Kriegsopfer in Nahost "Mein Gott, was haben wir denen getan?"

Als Arzt arbeitete der Palästinenser in einer Klinik bei Tel Aviv und trat mit seiner Familie für den Frieden zwischen Arabern und Juden ein. Nun wurde ganz Israel Zeuge, wie Dr. Izz al-Din al-Aisch in Gaza drei Töchter verlor. Vermutlich durch den Beschuss eines israelischen Panzers.
Von Christoph Reuter

Ich bin wach geblieben, die halbe Nacht, um mit der jüdischen Gemeinde in Pittsburgh sprechen zu können! Von Gaza aus, während wir Todesangst hatten. Und so gut wie keinen Strom mehr fürs Telefon." Der Stimme ist nicht zu entnehmen, ob Dr. Izz al-Din Abu al-Aisch stolz darauf ist - oder ob er es für einen Akt des Irrsinns hält. Aber das gilt wohl für das ganze Leben des palästinensischen Arztes und Friedensadvokaten.

Im amerikanischen Pittsburgh hatten sich am Abend Dutzende versammelt, um die rauschende Stimme des Doktors aus Gaza zu hören. Die Stimme eines Unerschütterten, der erzählte, dass es nichts bringen werde, immerfort aufeinander zu schießen. Der weiterhin Frieden mit Israel wollte. Auch wenn dessen Soldaten draußen vor seinem Haus gerade "auf alles schießen, was sich bewegt".

Die Juden in Amerika waren nicht die Einzigen, die den Worten des Arztes lauschten. Fast jeden Abend hörte auch das israelische Publikum die Stimme des Doktors aus Gaza, wenn er von der Angst um seine Kinder, von den Bomben, von den Krankenhäusern ohne Blutkonserven sprach und davon, dass es nirgends Schutz gebe.

Die Stimme der Vernunft

Hunderte sterben, bald tausend Palästinenser in Gaza. Zahlen ohne Gesichter für die Israelis, von denen mehr als 85 Prozent den Krieg für richtig halten. Aber sie kennen Dr. Izz al-Din Abu al-Aisch, der mit der Unschuld des Arztes zwischen den Fronten steht. Stets interviewt ihn der Moderator Schlomi Eldar für den israelischen Privatsender Channel 10. Dr. Izz al-Din Abu al-Aisch, die Stimme der Vernunft, die auch Hebräisch spricht. Zumal Israel die Grenze nach Gaza für Journalisten gesperrt hat, um Augenzeugenberichte zu verhindern.

Als am 14. Januar während der Sendung ein israelischer Panzer auf sein Haus zurasselt, bittet der Doktor den Moderator live, die Armee anzurufen, beschreibt sein auffälliges Haus und fleht, dass der Panzer abziehen möge. Er dreht schließlich ab.

Auch am Freitagabend des 16. Januar will Schlomi Eldar ihn anrufen. Es ist ruhiger geworden in Gaza, nach ungefähr 1300 toten Palästinensern und zehn toten israelischen Soldaten scheint ein Waffenstillstand nahe. Bevor Eldar anrufen kann, klingelt das Telefon. Am anderen Ende: der Arzt, aber nicht mehr mit der Stimme eines Berichterstatters. Er schreit, er klagt, er weint, in einem Durcheinander aus Arabisch und Hebräisch, "mein Gott, Schlomi, meine Töchter, keiner kann zu uns durchkommen, meine Töchter, Gott!" Eldar will vermitteln, fragt, ob jemand von der Armee zuschaue, vielleicht zu Hause, ob man eine Ambulanz schicken könne, da unterbricht ihn der Arzt: "Ich will sie retten, aber sie sind tot! Tot! Sie starben sofort, Schlomi, mein Gott, was haben wir getan, Gott? Was haben wir denen getan?! Sie haben meine Töchter umgebracht!"

Verzweiflungsschreie aus dem Mobiltelefon

Mit versteinertem Blick lässt Eldar den Arzt sprechen. Er fragt ihn nach der nächsten Straßenkreuzung, spricht in die Schreie des verzweifelten Vaters. Quälende drei Minuten und 35 Sekunden lang hält Schlomi Eldar das schwarze Mobiltelefon in der Hand und lässt das Sterben der anderen in Israels Wohnzimmern ankommen. "Ich kann dieses Gespräch jetzt nicht beenden, sondern werde das Studio verlassen." Sagt der Moderator, steht auf und geht. Mitten in der Sendung.

Familie Abu al-Aisch saß im Inneren des Hauses, draußen war es dunkel. Zwei Granaten haben das Haus getroffen, haben drei Töchter von Izz al-Din Abu al-Aisch und eine Nichte zerfetzt, haben eine weitere Tochter, noch eine Nichte und einen Bruder des Arztes schwer verletzt. Einen Kilometer stolpern die Überlebenden durchs Kampfgebiet. Bis sie ein paar Männer mit einem Handkarren finden, auf den sie die Verwundeten laden. Immer noch nicht wissend, wie sie ein Krankenhaus erreichen sollen.

Durch Eldars Appell gelingt es schließlich, einen Krankenwagen bis zum Checkpoint Erez fahren zu lassen, wo die Verletzten in israelische Ambulanzen umgeladen und nach ein paar Kilometern per Hubschrauber ins Chaim-Sheba-Krankenhaus bei Tel Aviv gebracht werden - Abu al-Aischs Arbeitsstelle.

Er hatte einst in Kairo Medizin studiert und wurde 1993 der erste wie einzige palästinensische Arzt aus Gaza im israelischen Soroka-Krankenhaus in Bersheva. Seither hat sich der 53-Jährige für eine Verhandlungslösung mit Israel eingesetzt. Mit lauter rationalen Gründen, die im Mahlstrom des gegenseitigen Hasses und Misstrauens immer fremder klangen. "Aber ich sehe jeden Tag den Preis, den wir bezahlen, wenn wir es nicht tun." Er hat in Harvard geforscht, ein Jahr für die Weltgesundheitsorganisation in Kabul gearbeitet. Er hätte fortgehen können, wie so viele gut ausgebildete Palästinenser. Aber er ist immer zurückgekommen, arbeitete selbst weiter in Soroka und später im Tel Aviver Sheba-Krankenhaus, als die zweite Intifada im Jahr 2000 losbrach: "Ab da musste ich zu Fuß durch die Checkpoints."

Zwischen den Fronten

Vielleicht war das alles nur möglich, weil er Arzt ist. Und weil er kleine Erfolge erzielte als letzter Mittler zwischen den Fronten: Hunderte schwer erkrankter Palästinenser, die in Gaza nicht behandelt werden konnten, brachte er aus dem von der Hamas beherrschten Gebiet heraus. Die Kostenübernahme zur Behandlung musste er von der mit der Hamas verfeindeten Fatah-Regierung in Ramallah besorgen, bevor er die Patienten in israelische Krankenhäuser schaffte. Die Hamas ließ ihn gewähren. Auch Unversöhnliche haben kranke Verwandte.

Selbst als Israel Ende Dezember den Angriff "Operation geschmolzenes Blei" begann und Gaza im Bombenhagel versank, hätte Dr. Abu al-Aisch nach Israel kommen können. Aber er ist in Gaza geblieben. Im September starb seine Frau an Leukämie, "und ich konnte meine Kinder doch nicht allein lassen".

Die Überlebenden des Granatenangriffs liegen nun im Chaim-Sheba-Krankenhaus, Israels größter Klinik. Die gerät immer wieder in die Schlagzeilen, weil hier Zimmer an Zimmer, Flur an Flur die Opfer aller Kriegsparteien landen. Eine Handvoll Palästinenser aus Gaza, 42 israelische Soldaten, daneben zwei junge Fatah-Kämpfer, denen die Hamas in die Beine geschossen hat und die den Krieg nun verwirrt im Fernsehen gesehen haben: "Sollen sie die von der Hamas umbringen, aber ich habe Angst um meine Frau", sagt einer der beiden. Monatelang lagen zwei kleine Jungen mit ähnlich schweren Beinverletzungen auf einem Flur: ein Palästinenser aus Gaza, den eine israelische Rakete verletzt hatte, und ein Israeli aus Sderot, den ein Schrapnell einer Hamas-Rakete traf.

"Wir kümmern uns nicht darum, was andere sagen", sagt Direktor Zeev Rothstein, "wir sind ein Krankenhaus. Jeder, der hier unsere Hilfe braucht, wird sie bekommen. Aber es ist absurd." Er tätschelt den kahl geschorenen Kopf eines verletzten israelischen Offiziers, spricht von der Notwendigkeit des Krieges und davon, dass man alles tun werde, Abu al-Aischs verletzte Tochter zu retten, seinen Bruder Nasr und die zwischen Leben und Tod schwebende Nichte Ghada. Von hier aus betrachtet, scheint der hippokratische Eid eine verrückte Idee zu sein. "Aber vielleicht sind die anderen alle verrückt?", sagt einer der israelischen Freunde des palästinensischen Arztes, der gekommen ist, Beistand zu leisten. Vielleicht sei es in diesem Land verrückt, dass Ärzte alle Menschen gleich behandeln wollen - egal, wem Gott dieses Land versprochen habe.

Ein Zeichen setzen

Am Mittwoch der vergangenen Woche, als die Waffenruhe endlich spürbar wurde, als die Menschen in Gaza aus ihren Kellern kriechen, vor den Ruinen Feuer machen und nach Nahrung suchen, darf Abu al-Aisch auch seine unverletzten vier Kinder nach Tel Aviv bringen. Seine drei toten Töchter hat er zu Grabe getragen: Bisan, 20, die in "Friedenscamps" im US-Staat New Mexico jüdische Israelinnen kennengelernt hatte, ihre kleinen Schwestern Majar, 15, und Aja, 13. "Bisan hatte Angst, aus Amerika zurückzukehren", erinnert sich ihre Freundin Hawad aus Tel Aviv, "weil wir uns hier nie wieder sehen könnten. Zwei Stunden Autofahrt, aber eine unüberwindliche Grenze." Das war noch vor dem Krieg.

Nun liegt Gaza in Trümmern, nur die Hamas ist immer noch da. Viele Tunnel nach Ägypten, durch die Waffen, Nahrungsmittel und Treibstoff geschmuggelt wurden, sind Tage später schon wieder geräumt. Die Hamas kann immer noch ihre selbst gebauten Raketen abfeuern. Doch um all diese erklärten Ziele des Krieges sei es gar nicht gegangen, schreibt selbst sein Befürworter Shai Golden in der Tageszeitung "Haaretz": sondern einfach darum zu zeigen, dass Israel mit zerschmetternder Wucht zuschlagen könne, "dass es sich als der wahre 'Boss' in der Region fühlen darf!"

Seit dem Libanonkrieg 1982, als der Verteidigungsminister und spätere Premier Ariel Scharon zur Strafexpedition befahl, ein für alle Mal mit der PLO im Libanon aufzuräumen, hat es nicht mehr so viele Opfer gegeben. Der Krieg endete mit mehr als zehntausend Toten und dem Massaker an Zivilisten durch libanesische Milizionäre. In Israel trainiert, zogen sie durch die Flüchtlingslager Sabra und Schatila und metzelten deren Bewohner nieder. Abgeschirmt durch israelische Truppen, die nachts mit Leuchtgranaten für genügend Licht sorgten.

"Ich gehe davon aus, dass alle Menschen gleich sind"

Dem Krieg 1982 folgten weitere, eine Endlosschleife des Tötens, die immer neue Feinde schuf. Die PLO ging, Hamas und Hisbollah kamen. Und im Sheba-Krankenhaus, wo alle einander begegnen, liegt ein paar Hundert Meter neben der halben Familie Abu al-Aisch auch der untote Urheber des Krieges von 1982: Ariel Sharon wird seit einem Schlaganfall vor drei Jahren in der Klinik für künstliche Beatmung am Leben erhalten.

Dr. Abu al-Aisch will immer noch Frieden. "Ich bin Arzt", sagt er, "ich gehe davon aus, dass alle Menschen gleich sind." Er könne es ertragen, wenn die israelische Armee zugeben würde, seine Töchter aus Versehen getötet zu haben. Danach sieht es jedoch nicht aus.

Israelische Truppen seien aus der Nähe beschossen worden, hatte ein Sprecher der Armee unmittelbar nach dem Angriff erklärt. Sie hätten das Feuer erwidert und dabei das Haus des Arztes getroffen. Der widerspricht heftig: "Weder von unserem Haus, noch aus der Nähe gab es vorher Schüsse." Abu al-Aisch wird laut, der kleine Tisch vor ihm scheppert unter seiner Faust: "Sie sollen aufhören zu lügen!"

Die Schuldfrage

Tage später wird der Regierungssender Channel 1 eine neue Version aus Militärkreisen präsentieren: Die Metallsplitter im Kopf der Nichte sähen auf dem Computertomografen aus wie Fragmente einer Hamas-Rakete. Ein Sprecher der Armee erklärt eine Woche nach den Schüssen: Man müsse das gründlich untersuchen, könne nichts zum Vorfall sagen.

Dabei scheint die Indizienlage recht übersichtlich: Die Wohnung des Arztes weist zwei parallele Einschüsse in ungefähr anderthalb Metern Abstand auf. Das lässt sich weder mit Panzerfäusten noch mit den Raketen der Hamas bewerkstelligen. Auch drei andere Häuser in der Nachbarschaft wurden von Geschossen getroffen, deren Einschlagswinkel auf einen Hügel einen halben Kilometer entfernt weist. Dort lag eine israelische Panzerstellung.

Splitter im Haus des Arztes identifizierte der Militärexperte von Human Rights Watch, Marc Garlasco, als Reste von Panzergranaten. Israels Ministerpräsident Ehud Olmert ließ am vergangenen Wochenende verbreiten, er habe weinen müssen, als er Abu al-Aisch vom Tod seiner Töchter erzählen hörte: "Wer tat es nicht?" Channel 1 verbreitete unterdessen, das Militär habe Schmauchspuren gefunden, die nicht auf israelische Granaten hinwiesen. Dr. Izz al-Din Abu al-Aisch sieht endlos müde aus. "Ich will, dass sie wenigstens die Wahrheit sagen. Es ist keine Schande, einen Fehler zu begehen. Aber wenigstens sollen sie ihn zugeben. Wenigstens das."

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