Gaza-Abzug Aufruhr in Widerstandshochburg


Am zweiten Tag der Zwangsräumung jüdischer Siedlungen ist die israelische Armee in die Stadt Kfar Darom eingerückt. Dort verschanzten sich Abzugsgegner in einer Religionsschule, andere steckten einen Benzintank in Brand.

Am zweiten Tag der Zwangsräumung jüdischer Siedlungen im Gaza-Streifen sind die israelischen Truppen in die Widerstandshochburg Kfar Darom vorgedrungen. Die Stadt wurde 1970, drei Jahre nach der Besetzung des Gazastreifens durch Israel, als eine der ersten Bastionen von religiösen Israelis gegründet. Nur wenige jüdische Siedler haben die Stadt bisher verlassen. Bis zum 4. September sollen alle 21 Siedlungen im Gaza-Streifen und vier der rund 120 im Westjordanland geräumt werden.

In Kfar Darom (deutsch: Dorf des Südens) wurden zahlreiche Demonstranten aus einer besetzten Religionsschule getragen, wie der israelische Rundfunk meldete. Nach Medienberichten jubelten hunderte Demonstranten in der Siedlung einem Grenzpolizisten zu, der den Gehorsam verweigerte.

Die Soldaten rückten aus zwei Richtungen in die Siedlung ein, zunächst ohne auf größeren Widerstand zu stoßen. Lediglich am Hauptzugang zu der Siedlung hatten Abzugs-Gegner den Benzintank eines Traktors in Brand gesetzt, um den Vormarsch der Soldaten zu verhindern. Einige der Soldaten hatten Schlagstöcke in ihren Rucksäcken. Im Laufe des Tages wird mit heftigen Protestaktionen von Siedlern gegen den Abzug gerechnet.

Widerstand auch andernorts

In Newe Dekalim, wo sich zahlreiche Protestler in der örtlichen Synagoge verschanzt haben, wurde in einem symbolischen Akt die Tora-Rolle, die jüdische Glaubensschrift, aus dem Gotteshaus getragen. Aus der größten Siedlung im Gazastreifen wurden bereits 150 Familien herausgebracht. Am Mittwoch hatten Soldaten in Newe Dekalim und anderen Siedlungen damit begonnen, die Siedler zum Teil unter Einsatz von Gewalt zum Verlassen ihrer Häuser zu zwingen.

Die Räumung der jüdischen Siedlungen im Gazastreifen ist am Mittwoch von einem blutigen Anschlag eines israelischen Siedlers überschattet worden. Der 38-jährige Kraftfahrer griff sich eine Schusswaffe von Sicherheitsleuten am Tor einer Siedlung im nördlichen Westjordanland und schoss auf palästinensische Arbeiter. Vier von ihnen wurden nach israelischen Medienberichten tödlich, ein weiterer leicht verletzt.

Scharon verurteilt Attentat im Westjordanland

Der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon verurteilte die Tat als "schwerwiegende Attacke gegen unschuldige Palästinenser". Nach Einschätzung von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas war es Ziel des Attentäters, den Friedensprozess zu stören. An die Palästinenser appellierte er, Ruhe zu bewahren und den Israelis keinen Vorwand zum Abbruch des Abzugs aus dem Gazastreifen zu liefern. Die radikal- islamische Bewegung Hamas drohte mit Vergeltung. Auch der EU- Chefdiplomat Javier Solana und das US-Außenministerium verurteilten die Bluttat des israelischen Siedlers.

Unterdessen evakuierten mehr als 15.000 Polizisten und Soldaten die 21 Siedlungen im Gazastreifen trotz Handgreiflichkeiten und Protesten der Einwohner schneller als erwartet. Zwei Drittel der 1550 registrierten Siedlerfamilien seien abgefahren, sagte ein Armeesprecher. Fünf von sechs Siedlungen, in die am Morgen Polizisten und Soldaten eingerückt waren, seien vollständig geräumt worden.

Die Proteste der Siedler und Demonstranten waren am ersten Tag nach Verstreichen einer 48-stündigen Frist für den Abzug emotional und verzweifelt, ganz überwiegend aber friedlich. Nach Handgemengen wurden gewalttätige Protestierer überwältigt und weggetragen. Eine Soldatin wurde in der Siedlung Morag mit einem Messer verletzt. In Netivot im Süden Israels zündete sich eine Demonstrantin aus Protest gegen den Gaza-Abzug an, wobei sie schwere Verbrennungen erlitt.

Reuters/DPA DPA Reuters

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