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Gazastreifen: Palästinenser rammen Grenzanlagen

Die Lage an der Grenze zwischen Ägypten und dem Gazastreifen eskaliert. Ägyptische Sicherheitskräfte hinderten Palästinenser mit Elektroschockern am Grenzübertritt. Militante rammten daraufhin mit einem Bulldozer eine neue Bresche in die Sperranlage.

Nach tagelangem Massenansturm aus dem Gazastreifen hat Ägypten mit der Schließung der Grenze zu dem Palästinensergebiet begonnen. Die Palästinenser in den ägyptischen Grenzstädten wurden per Lautsprecher aufgerufen, in den Gazastreifen zurückzukehren. Am wichtigsten Übergang in Rafah hinderten ägyptische Sicherheitskräfte Palästinenser mit Elektroschockern am Grenzübertritt und trieben andere in den Gazastreifen zurück. Militante Palästinenser rammten mit einem Bulldozer eine neue Bresche in die Sperranlage. Bei israelischen Luftangriffen auf den Gazastreifen wurden am Morgen vier Kämpfer der radikalislamischen Hamas getötet. Vor dem Übergang Rafah hatten schon am Morgen ägyptische Polizisten Stellung bezogen, die von Palästinensern mit Steinen beworfen wurden. Gepanzerte Fahrzeuge der ägyptischen Sicherheitskräfte trafen nach Augenzeugenberichten mit Stacheldrahtrollen an der Grenze ein, um zahlreiche andere Breschen zu verschließen, die Radikale in der Nacht zum Mittwoch in die Grenzmauer gesprengt hatten. Sicherheitskräfte hinderten auch Lastwagen mit Nachschub für die leergekauften Läden im ägyptischen Grenzgebiet an der Überquerung des Suezkanals, wie ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichtete. Nachdem radikale Palästinenser am frühen Nachmittag die Grenzanlage mit dem Bulldozer durchstießen, drängten sofort Dutzende Bewohner des Gebiets nach Ägypten.

700.000 Palästinenser pendelten nach Ägypten

Erstmals seit der Grenzöffnung kamen mehr Palästinenser in den Gazastreifen zurück als hinaus. Viele hatten kistenweise Lebensmittel und andere Einkäufe sowie volle Benzinkanister dabei. "Ich war nur eine Stunde drüben, weil die Ägypter uns gesagt haben, dass sie die Grenze wieder schließen", sagt die Palästinenserin Um Nidal. Sie hatte in El Arisch ihren Sohn besucht, den sie seit Jahren nicht gesehen hatte. Auch Salim Wakad und seine Frau wollten ihren Sohn in El Arisch sehen und einkaufen. Wakad hält seine Einkaufstüten mit Waschpulver und Kartoffelchips hoch: "Leider haben wir kein Geld, um etwas anderes zu kaufen." Nach UN-Angaben pendelten seit Mittwoch mehr als 700.000 Palästinenser nach Ägypten - fast die Hälfte der Bewohner des Gazastreifens.

Wegen des anhaltenden Raketenbeschusses aus dem Gazastreifen hatte Israel das Gebiet Ende vergangener Woche komplett abgeriegelt. Die Blockade wurde erst am Dienstag nach internationalen Protesten gelockert. Die israelische Regierung hatte schon seit der Machtübernahme der Hamas im Gazastreifen im vergangenen Juni die Bewegungsfreiheit der Palästinenser und den Warenverkehr immer stärker eingeschränkt. US-Außenministerin Condoleezza Rice forderte Ägypten auf, seine Grenze besser zu kontrollieren. Sie verstehe, dass die Ägypter sich in einer schwierigen Lage befänden, sagte Rice bei einem Besuch in Kolumbien: "Aber es handelt sich um eine internationale Grenze, die geschützt werden muss." Unter den Opfern der israelischen Luftangriffe auf den Gazastreifen seien auch der Chef des bewaffneten Hamas-Arms im palästinensischen Teil Rafahs, Mohammed Harb, und einer seiner Stellvertreter, teilten palästinensische Ärzte mit. Wenige Stunden zuvor waren bei einem weiteren Luftangriff ebenfalls zwei Hamas-Kämpfer getötet worden, wie Hamas-Vertreter mitteilten. Eine israelische Armeesprecherin bestätigte die Luftangriffe und betonte, es habe sich um Männer gehandelt, die an "Terroraktionen" beteiligt gewesen seien. Der UN-Sicherheitsrat wollte am Freitag erneut über eine Erklärung zum Ende der Gewalt im Gazastreifen und im Süden Israels beraten. Der Rat hatte seine Dringlichkeitssitzung seit Dienstag wiederholt vertagt, nachdem keine Einigung über einen ersten Entwurf zustandegekommen war. Mit Ausnahme der USA waren alle Ratsmitglieder einig, zu einem Ende der Blockade des Gazastreifens durch Israel und einem Stopp der Raketenangriffe auf Süd-Israel aufzurufen. Aus Sicht der USA verteidigt sich Israel mit der Blockade selbst.

AFP / AFP