HOME

G20-Gipfel in London: Yes, they can!

Unter höchstem Druck ist es gelungen: Die Politik hat die jahrelange Vorherrschaft der Finanzwelt beendet. Wer nicht übertrieben hohe Erwartungen an den G20-Gipfel hatte, darf zufrieden sein. Dennoch: Menschen, die bei Opel arbeiten, oder denen Lehman-Zertifikate aufgeschwatzt wurden, hilft alles Gipfeln nicht.

Ein Kommentar von Frank Donovitz

Das war er also, "der Gipfel". Der, von dem unsere Politiker seit Wochen geredet haben, wenn sie nach der Bekämpfung der Finanz- und Wirtschaftskrise gefragt wurden. Jenes Treffen von 20 Staatenoberen, deren Völker zusammen rund 85 Prozent der Weltwirtschaftsleistung erbringen. Was hat es gebracht? Für Menschen wie uns? Die Antwort hängt stark von unserer Erwartung ab.

Wer - ernsthaft? - gehofft hat, die Politik würde den Finanz-Kapitalismus abschaffen, seine Hassadeure in Banken, Fonds und sogar in manchen Versicherungen verjagen, oder auch nur den Verkauf obskurer "Investment-Ideen" verbieten, wird enttäuscht sein.

Wer aber - ernsthaft! - erwartet hat, dass die Politik das mehr als 20 Jahre andauernde Rühr-mich-nicht-an-Diktat der Finanzwelt beendet, darf zufrieden sein. Denn es besteht jetzt immerhin die Chance, dass es den "Rechenkünstlern" künftig nicht mehr so leicht gelingt, den globalen Geld- und Kreditmarkt eigenhändig zu zerstören. Wenigstens nicht jenen Markt, der wie kein anderer notwendig ist, damit sich überhaupt irgendetwas wirtschaftlich regt.

Wohl gemerkt: Es besteht eine Chance. In Zukunft. Bei aller gebotenen Kandare ist es in London auch gelungen, nicht über das Ziel hinauszuschießen. Die beiden wichtigsten Voraussetzungen für Wohlstandszuwachs auch und gerade in den ärmeren Teilen der Welt, nämlich Welthandel und weltweite Kapitalverteilung, bleiben bestehen - mit neuen Regeln und Risiken. Und mit neuen Mächten: Chinesen und Arabern.

Die Politik hat getan, was sie tun musste. Allen voran US-Präsident Barack Obama. Er hat zugestanden, dass es ganz wesentlich jener gut 20 Jahre währende "American Way" des Wirtschaftens war, der die Welt in den wirtschaftlichen Abgrund gerissen hat. Jetzt können wir von den 20 Mächtigen der Welt sagen: Yes, they can. Wenn sie denn nur wollen. Oder eben müssen.

Und wir?

Menschen, die bei Opel arbeiten, denen Schrottimmobilien angedreht oder Lehman-Zertifikate aufgeschwatzt wurden, hilft alles Gipfeln nicht. Die aktuelle Krise ist nicht gebannt, geschweige denn überwunden. Und die Quittung für die Londoner Beschlüsse, genauer für deren Vorgeschichte, ist auch noch lange nicht bezahlt. Auf der Rechnung des großen Geldausgebens, sprich öffentlichen Verschuldens, stehen entweder steigende Preise oder steigende Steuern. Im schlechtesten Fall sogar beides. Politik und Zentralbanker sind schon in einigen Monaten erneut am Zug.

An uns ist es derweil, zum Beispiel als Aufsichts- und Betriebsräte, schlechte Manager vom Hof zu jagen - ohne Lohnausgleich, ohne Abfindung, ohne Bonus, oder wie man sonst risikoloses Abkassieren nennen mag. Genauso ist es an uns, in Sachen Gier nicht die eigene Nase zu vergessen. Zum Beispiel wenn man uns "Steueroptimierung" anbietet, oder - via Internet - das Zehntel mehr Zins von einer Bank mit Sitz auf Island. Es liegt an uns, all jene "Anlageberater", die von ihren Konzern-Bossen zu dummdreisten Lehman & Co-Verkäufern degeneriert wurden, zu entlarven. Freundlich, aber bestimmt. Yes, we can. Wenn wir nur wollen. Dazu brauchen wir die Politik nicht. Noch nicht mal Barack Obama.

Themen in diesem Artikel