ingenieur, der sollte eine Kreuzung bauen. Keine normale Kreuzung, sondern einen imposanten Verkehrsknoten, an dem sich Hochstraßen aus allen Himmelsrichtungen auf fünf Ebenen schnitten. Schon beim Bohren der Löcher für die Stützen gab´s Probleme: der Bohrer des Ingenieurs wollte einfach nicht tief genug ins Erdreich eindringen. Das ärgerte die Baufirma sehr. "Wo gibt´s denn so was", sagte sie, "eine Kreuzung, die nicht stehen will, und das in der potentesten Boomtown des Planeten?" Wo Ingenieurskunst versagt, da hilft der Glaube. Also beauftragte die Firma einen buddhistischen Mönch, der die Stelle untersuchen sollte.

Nach ein paar Gebeten und Räucherstäbchen-Schwenks seufzte der Mönch: "Leute, wie soll das hier auch klappen! Genau an dieser Stelle wohnt ein Drache und ihr bohrt ihm auf den Rücken." Der Mönch wusste Abhilfe: "Um zwölf Uhr mittags gähnt der Drache und öffnet sein Maul. Dann ist er verletztlich." Gesagt, getan, Blut quoll aus dem Bohrloch.

Seit diesem Herbst 1995 ging der Bau der Yan´an-Hochstraße problemlos voran, die besagte Schnittstelle mit der Chengdu-Straße südwestlich des Volksplatzes gilt heute als Symbol urbaner Architektur in Shanghai.

Taxifahrer erzählen gern diese Geschichte, das Ende jeder ein bisschen anders: Der Mönch musste kurz nach dem Drachen sterben, weil er ein Geheimnis des Himmels verraten hatte. Manche sagen, der Mönch starb am gleichen Tag, andere, erst drei Monate später. Drachen sind eigentlich gute Wesen in China. Der Fortschritt ist aber besser. Die Shanghaier verehren deshalb den Mönch, denn ohne ihn gäb´s noch viel mehr Staus. Die Moral von der Geschicht: Stell´ Dich gegen den Fortschritt nicht! Das müssen auch Drachen lernen.

Gab es

den Mönch tatsächlich? Die meisten Quellen behaupten, es sei Abt Zhen Chan des Jade-Buddha-Tempels gewesen. In der Ahnengalerie des Tempels hängt sein Foto. Er ist am ersten Dezember 1995 verstorben, wenige Monate nach Baubeginn der Yan´an-Hochstraße. "Natürlich hat die Baufirma Zhen Chan um Segnung der Kreuzung gebeten", sagt Mönch Hui Jing, einer seiner Schüler. Abt Zhen Chan half oft auf Baustellen aus.

Allerdings glaubte Zhen Chan nicht an Drachen. Er lehrte seine Schüler, hinter die "Erscheinung der Dinge" zu blicken. Und die Erscheinung eines chinesischen Drachens ist simpel: Er hat den Körper einer Schlange, Fischschuppen, Hühnerkrallen, Kuhaugen und ein Pferdegesicht. Die chinesische Phantasie hat daraus ein kraftvolles, Glück verheißendes Wesen geschaffen.

Abt Zhen Chan

galt als mitreißender Prediger. Jeden Samstag lauschten Hunderte von Besuchern in der Versammlungshalle des Jade-Buddha-Tempels seinen Worten. Noch in seiner Amtszeit wurde der Ausbau der Halle auf tausend Plätze geplant. Nach Zhen Chans Tod machte seine Fangemeinde ihn selbst zur Erscheinung und sagte ihm viele Wunder nach. Zum Beispiel den Entwurf für das berühmte Archäologische Museum, dessen magische Struktur der Architekt nicht entworfen, sondern nur abgekupfert haben konnte: Ein kreisförmiger Überbau, Symbol des Himmels, ruht in Harmonie auf einem rechteckigen Fundament, der Erde.

Woran aber ist der Abt so überraschend gestorben? War es vielleicht doch die Rache des Himmels? Weil der Abt so viele seiner Geheimnisse verraten hat? Da muss Mönch Hui Jing lächeln: "Der Arzt diagnostizierte Diabetis."

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