HOME

Bewohner suchen Schutz: "15 Minuten, dann können wir und unsere Familien tot sein" – Raketenalarm schreckt Hawaii auf

Es ist eine Panne, die nicht passieren darf. Den Bewohnern des US-Bundesstaates Hawaii wurde ein falscher Raketenalarm aufs Handy geschickt. Die Nachricht löste Panik und Todesängste aus. Inzwischen kennen die Behörden den Grund für den Fehler.

Es ist gegen acht Uhr morgen Ortszeit (18 Uhr MEZ), als auf Hawaii der Krieg beginnt: "Notfall-Warnung: Ballistische Rakete unterwegs nach Hawaii. Suchen Sie sofort Schutz. Dies ist keine Übung", lesen die Bewohner der US-Inselgruppe auf ihren Handys, Fernsehsender blenden Laufbänder ein, Radiostationen unterbrechen ihr Programm.

Ein Screenshot der Push-Mitteilung

Diese Push-Nachricht erhielten die Hawaiianer auf ihre Handys: "Notfall-Warnung: Ballistische Rakete unterwegs nach Hawaii. Suchen Sie sofort Schutz. Dies ist keine Übung."

Die 1,4 Millionen Hawaiianer wissen, was zu tun ist. Erst im Juli hatten die Behörden Übungen für den Fall eines Raketenangriffs angekündigt und ihre Bevölkerungsinformationen aktualisiert: "Get inside, stay inside, stay tuned", heißt es in den Anweisungen. Schutz suchen, drinnen bleiben, Radio hören. Der Hintergrund für die Aufklärungskampagne: Das lauter werdende Säbelrasseln zwischen der US-Regierung und dem Regime in Nordkorea. Hawaii ist nur rund 7500 Kilometer von Pjöngjang entfernt, eine Interkontinentalrakete bräuchte nach Angaben des Pentagons gerade einmal 20 Minuten für die Strecke. Hawaii gilt als eines der ersten Ziele eines potenziellen nordkoreanischen Raktenangriffs.

+++ Lesen Sie dazu im stern: Wie sich Hawaii auf einen Atomschlag aus Nordkorea vorbereitet +++

Macht Kim Jong Un jetzt ernst? Auf den Alarm reagieren einige Bewohner Hawaiis panisch, sie geraten in Todesangst. Bange Minuten, bis es Entwarnung gibt: "Keine Raketenbedrohung für Hawaii", erklärt die zuständige Behörde knapp auf Twitter. Fehlalarm.

Raktenalarm sorgt für Panik auf Hawaii

Mehr als eine halbe Stunde rechnen die Hawaiianer mit dem Einschlag einer Rakete. Zeit, in der Menschen besorgte WhatsApp-Nachrichten an Freunde und Bekannte schicken und versuchen, irgendwie irgendwo Schutz zu finden. Der "Honululu Star Advertiser", die größte Tageszeitung Hawaiis, berichtet von dramatischen Szenen:

Auf dem internationalen Flughafen in der Hauptstadt Honolulu sei die Passagierabfertigung unterbrochen worden, Mitarbeiter und Fluggäste hätten in unteren Stockwerken des Gebäudes Schutz gesucht. Der Polizei-Notruf in der Stadt sei zusammengebrochen, tausende verängstigte Anrufer seien nicht durchgekommen. Die Polizisten der Inselgruppe seien unter den ersten gewesen, die erfahren hätten, dass es sich um einen Fehlalarm handelte und hätten versucht, die Bürger zu beruhigen.

Der öffentliche Nahverkehr stand laut "Honolulu Star Advertiser" still, Fahrgäste seien zum Aussteigen aus den Bussen aufgefordert worden. Ein Fahrer habe seine Passagiere zu einer Polizeistation gefahren.

Panik auch in einem Park: Dort seien zeltende Familien zu ihren Autos gerannt. "Die erste Reaktion war, die Kinder zu nehmen und sicherzustellen, dass wir alle zusammen bleiben", sagte einer der Camper der Zeitung.

"Jemand hat den falschen Knopf gedrückt"

Ein Student veröffentlichte Videos vom Campus der Universität, die zeigen, wie Menschen aufgeschreckt über das Gelände rennen.

Auch die Golfprofis, die zurzeit auf Hawaii ein Turnier bestreiten, wurden durch den Fehlalarm erwischt: US-Profi J.J. Spaun verschanzte sich im Keller seines Hotels, wie er auf Twitter schrieb. Und sein Landsmann John Peterson twitterte: "Mit meiner Frau, Baby und Schwiegereltern unter Matratzen in der Hotelbadewanne."

Die Kongressabgeordnete Tulsi Gabbard aus Hawaii sagte nach dem Fehlalarm, viele Menschen hätten Todesangst gehabt. "Die Leute bekamen die Nachricht und dachten: 15 Minuten. Wir haben 15 Minuten, dann können wir und unsere Familien tot sein."

"Das war der schlimmste Moment in meinem Leben", berichtete eine hawaiianische Abenteuerreisende der Nachrichtenagentur AFP. Sie habe auf ihren Reisen schon viele "beängstigende Situationen" erlebt, doch nichts sei so schrecklich wie eine Rakete, die "alle, die Du kennst und liebst" töten könnte.

Die 28-jährige New Yorkerin Lauren McGowan machte gerade Urlaub auf Maui, als die Warnung auf ihrem Smartphone aufblinkte. Mitarbeiter des Hotels hätten sie und andere Gäste sofort in den Keller geschickt, doch niemand habe eigentlich gewusst, "was da eigentlich vor sich geht". Twitter-Nutzer Andy Priest schrieb, seine Eltern dachten schon, ihre letzte Stunde sei geschlagen - sein Vater habe daraufhin gesagt, er wolle mit dem Blick auf den Ozean sterben.

Erst nachdem die Behörden die Panne eingestanden hatten, machte sich Beruhigung auf Hawaii breit. "Es war eine sofortige Erleichterung, aber auch Ärger, dass es überhaupt passieren kann, so viele Menschen in solch eine Panik zu versetzen", berichtet eine Touristein der Nachrichtenagentur AP.

Die Behörden gaben sich mit einiger Verzögerung nach dem Fehlalarm reumütig und baten die Bevölkerung um Entschuldigung für den "Schmerz und die Verwirrung". "Das hätte nicht passieren dürfen", sagte Hawaiis Gouverneur David Ige. Die knappe Begründung für den Fehlalarm lautete zunächst: Jemand habe "den falschen Knopf gedrückt". Inzwischen haben die Verantwortlichen weitergehende Erklärungen zu dem Vorfall abgegeben (Lesen Sie dazu im stern: "Falscher Raketenalarm auf Hawaii hat eine erschreckend lapidare Erklärung").

mit Material von DPA und AFP