VG-Wort Pixel

US-Wahlkampf Hillary Clintons großer Deal

Hillary Clinton inmitten ihrer Anhänger während des Wahlkampfauftakts auf Roosevelt Island
Hillary Clinton inmitten ihrer Anhänger während des Wahlkampfauftakts auf Roosevelt Island
© Lucas Jackson/Reuters
Wenn wahr wird, was Hillary Clinton bei ihrem Wahlkampfauftakt in New York versprach, dann steht Amerika vor einer sozialen Revolution. Wird die Mittelschicht ihr das glauben?
Von Norbert Höfler, New York

Von Manhattan geht es mit der Seilbahn hinüber nach Roosevelt Island. Die schmale Insel liegt im East River, mit Blick auf die Skyline von New York. Jeder Spiderman-Fan erinnert sich sofort an die Szene, in der sich Peter Parker entscheiden muss: Rettet er Mary Jane aus den Klauen des Grünen Kobolds oder die panisch kreischenden Kinder in der Seilbahn?

In diesem Gefährt schaukeln wir an diesem Samstagvormittag hinüber auf die Insel, die für New Yorker das Gute und das Böse zugleich symbolisiert. Auf Roosevelt Island wurden psychisch Kranke unter furchtbaren Bedingungen weggesperrt. Es gab eine Quarantänestation für Pockenkranke und ein berüchtigtes Gefängnis. Vor etwa 120 Jahren wurden die Anstalten geschlossen und die Gebäude abgerissen. Das Gute zog auf die Insel. Es wurden bezahlbare Mietwohnungen für die New Yorker Arbeiter- und Mittelschicht gebaut.

1973 wurde die Insel nach Franklin D. Roosevelt benannt, dem 32. Präsidenten der USA. Er hatte in den 30er Jahren mit seinem "New Deal", ein Staatsprogramm zur Förderung der Wirtschaft, Millionen Frauen und Männer vor Arbeitslosigkeit und Armut bewahrt. In New York wurde zum Beispiel der Flughafen La Guardia gebaut oder Teile der berühmten FDR-Drive, der Stadtautobahn, die rund um Manhattan führt. FDR, Franklin D. Roosevelt wurde zum Retter der Mitte.

Nummer 45 soll die erste Frau werden

Im Park an der Südspitze der Insel tritt gleich Hillary Clinton auf. Sie will als erste Frau, als Nummer 45 ins Weiße Haus einziehen. Über 5000 Anhänger sind gekommen, ein buntes Großstadtvolk, viele junge Frauen, auch viele Lesben und Schwule. Sie warten gespannt in der New Yorker Junihitze auf Hillary Clintons Rede zum Auftakt ihres Wahlkampfes. Denn, wie damals in den 30er Jahren, fürchten auch heute viele Amerikaner ökonomisch und gesellschaftlich abzurutschen. Viele haben seit zehn oder zwanzig Jahren keine reale Lohnerhöhung mehr bekommen. Das Land erlebt eine beispiellose De-Industrialisierung. Es gibt Millionen Billigjobs, aber kaum noch gut bezahlte Industriearbeit.

Für Hillary Clinton ist es eine ihrer wichtigsten Reden. Sie will den Ton für ihren Wahlkampf setzen. Vor allem Amerikas Mittelschicht für sich gewinnen. Deshalb wählte sie die Insel Roosevelts. Wochenlang haben ihre Helfer nach dem richtigen Ort für diesen Auftritt gesucht.

Hillary grenzt keinen aus

Im Vorprogramm zu ihrem Auftritt trommelt eine schwarze Band aus Brooklyn. Eine illegal in die USA eingewanderte Mexikanerin erzählt auf spanisch von ihrem Traum, Amerikanerin werden zu können. Eine weiße Pop-Band aus Kalifornien spielt drei Songs zum Mitklatschen. Hillary grenzt keinen aus. Und dann kommt sie selbst.

Strahlend blauer Hosenanzug, wolkenloser Himmel, beste Laune. Sie weiß natürlich, dass ihre Umfragewerte in den vergangenen Wochen abgestürzt sind. Dass es Zweifel an ihr gibt. 57 Prozent der Amerikaner sagen, Hillary Clinton sei nicht ehrlich. Seit März ein Vertrauensverlust von beinahe 10 Prozentpunkten. Und weniger als die Hälfte der Befragten glaubt ihr, dass sie die schwierige Lage der Mittelschicht im Land wirklich verbessern kann.

Da galt es gegenzuhalten. Hillary Clinton redet eine Dreiviertelstunde lang. Es gibt oft Applaus und begeisterte „Hillary!“-Rufe. Was sie skizziert, ist der Plan für eine soziale Revolution.

Wenn sie als Präsidentin ihre Ideen tatsächlich umsetzen kann, wäre Amerika schon in wenigen Jahren nicht wieder zu erkennen. Das Land wäre viel moderner, viel sozialer, viel gerechter, viel grüner als heute. Ein bisschen wie Deutschland, aber mit deutlich mehr Wettbewerb und Marktwirtschaft.

Aber der Reihe nach.

Hillary Clinton und ihre Familie beim Wahlkampfauftakt auf Roosevelt Island
Familienfoto: die Clintons bei Hillarys Wahlkampfauftakt
© John Moore/Getty Images/AFP

In Hillary Clintons neuer Welt, soll der Reichtum neu verteilt werden. Nicht nur unter Hedgefondsmanagern und Konzernchefs. Auch Lastwagenfahrer und Krankenschwestern sollen ihren Teil vom Wohlstand bekommen. Schluss mit der wachsenden Ungleichheit. Hillary Clinton im O-Ton: "Während viele Zweitjobs brauchen, um über die Runden zu kommen, verdienen die 25 am besten bezahlten Hedgefondsmanager mehr als alle Kindergärtnerinnen in ganz Amerika."

Im Amerika der Hillary Clinton soll es künftig Lohnfortzahlung im Krankheitsfall geben. Ja, sogar bezahlte Erziehungszeiten für Frauen und Männer. Kindergartenplätze für alle. Die weltbesten Lehrer. Höhere Mindestlöhne, gleiche Bezahlung unabhängig vom Geschlecht und von der Hautfarbe. Schluss mit der Diskriminierung von Schwulen, Lesben und Transsexuellen. Ein neues und faires Steuerrecht. Auf jeden Fall keine Steuerentlastung für Millionäre, wie Clinton selbst eine ist. Arbeiter sollen wieder für ihre Rente sparen können. Konzerne sollen nicht länger ihre Gewinne fast steuerfrei im Ausland bunkern. Amerika soll mehr Solar- und Windenergie erzeugen. Mehr Biotreibstoffe produzieren. Gegen den Klimawandel kämpfen. Die neue grüne Supermacht im 21. Jahrhundert werden. Und wie Roosevelt will Hillary Clinton das Land sanieren, Straßen, Brücken, Stromleitungen in Stand setzen. Sie will eine Infrastrukturbank gründen, die den Umbau Amerikas über den Verkauf von Bonds finanziert.

Wenn Hillary Clinton das alles, oder nur die Hälfte davon, tatsächlich gelänge, es wäre eine politische Sensation.

Hillary Clinton setzt alles daran, bei den Wählern der Mitte zu punkten. Deshalb erzählt sie auf Roosevelt Island auch die Lebensgeschichte ihrer Mutter. Die als Kind von ihren Eltern misshandelt und mit acht Jahren zu den Großeltern abgeschoben wurde. Die mit 14 als Hausmädchen arbeiten musste. Die dann das Glück hatte, doch noch zur Schule gehen zu dürfen und schließlich den Aufstieg in die amerikanische Mittelschicht schaffte. Hillary Clinton zitiert einen Satz ihrer Mutter: "Hillary, im Leben geht es nicht darum, was dir zustößt oder angetan wird. Es geht darum, was du aus dem machst, was dir zustößt oder angetan wird. Geh raus, und kämpfe!"

Sie kann jetzt auch über sich selbst lachen

Und anders als 2008, als Hillary Clinton in den Vorwahlen des Präsidentschaftswahlkampfes gegen Barack Obama verlor, zeigt sie jetzt, dass sie über sich selbst auch lachen kann. Sogar über ihr Alter. Sie sagt: „Ihr werdet nicht sehen, wie ich im Weißen Haus graue Haare bekomme. Ich färbe sie schon seit Jahren.“ Hillary Clinton ist 67. Ihr Publikum lachte und klatschte.

Hillary Clinton zieht nun in den wichtigsten Kampf ihres Lebens. Sie kann tatsächlich die erste Frau an der Spitze der Weltmacht USA werden.

Während der Rede stehen ihre wichtigsten Helfer beim Projekt "Hillary for President" am Bühnenrand: Bill, ihr 68-jähriger Mann. Und Chelsea, ihre 35-jährige Tochter. Beide umarmen Hillary Clinton nach ihrer Rede. Bei Bill und Hillary sieht es fast so aus wie damals, als die Affäre mit Monica Lewinsky aufgeflogen war und sich das Ehepaar im Urlaub unbeobachtet fühlte und in den Armen hielt.

Da wusste die Nation, die Clintons treibt keiner auseinander. Die Liebe und die Lust an der Macht halten sie zusammen. Wenige Stunden nach dem Auftritt seiner Frau twitterte Ex-Präsident Bill Clinton: "Ein stolzer Tag, den ich nie vergessen werde."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker