Israel Ex-Agentin auf dem Weg zur Macht


Tzipi Livni ist eine potentielle Nachfolgerin des israelischen Premierministers Ehud Olmert, der seinen Rücktritt angekündigt hat. Wenn es aber bei den Wahlen einen Rechtsruck geben sollte, könnte es für die ehemalige Geheimdienstagentin und derzeitige Außenministerin Livni schwierig werden.
Von Sabine Brandes

Die Israelis haben bekommen, was sie wollten. Ehud Olmert gibt sein Amt ab. Der Premier, der seit Monaten in eine hochkarätige Korruptionsaffäre verstrickt ist, haderte mit seinem Rücktritt. Dabei forderte die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung schon eine Weile, dass er endlich Platz für einen neuen macht. In seiner Rede, die live im Fernsehen übertragen wurde, verkündete Olmert, er werde bei den Wahlen seiner Partei Kadima nicht kandidieren und danach vom Amt des Premierministers zurücktreten.

Livni gilt als Senkrechtstarterin in der Politik

Wer dann bei Kadima ganz oben stehen wird, ist fast schon klar: Tzipi Livni. Ganz offen hatte die Außenministerin nach Bekanntwerden der ersten Vorwürfe gegen Olmert Stimmung gemacht und sich so inoffiziell an die Spitze katapultiert. Einziger wirklicher Konkurrent könnte Verkehrsminister Shaul Mofaz sein, der unter Olmerts Vorgänger, Premier Ariel Scharon, Verteidigungschef war und als Politikveteran gilt. In Umfragen steht Livni mit 38 Prozent vor Mofaz (26 Prozent). Schafft Kadima es nicht, eine neue Regierung zu stellen, würde Olmert bis zu den landesweiten Wahlen im März 2009 die Amtsgeschäfte weiterführen. Die Wahlen im September sind die ersten Führungswahlen für die Zentrumspartei Kadima - Hebräisch für Vorwärts -, die der einstige Ministerpräsident Scharon 2005 als Gegengewicht zum rechtsgerichteten Likud gegründet hatte.

Livni gilt als Senkrechtstarterin in der Politik. Sie ist verheiratet und hat zwei Söhne. Aufgewachsen als Tochter zweier Irgun-Aktivisten, einer jüdischen Untergrundorganisation, die während der britischen Mandatszeit in Palästina Anschläge gegen Briten und Araber verübte, kam sie schon als Kind mit Politik in Berührung. Nach ihrem zweijährigen Armeedienst ließ sie sich vom israelischen Geheimdienst Mossad anheuern. Es ist mehr als 20 Jahre her, doch noch immer hängt ihr eine gewisse Aura des Geheimnisvollen an. Niemand weiß genau, was sie in den vier Jahren als Agentin in Paris getan hat, Livni selbst verliert kein Wort darüber. Dennoch schätzen sie Öffentlichkeit wie Medien gleichermaßen.

Einfach und volksnah.

Die 49-jährige Frau mit den herben Gesichtszügen und der dunklen Stimme gibt sich einfach und volksnah. Offiziell kleidet sie sich unauffällig, meist in gedeckten Hosenanzügen, privat trägt sie am liebsten Jeans und Pullis. In ihrer Freizeit spielt sie Schlagzeug. In die Knesset, das israelische Parlament, kam sie 1999 als Mitglied des Likud - jener Partei, die schon ihre Eltern gewählt hatten. Mittlerweile gehört sie der Zentrumspartei Kadima an.

Es folgte eine Karriere, wie sie steiler nicht hätte sein können: Innerhalb von sieben Jahren schaffte sie es bis zur Außenministerin und Chefunterhändlerin bei den Gesprächen mit den Palästinensern. Tzipi Livni gilt schon heute als mächtigste Frau des Landes. Gemocht wird sie vor allem für ihren Mangel an Arroganz, sie ist offensichtlich eine, die die Fäden gern hinter den Kulissen zieht. Wenn es darauf ankommt jedoch, macht sie ihren Mund auf. Sie war die erste, die Olmert nach dem Libanon-Desaster von 2006 zum Rücktritt aufforderte.

Derzeit ist noch alles offen

Ob sie es in einigen Wochen tatsächlich bis ganz nach oben schafft, darüber gehen die Meinungen stark auseinander. Viele politische Analysten meinen, sie habe definitiv das Zeug, eine zweite Golda Meir zu werden - im positiven Sinne. Andere sagen, die Kadima-Partei habe zu wenig Profil, um eine Regierung zu stellen oder die nächste Wahl zu gewinnen.

Livni oder doch ein anderer, derzeit ist noch alles offen. Schließlich ist sie nicht die einzige, die Ambitionen hat. Mindestens genauso hartnäckig sind zwei Altbekannte, Benjamin Netanjahu und Ehud Barak, beide ehemalige Ministerpräsidenten. Sie kennen das schlittrige politische Parkett ihres Landes schon seit Jahren. Netanjahu gilt mit seinem rechtsgerichteten Likudblock nicht gerade als Partner für offene Gespräche mit Regierenden jenseits des Grenzzaunes. Barak ist Vorsitzender der Arbeitspartei, die an der Regierungskoalition beteiligt ist, er hat das Amt des Verteidigungsministers inne. In seiner Zeit als Ministerpräsident hatte er dem damaligen PLO-Chef Arafat das bisher großzügigste Angebot gemacht, um den Konflikt mit den Palästinensern beizulegen. Doch Arafat ging das Angebot nicht weit genug - er lehnte ab und Barak scheiterte.

In Umfragen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens sieht momentan alles nach einem Rechtsruck bei den Wahlen im nächsten Jahr aus: Netanjahu liegt mit 36 Prozent vorn, gefolgt von Livni mit 24,6 und Barak mit zwölf Prozent. Dass es bei einem solchen Ergebnis in naher Zukunft zu einem echten Frieden mit allen Nachbarn kommt, ist nur schwer vorstellbar.


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