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Indien: Frauen schlagen zurück - wortwörtlich

Die Nachrichten von Gruppenvergewaltigungen in Indien sind tief verstörend. Indische Frauen fühlen sich von Behörden und Gesellschaft so allein gelassen, dass sie selbst zurückschlagen.

Von Sophie Albers

Rot für Gefahr, Schwarz für Protest ist die Kleidung der roten Brigade, die so gar nichts mit der Brigate Rosse zu tun hat, sondern mit indischen Frauen, die genug haben. Genug vom täglichen Spießrutenlauf durch Männerblicke und -hände, genug von der allgegenwärtigen Bedrohung, vergewaltigt zu werden.

Seitdem im Dezember in Delhi eine Medizinstudentin von einer Gruppe Männer vergewaltigt und dem Tod überlassen wurde, ist die Verachtung für Frauen in der indischen Gesellschaft ein internationales Thema. Während Bollywoodstar Shah Rukh Khan sich lautstark solidarisierte: "Ich schäme mich, Teil dieser Gesellschaft und Kultur zu sein. Ich schäme mich, ein Mann zu sein", gaben geistliche Führer und Politiker Führer dem Opfer eine Mitschuld.

Amma, in Indien wie eine Heilige verehrt, vor allem aber ohne Pause für die Ermächtigung der Frau arbeitende "Umarmerin", sagte dem indischen Magazin "Outlook", die indische Gesellschaft verliere zunehmend ihre spirituellen Werte wie Liebe, Mitgefühl und Geduld. "Und solange wir unseren Kindern diese Werte nicht mit auf den Weg geben, wird es keine wirkliche Veränderung geben. (…) Eltern müssen ihren Söhnen Respekt für Frauen beibringen, freundlich und verständnisvoll zu sein. Frauen müssen in ihren Herzen Muskeln entwickeln. Bis dahin sollten sie allerdings nur in Gruppen auf die Straße gehen, vor allem nachts."

Zuerst gibt es eine Verwarnung

Usha Vishwakarma und ihre rote Brigade tragen nicht nur im Herzen Muskeln. Auf dem Dach einer Schule, die Usha gegründet hat, damit Mädchen sich sicher fühlen, trainieren Mädchen und junge Frauen Kampfsport. Davon berichten unter anderem der "Guardian", der "The National" und die "taz". Sie üben die Tritte und Schläge nicht nur, um sich zu wehren, auch um zu bestrafen. Und einige Männer der Drei-Millionen-Stadt Lucknow, gut 480 Kilometer südöstlich von Delhi, haben auch schon gelernt. Zuerst gibt es eine Verwarnung, einen Besuch, manchmal mit der Polizei. Wenn alles nichts bringt, wird der Mann verprügelt.

Gemäß offiziellen Zahlen wird in Indien alle 22 Minuten eine Frau vergewaltigt. Die Dunkelziffer ist nur zu erahnen. Jedes Mitglied der roten Brigade hat selbst sexuelle Nötigung erfahren, heißt es. Usha entkam knapp einer Vergewaltigung durch einen Kollegen an ihrer alten Schule. Auch die anderen Frauen berichten von Anzüglichkeiten, Drohungen und Handgreiflichkeiten als täglicher Routine. Auf die Behörden verlässt sich niemand mehr, berichten die Frauen.

"Eltern sagen ihren Töchtern, dass sie zu Hause bleiben sollen, damit ihnen nichts passiert", erzählt Vishwakarma. Aber dann können sie auch nicht in die Schule gehen, um zu lernen. "In den Köpfen der Männer sind Mädchen Objekt, das war immer so", sagt die junge Lehrerin. "Aber wir nehmen das nicht länger hin, wir kämpfen für uns selbst."

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